Komisch, sarkastisch, ironisch, originell – und manchmal ernst: Jonas Greiner hat im K3 zwei Stunden lang richtig viel Spaß gemacht. Foto: Eyrich

Einen höchst vergnüglichen Abend mit Blitzlichtern ernster Botschaften hat Jonas Greiner dem Publikum in Winterlingen beschert – schließlich ist er der größte Kabarettist Deutschlands.

Winterlingen - "Bevor Sie fragen: zwei Meter sieben!", sagt Jonas Greiner. Da hat er schon den ersten Lacher, der "größte Kabarettist Deutschlands", wie er sich – zu Recht – nennt. Der bekannteste ist er zwar noch nicht, aber daraus könnte etwas werden, wie das Publikum der Kleinkunstbühne K3 am Samstagabend feststellen durfte: Zwei Stunden lang bogen sich die Gäste vor Lachen, denn der 24 Jahre alte Thüringer aus Lauscha ist nicht nur lang, sondern kann auch kurzweilig und komisch erzählen.

Worüber? Aus seinem Alltag. Aus Lauscha, wo ein Berliner ihn fragte, wo der nächste Bioladen sei. "In Berlin!" Trotzdem möchte er nicht in Niedersachsen wohnen, "wo sich selbst das Meer nur halbtags aufhalten will", und nicht im Saarland, Erich Honeckers Heimat. "Wie schlimm muss es erst im Saarland sein, wenn man von dort in die DDR flüchtet?"

Auch Panzer brauchen ein Warndreieck

Trotz allem Spaß, den Jonas Greiner macht: Ernst kann er auch werden. Die großen Probleme, etwa dass jedes siebte Kind von Hartz IV lebe, gehe dieser Staat nicht an, in dem Polizisten nachts beim Blitzen gelbe Warnwesten tragen müssten, aus arbeitsschutzrechtlichen Gründen, und in dem Panzer Verbandskasten und Warndreieck bräuchten – ein Staat, in dem die Jugend unpolitisch sei, "weil die Politik nicht sonderlich jugendlich ist".

In seiner Heimatgemeinde trifft sich der Gemeinderat in der AWO-Tagespflege. Aber wenigstens "besteht Politik bei uns aus Politik". In Kolumbien bestehe sie aus Kriminalität, und in Österreich werde skandalbedingt "spätestens alle acht Monate die komplette Führungsriege ausgewechselt".

Oma toastet schon Waschlappen, Joe Biden regiert noch

Obwohl Präsident Joe Biden ein Jahr älter ist als seine Oma, "die kürzlich den Waschlappen getoastet hat", ist Greiner seiner Faszination für das Land der unbegrenzten Möglichkeiten gefolgt. Beim Verlesen seines Reise-Tagebuchs kommt eines seiner Talente zum Vorschein: durch Tempo, gepaart mit überzeichneter Absurdität, Komik zu erzeugen und dabei stets den Kreis zum Anfang zu schließen, etwa wenn er erklärt, warum er sich aktuell um drei Ecken mit Friedrich Merz streitet. Szenenapplaus ist mehrfach an diesem Abend die Belohnung.

Seine Zweitstimme wollte keiner kaufen

Zurück in Deutschland fand er einen Kanzler "mit der Ausstrahlung einer abgelaufenen Reiswaffel" vor – und die beiden coolsten Politiker: Christian Lindner und Robert Habeck, der immer aussehe wie ein Bankkaufmann auf der Walz. Kein Wunder, dass seine Zweitstimme, die er in den eBay-Kleinanzeigen verschachern wollte, keiner gekauft hat.

Zur AfD freilich sei schon alles gesagt, deshalb nur so viel: "Nicht jeder, der Björn Höcke wählt, ist ein Nazi. Aber jeder, der Björn Höcke wählt, wählt einen Nazi." Das muss vor der Pause noch raus.

Der Hirnchirurg muss auch Turnen können

"Die zweite Hälfte beginnt mit einer bitteren Erkenntnis: Ich werde alt!", sagt der 24-Jährige, der sich nach der Schule zurücksehnt. Obwohl beim Abschlussball alle ausgesehen hätten wie die Geschäftsleitung eines Dacia-Autohauses, und der Weg vom Buffet direkt zur Gicht geführt habe: alles Fleisch.

An der Schulpolitik lässt er ebenfalls kein gutes Haar. Beispiel: Numerus Klausus für Medizinstudenten. "Die meisten Menschen wünschen sich, dass ihr Hirnchirurg früher auch am Reck abgeliefert hat", kommentiert er sarkastisch, "und nur wer den ›Schrei‹ von Edvard Munch richtig interpretiert hat, darf ihn auch behandeln."

"Fuck ju Göhte" ist längst eine Dokumentation

"Fuck ju Göhte", als Spielfilm geplant, "geht inzwischen als Dokumentation durch und ist in drei Jahren ein Imagefilm". Was das Abitur heute noch wert ist, hat Greiner gesehen, als sein bester Freund, "Notendurchschnitt 1,1, in Italien in der Eisdiele zwei Kugeln Fellatio bestellt hat". Eine Klassenkameradin habe ihr Ziel erreicht, "Work and Travel" in einem Entwicklungsland zu machen – "die ist jetzt Leiharbeiterin in Brandenburg" – und er sei "der Einzige in der Klasse, der von dem lebt, was wir früher in den Pausen gemacht haben".

Ein Wiedersehen in Winterlingen

Nach zwei Stunden, in denen sich Pointe an Pointe, Lacher an Lacher reiht, weil wohl jeder im Publikum sich in den originellen Alltagserlebnissen Greiners hie und da wiederfindet, wird er noch einmal ernst – und ein bisschen pathetisch. Mit Blick auf den Zustand der Gesellschaft mahnt Greiner, dass es doch Wichtigeres gebe als zu streiten. Nach dem Zweiten Weltkrieg und nach der Wende im Osten hätten die Menschen ihre Chance begriffen, aufzubauen. Nun liege die Chance vor ihnen, "zu verhindern, dass alles zerfällt und zerbricht", und da helfe nur eines: Zusammenhalten. Schließlich will er auch in 30 Jahren noch zum Auftritt nach Winterlingen kommen können. Dann vielleicht nicht nur als der größte, sondern auch als der berühmteste Kabarettist Deutschlands? Seine Chancen stehen gut.