Eingebettet in das Programm der Literaturtage „Orte für Worte“ hat die Mediabühne aus Hamburg die 2019 aufgelegte Produktion „Der seltsame Fall des Dr. Jekyll & Mr Hyde“ aufgeführt.
Auf den Spuren der gleichnamigen Romannovelle von Robert Louis Stevenson aus dem Jahr 1886 tauchte das Publikum im Parktheater in eine multimedial aufbereitete Lesung mit Elementen des Trickfilms, Soundcollagen und Lichteffekten ein. Das knapp zweistündige Spektakel, das aus einer Hörspielproduktion weiterentwickelt wurde, erzählt einen der frühen Klassiker der Horrorliteratur nach, taucht ein in das Motiv der gespaltenen Persönlichkeit, eine Erzählung, die Elemente des Kriminalromans und der fantastischen Literatur verbindet, eine unterschwellige Kritik an den strengen Konventionen des Viktorianischen Zeitalters, mit der Rezeptur eines ewigen Widerstreits von Gut und Böse.
Klaus Ude, Annelie Krügel und Mathias Borchardt, das kreative Dreigestirn hinter der Mediabühne, wagen den Sprung in eine multimediale Grauzone, in der unterschiedliche Disziplinen in einem atmosphärisch dichten Gesamtkunstwerk ineinandergreifen. Die Sprecher Annelie Krügel, Oliver Wronka, Sascha von Zambelly und Maximilian Ponader sitzen im Halbdunkeln vor einer expressiv angelegten Kulisse, die eine Projektionsleinwand umschließt. Auf ihr wird in surrealen Trickfilmbildern die leicht gestraffte, in fliegenden Wechseln von den Protagonisten vorgetragene Erzählung illuminiert. Lichteffekte und Soundcollagen fließen ein, das Publikum ist immer auch ein bisschen hin- und hergerissen, muss sich in einer streckenweise überfrachteten Flut an Sinneseindrücken zurechtfinden.
Die Wahrnehmung fällt keineswegs einhellig aus, wie das an die Aufführung angeknüpfte Publikumsgespräch im Foyer des Parktheaters aufzeigte. Das Ensemble spricht dabei von einer neuen, zeitgemäßen Form des Theaters, einer multimedialen Weiterentwicklung. Einige Zuschauer heben die Faszination des Abends hervor, den Reiz einer aufwendigen Produktion, mit interdisziplinärem Charakter. Andere sehen eine Erweiterung der klassischen Lesung.
Objektive Einordnung fällt nicht leicht
Es gibt aber auch Stimmen, die deutlich Kritik üben. Worte und Bilder stehen sich im Weg, der surreale Ansatz des gezeigten Trickfilms erschwere ebenso den Zugang wie die Aufbereitung des Stoffes als spektakuläre Bühnenshow.
Die objektive Einordnung fällt nicht ganz leicht, obwohl die Mediabühne zweifelsfrei mit Bildern und Eindrücken von einem hohen künstlerischen Wert aufwartet, eine psychodelische Aura über eine Erzählung stülpt, die durchaus auch mit der Alchemie von Psychoanalyse und Bewusstseinsveränderung kokettiert, mit der Befreiung von gesellschaftlichen Normen, bis hin zu dem am Ende unausweichlichen Untergang des Subjekts.
Es bleiben allerdings auch handwerkliche Fragen offen. Es gibt Momente, in denen musikalische Einspielungen und Klangeffekte den Wert der Lesung beeinträchtigen, die düsteren, oft verwirrend unscharfen Schwarzweißbilder des Trickfilms ganz unmittelbar in eine Wechselwirkung mit einer Lichtregie treten, die den Effekt, eine eher beklemmende Atmosphäre, betont. Licht und Schatten halten sich im wahrsten Sinne des Wortes die Waage, etwas mehr Klarheit auf vielen Ebenen würde der Aufführung aber gut tun.