Das Pflegeheim St. Hildegard in Seelbach wird Ende des Jahres geschlossen. Altbürgermeister Klaus Muttach äußert heftige Kritik am Betreiber – der Caritas. Foto: Endrik Baublies/Stadt Achern

Die Kritik an der Schließung des Seelbacher Pflegeheims ebbt nicht ab. Der frühere Rathauschef Klaus Muttach verrät: Die Gemeinden steuerten mehr bei als der Träger.

Klaus Muttach weiß: Es geziemt sich grundsätzlich nicht, dass sich ehemalige Bürgermeister zum aktuellen kommunalpolitischen geschehen zu Wort melden. Seit seinem Wechsel nach Achern im Jahr 2007 habe er sich daran gehalten, erklärt er unserer Redaktion. Doch: „Die Nachricht von der beabsichtigten Schließung des Pflegeheims St. Hildegard empört mich wegen ihrer Bedeutung und meiner anhaltenden Verbundenheit mit den Menschen in Seelbach und im gesamten Schuttertal in einer Weise, die es mir nicht möglich macht hierzu zu schweigen.“

 

Von 1993 bis 2007 war der heute 61-Jährige Rathauschef in Seelbach. Die Grundsatzentscheidung, ein Pflegeheim und betreute Wohnungen bauen zu wollen, sei vom Gemeinderat noch in der Amtszeit seines Vorgängers Walter Dilger getroffen worden. Zwar sei die Auswahl des Trägers umstritten gewesen, „das Pflegeheim als solches wurde von Gemeinderat und Gemeindeverwaltung jedoch einhellig unterstützt“. Diese Haltung habe er nach Amtsantritt mit voller Überzeugung übernommen – aus gutem Grund: „Pflegebedürftige Menschen, von denen sich viele in früheren Jahren engagiert für das Gemeinwesen oder beruflich im Schuttertal eingebracht sowie mit ihren Familien, Freunden und Nachbarn hier gelebt haben, sollten auch ihren Lebensabend im schönen Schuttertal, in der gewohnten Umgebung von geliebten Menschen und Landschaft verbringen können“, sagt Muttach.

Seelbach und Schuttertal gaben 4,2 Millionen Mark

Deshalb habe er das Projekt mit einem Investitionsvolumen von Zwölf Millionen Mark vorangetrieben. Drei Millionen hatte die Gemeinde Seelbach, 1,2 Millionen die Gemeinde Schuttertal als Zuschuss zugesagt. Das habe gezeigt: „Der Wunsch nach einer Pflegeeinrichtung war den politisch Verantwortlichen nicht nur ein Lippenbekenntnis wert, sondern eine echte finanzielle Unterstützung.“ Darüber hinaus konnte eine Zusage des Landes Baden-Württemberg in Höhe von 3,6 Millionen Mark erreicht werden. Die Gelder seien am Ende auch so geflossen.

Doch der Caritasverband verwies laut Muttach immer noch auf eine Finanzlücke. Der Altbürgermeister erinnert sich an „heftige Verhandlungen“, sogar am Katharinenmarkt-Montag, „einem für jeden Seelbacher eigentlich heiligen und arbeitsfreien Tag.“ Schlussendlich sei es gelungen, dass der Ortenaukreis noch ein Darlehen zur Zwischenfinanzierung beisteuerte, das Erzbischöfliche Ordinariat den Zuschuss aufstockte und nicht abgerufene Mittel für die neuen Bundesländer in Höhe von 600 000 D-Mark nach Seelbach umgeleitet wurden. „Ein besonderer Coup war, als wir dann noch einen sechsstelligen Betrag aus einer Erbschaft ,locker’ machen konnten, indem wir die maßgebliche Voraussetzung erfüllten und das Pflegeheim St. Hildegard tauften“, erinnert sich Muttach weiter. Auch die Kirchen hätten noch einen fünfstelligen Betrag gespendet, dazu seien private Spenden, der Erlös von Veranstaltungen und ein sechsstelliger Betrag des Fördervereins geflossen. Letztendlich, so Muttach, habe die Caritas deutlich weniger als ein Drittel der Investitionskosten selbst beigesteuert. Der frühere Rathauschef fasst zusammen: „Die politisch Verantwortlichen in Seelbach und Schuttertal haben für die Realisierung dieses Pflegeheims wirklich hart gekämpft.“

