Somalische Frauen tragen ihre tägliche Ration an Trinkwasser zu ihren Zelten im Flüchtlingslager in Dadaab (Kenia). Foto: dpa/Boris Roessler

1,3 Milliarden Einwohner des Kontinents produzieren gerade mal vier Prozent der globalen Treibhausgasemissionen. Doch die Folgen der Misere schlagen vor allem in armen Ländern unverhältnismäßig stark zu.

Die Erwartungen an den ersten Klimagipfel Afrikas könnten kaum größer sein. Beobachter werten das Treffen als „historisch“. Wenn sich diese Woche Dutzende Staatschefs, Hunderte von Regierungsmitgliedern und Tausende Vertreter von Zivilgesellschaften in Kenias Hauptstadt Nairobi treffen, geht es zunächst um den finanziellen Ausgleich, den der für die Klimaerwärmung verantwortliche globale Norden dem Süden zu zahlen hat. Afrika trägt gerade mal zu vier Prozent zum weltweiten Kohlendioxid-Ausstoß bei, hat unter den Folgen der Klimakrise jedoch besonders zu leiden – durch Dürrekatastrophen, Unwetter und Überschwemmungen, die oft zu Hungersnöten führen.

 

Grundsätzlich erklärten sich die Industrienationen, die ihren Reichtum auch der Verfeuerung fossiler Brennstoffe verdanken, bereit, einen jährlichen Lastenausgleich von 100 Milliarden US-Dollar zu leisten. Doch das schon während des Klimagipfels in Paris 2015 gegebene Versprechen wird noch immer nicht erfüllt. Stattdessen pumpen die Regierungen des Nordens Milliarden von Dollar in die Subventionierung ausgerechnet jener Energieträger, die für die Klimakatastrophe verantwortlich sind. Eine der schwer erträglichen Heucheleien, für die der Norden im Süden der Erdkugel berüchtigt ist.

„Wir haben genug gejammert“, sagt Kenias Präsident

Doch Kenias Präsident William Ruto will es mit den Klagen nicht belassen. „Wir haben genug gejammert“, sagt der Gastgeber des Gipfels, „und es hat uns nicht weitergebracht.“ Der unorthodoxe Staatschef will sich stattdessen auf die Chancen konzentrieren, die ausgerechnet die Klimakatastrophe dem Süden bietet. Afrika verfügt über ein gigantisches Potenzial erneuerbarer Energien – und über Rohstoffe, die für die Energiewende dringend gebraucht werden wie Kobalt und Lithium für die Herstellung von Batterien. Würden die Bodenschätze in Afrika veredelt und verarbeitet, statt im Rohzustand exportiert zu werden, könnte damit die Industrialisierung des Kontinents gefördert werden: der Wirtschaftsbereich, der dem Süden nach Auffassung von Entwicklungsfachleuten am meisten fehlt. Afrika habe die einmalige Chance, sich aus seiner Rolle des ständigen Opfers zu befreien, sagt Ruto: „Der Kontinent kann sich in eine Führungsrolle der globalen Klimaaktivitäten katapultieren.“

Vielen Klimaaktivisten sind die Äußerungen des kenianischen Gastgebers allerdings suspekt. Sie sehen darin das Werk von Interessensgruppen aus den Industrienationen, die den Fokus weg von dem für den Norden kostspieligen Finanzausgleich und hin zur Selbsthilfe des Südens leiten wollen. Argwöhnisch machten sie unter den Partnern und Sponsoren des Gipfels eine große Zahl westlicher Lobbyisten aus – so soll die Beratungsfirma McKinsey bei der Vorbereitung der historischen Zusammenkunft entscheidend mitgemischt haben. In einem von über 300 zivilgesellschaftlichen Gruppen unterzeichneten offenen Brief an Präsident Ruto fordern diese vergangene Woche ein „dringendes Zurücksetzen“ der Agenda des Gipfels – damit die Konzentration auf das „weltweite Ziel für Anpassung“ nicht verloren gehe – also das Versprechen der Industrienationen, ab 2020 jährlich 100 Milliarden Dollar für Maßnahmen zur Minderung der von der Klimaerwärmung im Süden angerichteten Schäden zur Verfügung zu stellen.

Das Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) teilt mit, dass Berlin im vergangenen Jahr seiner Verpflichtung nachgekommen ist. Die Bundesregierung habe knapp 6,4 Milliarden Euro an „Klimafinanzierung“ bereitgestellt, hieß es. Er sei sich sicher, dass dieses Ziel auch in den kommenden Jahren erreicht werde, sagte Staatssekretär Jochen Flasbarth.

Das Geld des Emissionshandels kommt Kochern zugute

Umstritten ist auch, wie Kenias Regierung den Kohlenstoffmarkt als Finanzierungsquelle benutzt. Auf dem Klimagipfel vergangenen Jahres in Ägypten wurde Afrikas Kohlenstoffmarkt-Initiative (ACMI) gegründet, die das Volumen des „Ablasshandels“ in Afrika von 16 Millionen Dollar im Jahr 2020 auf 1,5 Milliarden Mitte des Jahrhunderts steigern soll. Beim Emissionshandel zahlen Kohlenstoff ausstoßende Unternehmen an Firmen oder Projekte, die solche Emissionen absorbieren oder vermindern. Auf diese Weise finanziert die kenianische Firma Burn Manufacturing die Herstellung effizienter Kocher: Mit den Einnahmen aus dem Emissionshandel werden die Kosten für die Kocher von 40 auf zwölf Dollar vermindert und damit für kenianische Kleinhaushalte erschwinglich gemacht. Die Firma soll bereits 3,6 Millionen der umweltfreundlicheren Kochstellen verkauft haben.

Kritiker werfen Kenias Präsident Ruto dennoch gerade jenen Emissionshandel vor. Seit dem Pariser Klimagipfel hätten Banken die Förderung fossiler Brennstoffe im Süden mit 3,2 Billionen US-Dollar finanziert, klagt die Hilfsorganisation Action Aid.