Die Sanierung der Adsorptions-Flockungs-Filtrationsanlage der Kläranlage im Ebinger Osten kostet Millionen – aber es führt kein Weg an ihr vorbei.
Als die Ebinger Kläranlage 1992 in Betrieb ging, war sie die modernste Europas und der Stolz der Stadt – die Schmiecha hatte, solange die Textilindustrie noch florierte, regelmäßig in allen Regenbogenfarben geschillert; dem setzte die neue Adsorptions-Flockungs-Filtrationsanlage ein Ende. Endlich sah das Wasser wieder wie Wasser aus.
2014 war von der Textilindustrie nur noch ein kleines, wenn auch feines Restchen übrig und die Kläranlage alles andere als modern. Der Albstädter Gemeinderat beschloss ein 24,3 Millionen Euro schweres Sanierungsprogramm mit einer Laufzeit von einem Jahrzehnt. Dieses Jahrzehnt ist mittlerweile verstrichen und die Sanierung noch lange nicht abgeschlossen; Corona, der Ukraine-Krieg und die bedrängte städtische Kassenlage waren schuld daran.
Das Kronjuwel ist ins Hintertreffen geraten
Die Sanierung der Adsorptions-Flockungs-Filtrationsanlage, des Kronjuwels, ist dadurch so weit ins Hintertreffen geraten, dass die Steuerungs- und Programmiertechnik schon längst nicht mehr vom Hersteller unterstützt wird und regelmäßig ausfällt – Ersatzteile werden auch nicht mehr etatmäßig hergestellt und geliefert; sie müssen auf verschiedenen Internetplattformen zusammengesucht werden. Zeit für einen Befreiungsschlag – er soll, Stand 2024, die Kleinigkeit von 10,014 Millionen Euro kosten. Das ist beinahe das Doppelte der Kostenschätzung von 2014.
Kläranlage: Geht es nicht eine Nummer kleiner?
Unter diesen Umständen lag die Frage nah, ob die teure Adsorptions-Flockungs-Filtrationstechnik denn notwendig sei und es nach der Schrumpfung der Textilindustrie nicht eine Nummer kleiner gehe. Eine Antwort sollte ein Gutachten geben, das der Gewässerökologe Karl Wurm aus Starzach nun im Zusammenhang mit der Erneuerung der wasserrechtlichen Erlaubnis, geklärte Abwässer aus der Ebinger Kläranlage in die Schmiecha einzuleiten, erstellt hat. Wurm hat diese Ergebnisse dem Gemeinderat in dessen jüngster Sitzung vorgestellt, und zwar, wie seine Zuhörer unisono lobten, in bemerkenswert verständlicher Form.
Abwassermenge ist siebenmal so hoch wie die des Bachwassers
Und das hat er herausgefunden: Zwar transportiert die Schmiecha im Schnitt nur ein Siebtel der ihr zugeführten Abwassermenge, fällt immer mal wieder trocken und verdient den Namen Vorfluter nicht wirklich – aber dafür ist ihre Qualität nach der Zuführung des geklärten Abwassers immer noch bemerkenswert gut. So schwindsüchtig die Ebinger Kläranlage auch sein mag, sie leistet dennoch, was sie soll: Die Chlorid- und besonders die Ammoniumbelastung liegen deutlich unterhalb der Grenzwerte; für die organische Belastung gilt das Gleiche, und die mit Phosphaten läuft nur bei Starkregen aus dem Ruder, wenn der Dünger in den Bach gespült wird.
Vor allem Medikamente bereiten Probleme
Bleiben die Farbe und die sogenannten Spurenstoffe, allen voran die Medikamente. Dass es auch hier keine Ausreißer gab, ist laut dem Fachmann allein der Aktivkohle der Adsorptions-Flockungs-Filtrationsanlage zu verdanken. Wollte man auf sie verzichten, dann, so Wurm, wäre etwa die Diclofenac-Konzentration 19 Mal so hoch, wie sie faktisch ist, und würde die Fischeier im Bach nachhaltig schädigen. Das aber wäre ein Rückfall hinter die 1992 erreichten Standards, und den, das hat das Regierungspräsidium Tübingen den Albstädtern unmissverständlich signalisiert, würde es nicht akzeptieren.
Die Gemeinderäte interpretierten Wurms Botschaft etwa so: Der Patient stehe ständig vor dem Kollaps, leiste dafür aber bemerkenswert gute Arbeit. Allerdings nur, wenn man ihn lasse. „Wir können keinen Käfer-Motor in einen Porsche einbauen“, stellte Lambert Maute von der CDU fest. „Die Aktivkohle muss bleiben.“