Der finnische Dirigent Klaus Mäkelä ist mit jungen Jahren an der Weltspitze angekommen. Mit dem Oslo Philharmonic Orchestra war er in der Meisterkonzertreihe im Beethovensaal zu erleben.
Andere Jungdirigenten sind mit 24 Jahren noch im Studium oder verdienen sich erste Sporen als Korrepetitor oder Aushilfskapellmeister in mittelgroßen Städten. Klaus Mäkelä wurde in diesem Alter Chefdirigent des Oslo Philharmonic Orchestra, nachdem er als jugendlicher Cellist bereits mit diversen Orchestern als Solist aufgetreten war.
Derart rasant geht es nun weiter: ab der Saison 2027/28 wird der fantastische Finne den Chefposten bei gleich zwei der weltbesten Orchester antreten, dem Amsterdamer Concertgebouw Orchestra und dem Chicago Symphony Orchestra. Eine Blitzkarriere, die kaum ein Vorbild hat. Wie macht er das bloß?
Ein Panorama menschlicher Gefühlszustände
Gelegenheit, den blonden Wunderknaben zu erleben, bot am Dienstagabend das Konzert mit den Osloer Philharmonikern im Rahmen der Meisterkonzertreihe der SKS Russ im gut besuchten Beethovensaal. Auf dem Programm standen zwei anspruchsvolle Repertoirestücke – nein, weder Grieg noch Sibelius, sondern Béla Bartóks Konzert für Orchester und die vierte Sinfonie von Tschaikowski. Letztere ist, wie fast alles von Tschaikowski, Seelenmusik: Obwohl formal stringent gearbeitet, bietet sich in diesem Werk ein wahres Panorama menschlicher Gefühlszustände, die manchmal von einem Takt zum nächsten wechseln. Der schneidende Schicksalston der Introduktion im Kopfsatz etwa wird abgelöst von einem vergeblich wirkenden Streichersehnen, dramatische Verwerfungen weichen unvermittelt inselhaft aufscheinenden Glücksverheißungen.
Eher kaltblütige Dirigenten, denen Musik, wie der Musiktheoretiker Hanslick es formulierte, vor allem „tönend bewegte Form“ ist, dürften ihre Probleme mit solch Klang gewordener Subjektivität haben. Doch dazu zählt Mäkelä nicht, im Gegenteil. Es war vielmehr mitreißend zu erleben, mit welcher Intensität und Hingabe er Tschaikowskis emotionale Tiefenschichten aufdeckte und dabei sein formidables Orchester zu Höchstleistungen animierte.
Die Philharmoniker aus Norwegen mögen kein internationales Spitzenorchester sein – klanglich fehlt es den Streichern etwas an Homogenität –, aber speziell die Qualität der Holzbläser ist exzellent: Schöner als Dahl Ole Kristian kann man das expressive Fagottsolo im zweiten Satz kaum spielen! Überhaupt hat Mäkelä sein Orchester derart gut gecoacht, dass er in den Pizzicato-Kabinettstückchen des dritten Satzes auch mal taktelang ganz aufs Dirigieren verzichten kann – die wissen schon, wie sie zu spielen haben.
Frenetischer Schlussapplaus
Nicht ganz so gut war Mäkelä vor der Pause Bartóks Konzert für Orchester gelungen. In diesem doppelbödigen Werk, in dem sich Ausdruck häufig hinter Zitaten und Masken versteckt, mangelte es trotz einer ebenfalls imponierenden Orchesterleistung an jener Innenspannung, die die heterogenen musikalischen Ebenen in ihrer Vielfältigkeit und Brisanz hätte erleb- und begreifbar werden lassen.
Die Zugabe freilich legten die Norweger nach dem frenetischen Schlussapplaus nochmal klangmächtig hin: die Orchesterbearbeitung von Rachmaninows berühmtem Klavierprélude cis-Moll Op.3 No.2.