Mittagessen in der Kita Holdermannstraße in Möhringen: Ben und Noemi haben an den Tortellini an diesem Tag nichts auszusetzen. Foto: StN

Seit gut drei Jahren versorgt die Großküche des Klinikums alle städtischen Kitas mit 7200 Essen pro Tag.In Kühlbehältern, genormt, vorgekocht. Einigen Eltern verdirbt das den Appetit. Nach dem Skandal mit verseuchtem Schulessen in Ostdeutschland stellen sie das System infrage.

Stuttgart - Mittagessen in der Kita Holdermannstraße in Möhringen. An drei Tischen haben sich die Kinder der Gruppe Sonnenstrahlen verteilt. In den Schüsseln liegen Tortellini mit Gemüsefüllung, dazu gibt’s Tomatensoße. „Wir essen wie die Feuerwehr, dann wird der Teller schneller leer“, lautet der Tischspruch. Dann langen Ben, Noemi und all die anderen kräftig zu. Das Besteck klappert, es folgen ein paar Minuten der sprichwörtlichen gefräßigen Stille. Am Ende sind die Schüsseln leer.

So wie an diesem Tag schmeckt es den Kindern nicht immer. Den Elternbeiräten der Kita ist die Umstellung auf die Großküche des Klinikums von Anfang an sauer aufgestoßen. Weil ihrer Meinung nach seit gut drei Jahren keine grundlegende Verbesserung eingetreten ist und sie sich vom Jugendamt mit ihren Sorgen nicht ausreichend ernstgenommen fühlen, machen sie ihren Ärger publik. Evi Abele, deren zwei und vier Jahre alten Söhne die Einrichtung besuchen, erzählt von Durchfall in der Windel, stechendem Mundgeruch und Blähungen. „Manchmal stinken die Kerle, das ist richtig widerlich.“

Auch die anderen Elternbeiräte, die zum Gespräch gekommen sind, berichten von einem veränderten Essverhalten ihrer Kinder. Manche, so Martina Nägele und Melanie Schütt, verweigerten daheim Soßen oder entschuldigten sich gar, wenn sie in der Kita Lasagne gegessen hätten – weil sie die unangenehmen Nebenwirkungen bereits kennen. Zwar bescheinigen sie dem Küchenchef Gerd Danner ein offenes Ohr und großes Bemühen, wenn es darum geht, Rezepte zu verbessern. „Es bräuchte aber schon einen gewaltigen Sprung bei der Qualität.“ Ihre Wunschlösung wäre daher ein Lieferant, den sie sich selbst aussuchen können – oder gleich ein eigener Koch.

Anteil der Teil- und Komplettfertigprodukte soll gesenkt werden

Jugendamtsleiter Bruno Pfeifle, der für das Kita-Essen zuständig ist, nimmt die Anliegen der Eltern ernst. „Wir sind für alle Rückmeldungen dankbar, gehen allen Hinweisen nach.“ Regelmäßig würden die Meinungen zum Essen in den Kitas abgefragt, die Ergebnisse seien zum Teil innerhalb einer Einrichtung höchst unterschiedlich. Im Fall der erwähnten Beschwerden wie Blähungen und Durchfall habe man den Rat eines Kindergastroenterologen am Olgäle eingeholt. Dieser habe keinen Zusammenhang mit dem Essen herstellen können. Zudem seien weder von anderen Eltern noch von Kinderärzten ähnliche Probleme gemeldet worden.

Gleichzeitig sei man um stete Verbesserung des Essens bemüht, das in der Großküche vorgekocht, dann gekühlt in die Kitas geliefert und dort wieder aufgewärmt wird. Zum Beispiel habe man nach Kritik den asiatischen Fisch Pangasius – obwohl aus biologischer Aqua-Kultur – aus dem Programm genommen. Auf Wunsch der Eltern werde auf Knoblauch verzichtet. Beim Fisch richte man sich nach Empfehlungen von Greenpeace. Das Gemüse komme von Bonduelle, die Maultaschen von Bürger. Wo möglich, kämen regionale und Bio-Anbieter zum Zug. „Wir versuchen unser Bestes – es war nie Ziel, mit diesem System Geld zu sparen“, versichert Küchenleiter Gerd Danner. Dennoch gebe es Grenzen, etwa bei Soßen. Dafür müsse man Pulver nehmen, das kältestabil sei.

Er kündigt für die Zukunft weitere Anstrengungen an. Derzeit werde die Klinikumsküche erweitert. Damit werde eine größere „Fertigungstiefe“ erreicht. Soll heißen: Während Rindergulasch wegen der Menge bisher von einem Metzger zugekauft wird, kann dies bald in der Küche selbst hergestellt werden. Damit soll der Anteil der Teil- und Komplettfertigprodukte gesenkt werden. Er liegt bisher bei 80 Prozent.

Der Vertrag mit dem Großklinikum läuft noch bis Ende 2014

Alle Lieferanten seien zertifiziert, unterlägen strengen Qualitätskontrollen. „Wir müssen uns darauf verlassen, dass sie ihre Hausaufgaben gemacht haben“, sagt Gerd Danner mit Blick auf den jüngsten Skandal um einen Großlieferanten für Schulessen. Dieser hatte Erdbeeren aus China bezogen, nach dessen Verzehr Kinder in Ostdeutschland erkrankt waren. „Wenn Sie im Supermarkt gefrorene Himbeeren kaufen, dann müssen Sie auch darauf vertrauen, dass die Ware kontrolliert worden ist“, so Danner.

Einzellösungen von städtischen Kitas, wie von der Möhringer Einrichtung angedacht, lehnt Jugendamtsleiter Bruno Pfeifle ab. „Wir brauchen ein System, das sicheres, abwechslungsreiches Essen garantiert.“ Der Vertrag mit dem Großklinikum läuft noch bis Ende 2014. Michael Piwonski, Gesamtelternbeirat für die städtischen Kitas, rät zur Gelassenheit. Beschwerden über das Essen erreichten ihn zwar noch, aber nicht dieselbe Anzahl wie zu Beginn der Umstellung. „Das Cook & Chill-Prinzip ist unter den Gegebenheiten einer Großküche immer noch das beste.“ Das Konzept als Ganzes infrage zu stellen, dafür ist es aus seiner Sicht zu spät.