Ein neuer Klimarisikoindex erteilt dem Kreis Freudenstadt für das Jahr 2050 die beste Bewertung in Baden-Württemberg. Überdurchschnittlich ist allerdings das Tornadorisiko.
Für alle 400 Kreise und kreisfreien Städte in Deutschland haben Wissenschaftler des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) und der Ergo-Versicherung einen Klimarisikoindex entwickelt. Die Forscher veranschaulichen in ihrem Anfang des Jahres veröffentlichten Bericht, wie verwundbar die städtische Infrastruktur in Deutschland heute und im Jahr 2050 durch Sturm, Starkregen, Hitze, Dürre und Hagel ist. Jedem Landkreis weisen sie Werte auf einer Skala zwischen 0 (geringes Risiko) und 10 (hohes Risiko) zu. Beim Blick auf die so entstandene Deutschlandkarte fällt innerhalb von Baden-Württemberg ein Landkreis besonders auf: Es ist der Kreis Freudenstadt. Mit einem Indexwert von 3,41 erwarten die Forscher dort im Jahr 2050 die geringsten Risiken durch den Klimawandel im gesamten Bundesland.
Warum der Landkreis so gut abschneidet, weiß Jessica Färber von der Köln.Assekuranz Agentur, einer Tochter der Ergo-Versicherung: „Der niedrige Indexwert des Landkreises Freudenstadt lässt sich vor allem durch seine naturräumliche Lage erklären: Die Mittelgebirgslage führt im bundesweiten Vergleich zu unterdurchschnittlich ausgeprägten thermischen Gefahren wie Hitzestress, Dürrestress und Wasserknappheit. Gleichzeitig fehlen größere Flusssysteme, so dass auch das Überschwemmungsrisiko vergleichsweise gering ausfällt.“
Unterschied zu Nachbarlandkreisen
Doch was unterscheidet den Kreis Freudenstadt von seinen unmittelbar angrenzenden Nachbarkreisen? Färber erklärt, dass in den angrenzenden Landkreisen etwas höhere Überschwemmungsrisiken aufträten. Da Überschwemmungen im Klimarisikoindex aufgrund ihres hohen potenziellen Schadens mit der höchsten Gewichtungsstufe berücksichtigt werden, wirkten sich bereits moderate Unterschiede bei diesem Einzelrisiko deutlich auf den Indexwert aus.
Zehn Naturgefahren untersuchten die Wissenschaftler und ließen sie in unterschiedlicher Gewichtung in die Bewertung einfließen: Das sind Hitzestress, Hitzewellen, Wasserknappheit, Dürrestress, Starkregen, Überschwemmung, Sturmfluten, Sturm, Tornado und Hagel.
Die größten Risiken
Jessica Färber berichtet, von welchen dieser Naturgefahren für den Kreis Freudenstadt sowohl heute als auch in der Prognose für 2050 die größten Risiken ausgehen: „Die höchsten Einzelwerte im Klimarisikoindex entfallen im Landkreis Freudenstadt sowohl heute als auch in der Zukunft auf Sturm und Starkregen. Dieses Muster ist jedoch deutschlandweit zu beobachten und nicht spezifisch für den Kreis. Darüber hinaus sind Tornado- und Hagelrisiken im bundesweiten Vergleich überdurchschnittlich ausgeprägt, was plausibel mit der höheren Häufigkeit konvektiver Wetterlagen in Mittelgebirgsregionen zusammenhängt.“
Unter Konvektion versteht man in der Meteorologie den vertikalen Luftaustausch. Warme Luft ist leichter als kalte Luft. Deshalb steigt erwärmte Luft auf, während kalte Luft absinkt. Die Luftbewegungen tragen zu einer Durchmischung der Atmosphäre bei. Die Abkühlung der Luft mit zunehmender Höhe kann dazu führen, dass sich mächtige Gewitterwolken bilden, die oft mit Hagel und Starkregen verbunden sind.
Eher geringe Risiken
Die geringsten Klimarisikowerte entfielen laut Färber im Kreis Freudenstadt auf thermische Gefahren wie Hitzestress, Hitzewellen, Dürrestress und Wasserknappheit. Diese Risiken seien sowohl in der Gegenwart als auch in der Zukunft im bundesweiten Vergleich eher unterdurchschnittlich ausgeprägt. „Nichtsdestotrotz zeigen die Hitzegefahren bis 2050 die deutlichsten Zuwächse von allen Gefahren und gewinnen damit auch im Kreis Freudenstadt zunehmend an Bedeutung“, teilt Färber mit.
Konkrete Handlungsempfehlungen für einzelne Landkreise leite der Klimarisikoindex nicht ab. Er wolle Klimarisiken auf kommunaler Ebene vergleichbar darstellen und das Thema stärker in den öffentlichen Diskurs zu rücken.
Die größten Klimarisiken
Sturm, Starkregen, Hitzestress
Laut Urhebern des Klimarisikoindex stelle Sturm schon heute eine der größten Gefahren deutschlandweit dar: So lägen alle Kreise und kreisfreien Städte über dem Wert von 7,5. Bis 2050 nehme die Bedrohung weiter zu – am stärksten in den Landkreisen Neu-Ulm, Biberach und Lindau. Unter Starkregen leide jede vierte Region in Deutschland (Index über 7,5) – Tendenz steigend. Am stärksten wachse das Risiko in bergigen Regionen. Hitzestress sei aktuell noch keine weit verbreitete Bedrohung, nehme bis 2050 aber am stärksten zu. Bis 2050 hätten 372 der 400 Regionen mit zunehmender Hitze zu kämpfen.