„Haben hart für die Realisierung gekämpft“

Am 7. Juni 1999 wurde das Pflegeheim mit knapp 60 Pflegeplätzen neben den 36 betreuten Wohnungen eingeweiht. „Alle Mühen hatten sich gelohnt“, findet Muttach. Er habe viel Dankbarkeit erfahren und das Seniorenzentrum habe sehr schnell „im Bewusstsein der gesamten Bevölkerung einen hohen Stellenwert und ein positives Image gewonnen“. Beweis: Bei einer damaligen Befragung unter 500 Seelbachern, worauf sie stolz seien, sei das Pflegeheim hinter dem Katharinenmarkt und dem Schwimmbad auf Platz drei gelandet.

Muttach ist enttäuscht von den Entscheidungsträgern

„Und obwohl für das Pflegeheim an den Caritasverband viel Geld von den Kommunen, unterschiedlichsten weiteren Geldgebern und privaten Spendern floss, sich viele Hauptamtliche und Ehrenamtliche ungezählte Stunden einsetzten, will der Caritasverband nach nur 26,5 Jahren das Pflegeheim schließen“, kritisiert Muttach. „Ich bin enttäuscht von den Entscheidungsträgern.“ Vor der Errichtung des Pflegeheims habe er keinen Gedanken daran verschwendet, dass die Zeit in St. Hildegard endlich sein könnte. Das Seniorenzentrum sollte auf Jahrzehnte eine Institution im Schuttertal sein. „Es war Konsens, dass es einen Bedarf gibt.“ Nun sei in einer älter werdenden Gesellschaft die Bedeutung einer solchen Einrichtung für die Menschen im Schuttertal eher noch gewachsen.

Die Caritas hatte sich am Dienstag im Gespräch mit unserer Redaktion gegen Vorwürfe, die auch in einer Petition mit inzwischen mehr als 1150 Unterzeichnern laut wurden, zur Wehr gesetzt. Sie betonten, dass das Haus durch den Mangel an Fachkräften und die anstehenden Investitionen durch hohe Auflagen nicht wirtschaftlich zu betreiben sei. Dieses große Defizit könne potenziell den ganzen Verband „herunterreißen“, drückte es Mireille Ochalek-Startetz vom Vorstandsteam aus.

Früherer Rathauschef kauft die Argumente nicht

Die Argumente überzeugen den Altbürgermeister allerdings nicht. Denn: „Diese Herausforderungen müssen alle Einrichtungen bewältigen“. Muttachs Kritik geht noch weiter: „Offensichtlich haben in den Gremien des Caritasverbandes die Vertreter aus Seelbach nicht den Einfluss ausgeübt, der für den so wichtigen Fortbestand des Pflegeheims St. Hildegard notwendig wäre“, bemängelt er. Von 2019 bis Mitte 2024 war Thomas Schäfer, Muttachs Nachfolger als Rathauschef, Vorsitzender des Aufsichtsrats.

Die Leidtragenden seien nun die pflegebedürftigen Menschen des Schuttertals und ihre Angehörigen heute und in Zukunft, für die ein solches Pflegeheim Lebensqualität im Alter schaffe und Wertschätzung für ihre Lebensleistung für die Gemeinschaft zum Ausdruck bringe, konstatiert Muttach. „Ich bin fassungslos und mir blutet das Herz.“

Zur Person

Klaus Muttach, 61 Jahre alt, ist in Ringsheim geboren und war dort Bürgermeisterstellvertreter, ehe er 1993 zum Bürgermeister von Seelbach gewählt wurde. 2007, nach „14 ganz ganz tollen Jahren in der Gemeinde“, wie er sagt, wurde er in Achern zum Oberbürgermeister gewählt, wo er bis 2023 im Amt blieb. Nach einer Pause aus gesundheitlichen Gründen hat Muttach heute zwei Lehraufträge an der Hochschule Kehl (Kommunalpolitik) und an der Verwaltungsschule des Gemeindetags in Karlsruhe (Kommunales Recht) inne und privat noch viele Kontakte nach Seelbach, berichtet er.