Oh Mann, ist das süß! Foto: Plewka

Seit einigen Wochen sind die Kitzretter der Kreisjägervereinigung Hechingen im Einsatz. Diesmal haben sie "hohen Besuch".

Burladingen-Hausen - Ein helles Fiepen beendet um 5 Uhr die Ruhe des Morgens. Landrat Günther-Martin Pauli steht bis zu den Knien in einer Wiese in Hausen, mit Gummihandschuhen und einem Grasbüschel hält er ganz vorsichtig ein Kitz in den Händen. Erschrocken fiepst es ein, zwei Mal in Richtung seines Retters. Bedacht und ruhig trägt der Landrat das Kitz in den angrenzenden Wald. Dieses Kitz ist in Sicherheit, wenn in den nächsten Minuten der Landwirt die Wiese mäht.

Seit gut drei Wochen sind die Kitzretter der Kreisjägervereinigung Hechingen (kurz KJV) fast täglich im Einsatz. Im vergangenen Jahr wurde mit Unterstützung des Landkreises die erste Drohne mit Wärmebildkamera für diesen Zweck angeschafft.

Eine Drohne reicht nicht aus

Seitdem habe sich viel getan, erklärt der Drohnenobmann der KJV, Jochen Ströbele. "Im vergangenen Jahr haben wir schnell gemerkt, dass eine Drohne für die großen Flächen nicht ausreicht. Wir arbeiten hier sehr gut mit den Landwirten zusammen, die unser Angebot annehmen. Private Spenden und eine Förderung des Bundes haben die Anschaffung von zwei weiteren Drohnen erleichtert." Doch das war nur der Anfang: Der Unterhalt der Drohnen kostet Geld, es galt Genehmigungen zum Überfliegen mancher Flächen zu erwirken und vor allem neue Piloten zu finden und auszubilden.

Manchmal ist es hart

Sechs Piloten hat die Kreisjägervereinigung mittlerweile und ein Team aus zahlreichen Helfern. "Während der Mähsaison ist es trotzdem manchmal hart. Wir treffen uns morgens um 4 Uhr und gehen danach normal zur Arbeit. Und das Tag für Tag. Deshalb versuchen wir, unser Team auch zu erweitern und die Belastung auf mehrere Schultern zu verteilen", sagt Ströbele.

Der eigentliche Einsatz beginnt aber schon am Vorabend. Über die Webseite der Kreisjägervereinigung können Jagdpächter und Landwirte ihre Flächen digital erfassen, die Drohnenpiloten erstellen dann Flugpläne für den nächsten Morgen. Durch diese können die Teams effektiver fliegen und damit mehr Flächen an einem Morgen auf Kitze kontrollieren.

Die Kitzrettung ist ein Spiel gegen die Zeit, deshalb treffen sich die Kitzretter auch ab 4 Uhr morgens. "Sobald die Temperaturen steigen, ist die Wärmesignatur nicht mehr eindeutig. Da wird schnell jeder Stein zu einer Wärmequelle, die von den Kitzrettern erfolglos überprüft werden muss", weiß Kreisjägermeister Markus Schuler.

Schnell wird jeder Stein zur Wärmequelle

Er ist an diesem Morgen ebenfalls als Pilot unterwegs und hat drei tatkräftige Helfer dabei. Landrat Pauli wollte sich selbst ein Bild vom Einsatzzweck der Landkreisförderung machen und begleitete die Drohnenteams einen Morgen. "In der Theorie von solchen Einsätzen zu hören ist das eine, aber so ein zierliches, kleines Wesen in den Händen zu halten und zu wissen, dass man es gerade retten durfte, das geht unter die Haut", erzählt Pauli mit Begeisterung.

"Jetzt nach links, fünf Schritte noch"

Der Hechinger Bürgermeister Philipp Hahn und der Burladinger Bürgermeister Davide Licht standen mit dem Landrat an diesem Morgen in der Wiese. Gemeinsam wurden sie von Schuler zum Kitz "ferngesteuert". Aus dem Funkgerät kommt "Jetzt nach links, fünf Schritte noch, da müsste das Kitz liegen." An dieser Stelle der Kitzrettung verstehen alle Beteiligten schnell, warum die Wärmebild-Drohnen so wichtig sind, denn die Helfer entdecken den wilden Nachwuchs erst aus nächster Nähe. "Kitzrettung ist nichts Neues. Früher sind die Jäger durch die Wiesen gelaufen und haben nach Kitzen gesucht. Wie schwer diese zu finden waren, ist jetzt erst nachvollziehbar. Selbst mit einer genauen Einweisung durch den Piloten dauert es, bis die Helfer das Kitz entdecken", meint Schuler.

Nachdem die Retter abrücken, kommen die Landwirte zum Mähen. Umso weniger Zeit dazwischen liegt, desto besser ist es. Die Kitze haben so kaum die Möglichkeit, wieder ins hohe Gras zu ziehen.

In den ersten Wochen ohne Fluchtinstinkt

Nach der Geburt werden die kleinen Rehkitze von ihren Müttern zum Schutz im hohen Gras abgelegt. Besonders Wiesen in Waldnähe werden dabei von den Geißen als Kinderstube bevorzugt ausgewählt. Das Muttertier sucht die Kitze nur zum Säugen und Reinigen auf, die restliche Zeit liegen sie gut versteckt im hohen Gras. In den ersten beiden Lebenswochen haben die Rehkitze keinen Fluchtinstinkt, sondern drücken sich bei Gefahr flach auf den Boden.

Elf Kitze allein an diesem Morgen

Seit dieser zentralen Einsatzplanung hat die KJV einen Überblick, wie viele Kitze gerettet werden. Allein an diesem Tag waren es elf. Diese werden gleich zu tagesaktuellen Gesamtbilanz addiert, sie ist für alle Interessierten auf der Webseite und Facebook-Seite der Kreisjägervereinigung im Kitzretter-Counter einzusehen. Die Einsatzstunden der Drohne müssen mindestens verdoppelt werden, da ein Drohnenteam mindestens aus zwei Personen besteht. Ein Engagement, das alle Kitzretter ehrenamtlich erbringen.

"Wir freuen uns natürlich über jede Unterstützung, sei es von Drohnenpiloten, die sich künftig engagieren wollen oder von Spendern, die die KJV bei den jährlichen laufenden Kosten im vierstelligen Bereich unterstützen", sagt Schuler.

Das erste Kitz heißt Günther-Martin

Mittlerweile ist es 7.30 Uhr, für den Landrat und die Bürgermeister Zeit, die Gummistiefel gegen Anzugschuhe zu tauschen und in den ersten Termin des Tages zu eilen. Vielleicht etwas müde – aber mit Sicherheit beseelt von diesem Erlebnis.

Und während im Landratsamt und in den Rathäusern die Akten gewälzt werden, findet die Mutter ihr Kitz über das Fiepen nach der Rettung wieder. Das erste Kitz des Morgens haben Hahn und Licht übrigens schmunzelnd nach dem Retter benannt: Günther-Martin.