Abstandhalten? Keine Chance mit kleinen Kindern. Aber auch an anderen Schutzkonzepten fehlt es in den Kindertageseinrichtungen. Foto: Imago/Plusphoto

Während die Schulen zu bleiben, arbeiten die Kitas einfach weiter. Das ist gut für die Familien – aber wie geht es den Erzieherinnen derzeit? Zwei Pädagoginnen berichten von ihrem anstrengenden Alltag zwischen verstörten Kindern, teils unverschämten Eltern und Angst vor dem Virus.

Stuttgart - Es komme ihr vor, als ob sie derzeit in zwei Welten lebe, sagt Maria Schneider: Bei ihrer Arbeit in der Kita hat die Erzieherin Kontakt zu 30, manchmal auch 40 Buben und Mädchen. Ohne Abstand, meist ohne Maske oder regelmäßige Desinfektion. Kinder husten ihr ins Gesicht, coronaleugnende Eltern betreten provokativ die Kita. Regelmäßiges Händewaschen und Desinfizieren von Flächen – dafür bleibt keine Zeit. Aber nach der Arbeit, im Privaten, soll Maria Schneider dann zu anderen Menschen möglichst großen Abstand halten. Wenn sie ihre Geschwister und Eltern gleichzeitig trifft, riskiert sie eine Strafe. „Die Kita ist wie eine Parallelwelt, in der es kein Corona gibt“, sagt die Pädagogin.

 

Ein Frühlingsabend kurz vor Ostern. Die Kindheitspädagoginnen Maria Schneider und Sabine Deckert haben sich zu einem virtuellen Treffen per Video bereit erklärt. Sie wollen von ihrem Alltag in zwei unterschiedlichen Kindertagesstätten in der Region Stuttgart berichten – eine kirchliche und eine öffentliche. Um ganz offen sprechen zu können, heißen sie in diesem Text anders als in Wirklichkeit. Natürlich sprechen sie nur für sich. Aber aus dem Austausch mit Kolleginnen wissen sie, dass viele ähnliche Erfahrungen machen.

Über die 25 000 Kita-Gruppen wird kaum geredet

Es ist vor allem ein Gefühl des Vergessenseins, das den Alltag der beiden Frauen bestimmt. Während überall sonst strenge Abstands- und Hygieneregeln gelten, während ausführlich und leidenschaftlich über Schulen diskutiert wird, für diese Fernunterricht und Testpflicht beschlossen werden, machen die meisten Kitas nach den Osterfeiertagen einfach wieder auf. Über ihre Arbeitsbedingungen in den 25 000 Kita-Gruppen im Land werde zu wenig geredet, sagen die zwei Erzieherinnen. Brandbriefe, die dieser Berufsstand in den vergangenen zwölf Monaten deshalb zuhauf an die Politik geschrieben hat, blieben weitgehend wirkungslos.

Maria Schneider und Sabine Deckert wissen, wie wichtig die Kita für eine gesunde Entwicklung ihrer Schützlinge und die Entlastung arbeitender Eltern ist. Aber dass sie sich selbst um Schnelltests kümmern müssen („Ich warte jedes Mal eine halbe Stunde im Wartezimmer des Arztes“), dass immer noch nicht jede Erzieherin, die will, einen Impftermin hat, dass nicht alle Träger selbstverständlich Masken bereitstellen, dass sie über die Entscheidungen der Politik meist aus den Medien erfahren, weil Träger und Kitaleitungen überfordert seien, dass kein zusätzliches Reinigungspersonal da ist, dass nicht wenigstens in den Osterferien mal eine Woche zu ist – das alles zeigt für sie, wie wenig ihre Arbeit geschätzt wird. „Wir müssten auch in viel kleineren Gruppen arbeiten können“, sagt Sabine Deckert.

Teilweise zu zweit mit 40 Kindern

Das aber wäre mit der dünnen Personaldecke gar nicht möglich. „In unserer Einrichtung sind drei Vollzeitstellen unbesetzt. Teilweise sind wir zu zweit für 40 Kinder da“, sagt Maria Schneider. In der Krise rächt sich der chronische Fachkräftemangel in den Kitas einmal mehr. Deutschlandweit fehlen nach Gewerkschaftsangaben mehr als 100 000 Erzieherinnen und Erzieher. Teilweise können neu gebaute Kitas gar nicht öffnen, weil das Personal dafür nicht da ist.

Derzeit ist das Loch in der Personaldecke noch größer, weil Gruppen sich nicht mehr mischen dürfen. Außerdem fallen Erzieherinnen aus, weil sie zur Risikogruppe gehören, und die, die arbeiten, müssen beim kleinsten Schnupfen zuhause bleiben. Die Landesregierung hat den Personalschlüssel deshalb per Coronaverordnung aufgeweicht. Normalerweise sind für eine Ganztagsgruppe mit 20 Kindern über drei Jahren zwei Vollzeitkräfte nötig. In der Krise darf dieser Personalschlüssel um 20 Prozent unterschritten werden. Längst geht in den Kitas die Angst um, dass diese Regel über die Pandemie hinaus bestehen bleiben könnte.

Kitas sollen alles auffangen, was in den Familien nicht funktioniert

Den Erzieherinnen geht es wie allen Menschen in Care-Berufen, also sorgenden Tätigkeiten: Die Erwartungen an sie wurden in den vergangenen Jahrzehnten immer größer, – nur an den schlechten Arbeitsbedingungen änderte sich nichts. So wie die Altenpflege – chronisch unterbesetzt und -bezahlt – die Folgen einer immer älter werdenden Gesellschaft schultern muss, sollen die Kindertagesstätten auffangen, was in Familien und Arbeitswelt nicht funktioniert: Kinder erziehen und fit für die Schule machen, motorische, emotionale, sprachliche Defizite ausgleichen, das Nebeneinander von Beruf und Familie ermöglichen. Bilden statt nur betreuen, lautet das Motto.

Dafür hat die Politik zwar unter anderem den Beruf teilweise akademisiert, aber studierte Kindheitspädagoginnen wie Maria Schneider und Sabine Deckert verdienen nicht mehr als Kolleginnen ohne Studienabschluss. Rund 4000 Euro brutto sind das maximale Gehalt, das eine Erzieherin ohne Leitungsfunktion nach vielen Jahren Berufserfahrung erreichen kann.

Tägliche Diskussionen mit Eltern

Bildungseinrichtung? Darüber können die beiden Gesprächspartnerinnen derzeit ohnehin nur erschöpft lächeln. „Wir können die Kinder gerade so betreuen“, sagt Maria Schneider. Verständnis bekämen sie dafür nicht von allen Eltern. „Die treten teilweise sehr fordernd auf“, sagt Sabine Deckert. „Warum haben Sie die Öffnungszeiten verkürzt!?“ „Ich warte hier schon zehn Minuten draußen auf mein Kind!“ „Müssen Sie unbedingt eine Maske tragen?!“ – „Corona gibt es nicht!“ – „Warum findet kein Vorschulprogramm statt?“ – das sind Sätze, die sie sich derzeit anhören müssen. Besonders schlimm sei es in der Zeit der Notbetreuung gewesen, sagt Sabine Deckert. Jeden Tag hätte sie sich vor Eltern rechtfertigen müssen, warum ein Kind kommen darf und ein anderes nicht.

Klar, ein Großteil der Eltern steht hinter den Erzieherinnen. So betont die Landeselternvertretung Kita, dass die Eltern Verständnis für den Ärger und die Situation der Erzieherinnen hätten und fordert bessere Schutzkonzepte, mehr Personal und Geld. Und dennoch: Wenn Mütter und Väter zu Recht den Anspruch ihrer Kinder auf Betreuung und soziales Miteinander einfordern, wenn Kinderärzte und -psychologen mahnen, welche gravierenden Folgen es für Kinder haben kann, sie von anderen zu isolieren, wenn Politiker diese Stimmen ernst nehmen und die Kitas offen lassen, dann sind es am Ende die Erzieherinnen, die ihre Gesundheit riskieren, die abwägen müssen zwischen Eigenfürsorge und Zuwendung zum Kind.

Ein Kind schlägt nur noch um sich

Überhaupt die Kinder. Bei vielen hinterlasse die Krise derzeit Spuren, so die Erfahrung von Maria Schneider. Ein Kind schlage nur noch um sich, ein anderes erzähle nur noch von Fernsehsendungen, die es in der Zeit der Kitaschließungen sah, viele seien sehr bedürftig. „Sie brauchen mich gerade viel mehr als in normalen Zeiten“, sagt die Pädagogin. Manche hätten auch Angst, sich selbst oder ihre Eltern und Großeltern mit Corona anzustecken. Ein Kind will deshalb, dass das Fenster ständig geöffnet bleibt.

Wenn ein Junge oder Mädchen zu ihr kommt, Trost braucht, dann nimmt Maria Schneider das Kind auf den Schoß. „Aber ich gehe derzeit nicht von mir aus auf Kinder zu und umarme sie. