Martha Argerich und Jura Margulis sind in der „Meisterpianisten“-Reihe in der Stuttgarter Liederhalle aufgetreten. Auf dem Programm standen auch Schubert, Mussorgsky und Rachmaninow.
Vor einigen Jahren wurde Martha Argerich gefragt, was denn ihr Motto sei. Sie antwortete: „Well, keep going!“ (Nun, weitermachen!) und lachte. Mit Anfang 20 ließ sie während einer Lebenskrise nach der Geburt ihrer ersten Tochter das Klavierspielen mal für drei Jahre bleiben und überlegte, Sekretärin oder Ärztin zu werden. Seitdem macht sie weiter: In den Begeisterungsstürmen, die im nahezu ausverkauften Beethovensaal der Liederhalle schon zur Pause aufbranden, zieht die 84-Jährige ihren Co-Pianisten Jura Margulis (57) ausgiebig über die Bühne, vom linken Rand zum rechten, mal vor den beiden ineinander verschränkten Steinway-Flügeln, mal hintenrum.
Dass die in Buenos Aires geborene große alte Dame des Klavierspiels ihrem in Leningrad zur Welt gekommenen Compagnon zum Auftakt eines fantastischen Konzertes in Mozarts Sonate für zwei Klaviere in D-Dur den aktiveren Part überlässt, zeugt von Souveränität. Beinahe schalkhaft träufelt Argerich im ersten Satz Klangtandems in aberwitziger Phrasierung über Margulis‘ festliche Basisarbeit. Im zweiten Satz ist man geneigt, die argentinische Schweizerin mit Sprungfedern Wendeltreppen emporhüpfen zu hören. Während er dem Klangbad mit vollem Oberkörpereinsatz Nachdruck verleiht, bleibt sie äußerlich cool, innerlich offenbar bereit zur musikalischen Verschmelzung.
Martha Argerich findet einen Seelenverwandten
Die findet im zweiten Stück des Abends statt: In Schuberts Fantasie in f-Moll für Klavier zu vier Händen hört man Argerichs Ergriffenheit besonders schön: Mit radiologischer Präzision abgebildete Verschattungen münden in versonnenen Themen, die hinweggefegt werden von tosenden Lebensstürmen. In der hoch dramatische Fantasie aus Schuberts Todesjahr 1828 kümmert sich Martha Argerich mit würdevoller Verve um die tiefen Töne; Jura Margulis generiert unter anderem herrlich vorwitzige Variationen von Gezwitscher. Sie werden die Rollen an diesem Abend ein paar Mal tauschen, das kongeniale Ineinandergreifen zweier großartiger Musiker bleibt konstant.
Martha Argerich, die nicht mehr gerne alleine auftritt, findet in Jura Margulis einen verzahnungsbereiten Seelenverwandten, mit dem sie ein Doppel eingeht, dessen Intensität an Christo und Jeanne-Claude erinnert und an die Hingabe mit der Bob Dylan und Patti Smith einst gemeinsam „Dark Eyes“ sangen. An die selbstbewusst ergraute Rockmusikerin erinnert Martha Argerich in Stuttgart ein wenig, nicht nur von der Frisur her, sondern insbesondere bezüglich der erstaunlich selbstverständlich wirkenden Lässigkeit, die diese beiden Frauen teilen.
Doch während Patti Smith gerne auch den Charme der Schlamperei kultiviert, vereint Martha Argerich phänomenale Präsenz und absolute Präzision. „Perfektion ist für mich immer das Ende von etwas“, sagte sie vor anderthalb Jahren in einem Interview. Stattdessen scheint sie mit überragender Technik und fesselndem Groove nach wie vor Pforten in unbekannte Landschaften aufzustoßen: In Schostakowitschs Concertino in a-Moll für zwei Klaviere scheint Argerich zu Margulis‘ schwerem Brausen mit ungebrochener Virtuosität ein Kind zu beleuchten, das in Trümmern spielt, ehe sie Erinnerungen an Marschmusik zupackend und zart zugleich in eine Art kosmische Begleitmusik für Exkursionen im Weltall verwandelt.
Nach der Pause wirkt die gepflegte Eleganz, die Martha Argerich in Schuberts Rondo in D-Dur für Klavier zu 4 Händen legt, wie eine Vorübung für das Folgende: Es ist frappierend, wie Argerich und Margulis in Mussorgskis sinfonischer Dichtung „Eine Nacht auf dem kahlen Berge“ die ganze Farbpallette des spätromantischen Orchesterapparates mit zwei Klavieren abbilden. In der Reduktion liegt hier nicht nur die Kunst, sondern auch die Korrosionsbeständigkeit: Die Differenziertheit von Martha Argerichs Anschlag vermag taumelnde Vögel im Flug ebenso plastisch mit Klängen zu malen wie herannahende Feuersbrünste oder zerstörerische Orkane. Mal tastend und mal auftrumpfend entlockt sie dem Flügel fulminante Bilderwelten und vermag es, mit ihrer Präsenz zu überzeugen, ohne die Präzision zu vernachlässigen. Jura Margulis indes verbaut mit aller Würde sprühende Leitplanken.
Nach den tief empfundenen Mussorgski-Massagen beschlossen Argerich und Margulis ihren brillanten Auftritt mit Rachmaninows Suite Nr. 1 in g-Moll: Hingebungsvoll in den meditativen Passagen, bei aller Energie diszipliniert in den aufrührerischen, steuerte das ideale Duo mit endgültig klingenden Dissonanzen und anrührenden Zeugnissen der Selbstbehauptung einem tosenden Schlussapplaus entgegen und spielte als Zugabe noch einmal den letzten Teil von Schostakowitschs Concertino. Ein beglückendes Ereignis!