Gar nicht einfach: Die Schulungsteilnehmer versuchten, in einem Rollstuhl die Rampe in den Bus alleine zu bewältigen. Foto: Armbruster

Wie kommt ein Rollstuhlfahrer in den Bus? Diese und ähnliche Fragen standen im Mittelpunkt einer Schulung des Ortenauer Behindertenbeirats in Schutterwald.

Wie eine kleine Schwelle zu einem großen Problem werden kann, haben Busfahrer der Landesverkehrsgesellschaft SWEG am eigenen Leib erfahren können. Einer nach dem anderen durfte sich beim Besuch des Behindertenbeirats in der Busleitstelle Schutterwald in einen Rollstuhl setzen und versuchen, die Rampe eines ihrer Fahrzeuge hochzukommen – die meisten scheiterten. „Es ist schon schwieriger, als es ausschaut“, betonte ein Schulungsteilnehmer.

 

Das Problem: Die Ausklapp-Rampe an der hinteren Bustür ist zwar im Außenbereich mit einer Gummimatte für bessere Reifenhaftung beschichtet, der Teil in dem die Rampe innen versenkt wird ist jedoch aus Metall – mit einer kleinen Schwelle im Übergang zum Bodenniveau des Fahrzeugs. Was für Fußgänger nicht der Rede wert ist, wird für Rollstuhlfahrer zur Herausforderung: Die Reifen rutschen über die Metalloberfläche, die kleine Schwelle wird zum Hindernis.

Doch wie soll man reagieren, wenn jemand im Rollstuhl Schwierigkeiten mit dem Einstieg hat? Als Busfahrer einfach zupacken und den Fahrgast im Rollstuhl in den Bus zu schieben, sei nicht die beste Lösung, betonen Nicolas Uhl und Malte Langer. Die beiden sind selbst auf einen Rollstuhl angewiesen, wissen also wovon sie sprechen. Packt jemand seinen Rollstuhl einfach von hinten an, bekomme er schnell das Gefühl zu kippen, gab Langer zu Bedenken. „Kommunikation ist das A und O“, betonte Uhl. „Einfach fragen: Darf ich behilflich sein? Und wenn ja, wie?“ Wie groß die Schwierigkeiten mancher Fahrgäste mit der ausklappbaren Einstiegshilfe offenbar sind, sorgt bei den Busfahrern hörbar für Erstaunen. „Ich verstehe die Hersteller nicht. Wie kann man sowas anbieten?“, zeigt sich ein Schulungsteilnehmer überrascht. „Das ist das Problem, wenn die Hersteller etwas planen, ohne mit Betroffenen zu sprechen“, greift Uhl die Aussage auf.

Spezielle Brillen simulieren Sehbehinderungen

Währenddessen arbeitet Behindertenbeauftragte Anita Diebold im vorderen Bereich mit der anderen Hälfte der Teilnehmer. Sie erläutert mithilfe von Andreas Stiefel und Stefan Rendler, Bezirksgruppenleiter des Blinden- und Sehbehindertenvereins Südbaden, welche Herausforderungen der ÖPNV für Sehbehinderte birgt.

Die Teilnehmer dürfen sich auch hier in die Rolle ihrer Fahrgäste hineinversetzen: Rendler hat Blindenstöcke mitgebracht, Diebold verteilt spezielle Brillen, die etwa die Sicht mit grauem Star simulieren. Vorsichtig, mit der Kugel am Ende des Stocks über die Führungslinien am Boden ratternd, bewegen sich die Busfahrer nacheinander entlang der Markierungen bis sie den gesondert abgesetzten Einstiegsbereich erreichen. Hier signalisiert eine breite Fläche von Rillen-Platten, dass der Einstieg sich direkt zur Linken befinden sollte.

Das ist aber offenbar nicht immer der Fall: „Wir haben heute Glück gehabt, dass der Fahrer so weit an die Einstiegsmarkierung vorgefahren ist“, gibt Diebold zu bedenken. Die Behindertenbeauftragte lobt zudem, dass der Fahrer sehr nah an den Bordstein herangefahren war. „So besteht keine Gefahr, dass man beim Ein- oder Aussteigen mit dem Fuß in die Lücke rutscht“, erläutert Diebold.

Auch vorderen Busbereich war Thema, wie man behilflich sein kann. Einfach anpacken und mitziehen ist keine gute Option. „Ich würde den Arm anbieten, damit die Person sich einhaken kann“, erläutert Diebold, während sie Rendler leicht mit dem Ellenbogen gegen den Arm drückt, woraufhin dieser zugreift. „Wichtig ist auch, miteinander zu reden – ich beschreibe ganz in Ruhe die Umgebung und was ich tue“, schilderte Diebold weiter. So beschreibt sie Rendler, wo sie sich im Verhältnis zum Einstieg befinden, dass sie nun gemeinsam losgehen, den Eingang erreicht haben und so weiter.

Teilnehmer zeigen sich beeindruckt von Einblicken

„Wo würden Sie einen blinden Fahrgast hinsetzen?“, wendet sich Diebold im Fahrgastraum angekommen an die Schulungsteilnehmer. Die Antworten fallen richtig aus: „Vorne nahe des Fahrers, jedenfalls so, dass Sie mit ihm kommunizieren können“, bestätigt Diebold. Denn die automatische Ansage der Haltestellen funktioniere oft nicht – für einen blinden Menschen ein Ärgernis, stelle er doch erst nach dem Ausstieg fest, dass er am falschen Ort ist.

Von den Einblicken zeigten sich die Teilnehmer der Schulung beindruckt. Diebold betonte abschließend, dass es dabei eigentlich gar nicht nur um Menschen mit Behinderung geht: „Wenn wir einfach alle etwas achtsamer miteinander umgehen, wäre schon vieles gewonnen.“

App: „Be my eyes“

Mit der App „Be my eyes“ stellte Andreas Stiefel vom Behindertenbeirat des Ortenaukreises ein wirksames Werkzeug für Menschen mit Sehbehinderung vor. Der Name – auf Deutsch etwa „Sei meine Augen“ – ist Programm: Mittels einer Videoanruffunktion können sich Nutzer bei ehrenamtlichen nicht-blinden Menschen melden, die ihnen sozusagen ihre Augen leihen: Sei es für Orientierung in der Umgebung oder bei der Frage ob die Kleidung farblich zusammenpasst. Sehende Menschen können sich anonym und kostenlos registrieren. Weitere Informationen gibt es auf bemyeyes.com/de.