Das Kind will nur noch vegetarisch essen? Kein Grund, die Nerven zu verlieren. Lieber vielseitig und nährstoffreich kochen. Was Sie bei fleischfreier Ernährung beachten sollten.
Schuld war ein winzig kleiner roter Punkt. Eine klitzekleine Verfärbung auf dem Wiener Schnitzel, das die fünfjährige Tochter sich gerade schmecken ließ. „Iiiihhhh! Blut! Das esse ich nicht mehr. Nie mehr!“ Sprach’s und schob den Teller von sich weg.
An jenem Juni-Tag 2020 wurde unser Familienleben – nun ja – ein wenig anders. Das Kind blieb dabei. Einst ein begeisterter Würstchen- und Fleischesser, rührte es nichts mehr an, was einmal Teil eines Tieres gewesen war. Zu eklig. Die Tochter wurde zur Vegetarierin.
Es gab Tage, da verlangte sie auffällig oft nach Eierspeisen. Kartoffeln und Spinat aß sie gefühlt jeden zweiten Tag. Ansonsten hielt sich das Kind an Nudeln mit Tomatensoße, Pfannkuchen und Kürbissuppe.
Gesunde Entwicklung durch Vegetarisches?
In der Küche ging es fortan kreativ zu. Vitamin- und Nährstoffreiches wanderte in großen Mengen in Töpfe und Pfannen, manches wurde extra püriert, um es dem Vegetarier-Kind schmackhaft zu machen. Trotzdem blieb die Sorge, ob es auch wirklich alles bekam, was es für eine gesunde Entwicklung brauchte.
Kann Kindern schaden, was Erwachsenen empfohlen wird? Anruf bei der Ernährungswissenschaftlerin Ute Alexy. Die 55-Jährige ist Dozentin an der Universität in Dortmund und hat zum Thema vegetarische und vegane Ernährung bei Kindern und Jugendlichen geforscht.
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Gewohnheiten überdenken
Sie gibt Entwarnung: Wenn das Kind lediglich auf Fleisch verzichte, sei das kein Grund, die Nerven zu verlieren. „Fleisch wird ohnehin nur dreimal in der Woche in geringen Mengen empfohlen.“ Sie rät, die neue Situation zum Anlass zu nehmen, Gewohnheiten zu überdenken.
Wichtig: Kinder, die vegetarisch leben, sollten besonders viele eisenreiche Lebensmittel essen – und solche, die viel Zink enthalten. Brot, Nudeln und Reis in der Vollkornvariante etwa. Müsli mit Haferflocken. Oder: Hülsenfrüchte, die unschlagbare Protein-, Ballaststoff- und Eisenlieferanten seien. „Ich bin ein großer Fan von Linsen“, sagt die Expertin.
Orangensaft statt Milch
Ob als Suppe oder Bratling, im Auflauf oder auf dem Brot, vor allem gelbe und rote Linsen seien gut verträglich. Wissen sollte man, dass Milchprodukte die Eisenaufnahme im Körper hemmen. Im Zusammenspiel mit Vitamin C kann der Körper pflanzliches Eisen wesentlich besser verwerten. Kinder, die ihr Müsli also mit Orangensaft statt mit Milch anrühren, sind im Vorteil.
Auch Nüsse gehören laut Ute Alexy zu den Stars unter den pflanzlichen Lebensmitteln. Sie sollten möglichst oft verfügbar sein – für kleine Kinder in gemahlener Form. Nüsse enthalten ungesättigte Fettsäuren, die sich unter anderem positiv auf das Immunsystem auswirken. Grundsätzlich gilt: Je vielfältiger die Kinder sich ernähren, desto besser.
Ute Alexy beschäftigt sich nicht nur beruflich mit dem Thema, sie ist auch selbst Mutter zweier Vegetarierinnen. „Ich habe das als Chance gesehen, mal ganz neue Rezepte auszuprobieren“, sagt die promovierte Ökotrophologin.
Ein fleischloser Boom
Die vegetarische Ernährung boomt. Im Jahr 2021 bezeichneten sich laut der Allensbacher Markt- und Werbeträger-Analyse 7,5 Millionen Menschen in Deutschland als Vegetarier – eine Million mehr als ein Jahr zuvor. Mindestens 1,41 Millionen von ihnen ernähren sich vegan, also rein pflanzlich.
Knapp zwei Prozent der über dreijährigen Jungen und drei Prozent der gleichaltrigen Mädchen verzichten auf Fleisch, Geflügel und Wurst, wie eine Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland ermittelt hat (KiGGS).
Langfristiger Mangel
Erwachsene verzichten oft aus ethisch-moralischen Gründen auf Fisch und Fleisch. Auch die Gesundheit und das Umweltbewusstsein spielen eine Rolle. Kinder und Jugendliche orientieren sich häufig am Verhalten ihrer Eltern. Oder sie tun das Gegenteil und grenzen sich mit ihrer Ernährungsweise bewusst von ihnen ab.
Für manche ist die vegetarische Ernährung nur ein Zwischenschritt hin zur veganen Lebensweise. „Da kann langfristig ein Mangel entstehen“, gibt Ute Alexy zu bedenken. Der Knackpunkt: Veganer seien oft nicht gut genug versorgt mit dem Vitamin B12. Bei Kindern könne ein Mangel das Wachstum und die Entwicklung erheblich stören.
Dagegen seien auch Vegetarier nicht gefeit, vor allem diejenigen, die Milch durch pflanzliche Alternativen ersetzten. Alexy rät deshalb beiden Gruppen, B12 zu supplementieren. Wer seinen Nachwuchs dennoch vegan aufwachsen lässt, dem empfiehlt sie ein Ernährungstagebuch. „Ernährungsberater erkennen dann schnell, an welcher Stelle etwas fehlt“, sagt Alexy.
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Welche Nährstoffe fehlen?
Ute Alexy hat gemeinsam mit weiteren Experten die von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung initiierte, aber nicht repräsentative „VeChi-Youth“-Studie geleitet. In der Studie wurde der Einfluss verschiedener Ernährungsformen auf die Nährstoffversorgung von Kindern und Jugendlichen untersucht.
Zum Ergebnis sagt Alexy: „Die Mehrheit war gut entwickelt und zeigte keine Mangelerscheinungen.“ Sowohl bei veganer und vegetarischer Ernährung als auch bei einer Mischkost mit Fleisch seien die Kinder mit den Hauptnährstoffen und den meisten Vitaminen und Mineralstoffen ausreichend versorgt gewesen.
„Pudding-Vegetarier“
Bei allen drei Ernährungsformen erwiesen sich Vitamin B2, Vitamin D, Jod und Kalzium als die kritischsten Nährstoffe, auf die besonders geachtet werden sollte.
Nun gibt es ja auch Kinder, die weder Fleisch noch Gemüse essen. Sogenannte Pudding-Vegetarier, die Süßes und Fertiggerichte Gesundem vorziehen. Keine Situation, an der man nichts ändern könnte, betont Alexy. Sie ist überzeugt: „Wir essen nicht, was wir mögen. Wir essen das, was wir regelmäßig essen.“
Sie rät, Kindern immer wieder Neues anzubieten, auch wenn sie es achtmal ablehnen. Vielleicht probieren sie beim neunten Mal einen Löffel und haben ein Aha-Erlebnis. Alexy: „Das ist ein Prozess wie das Erlernen einer Sprache.“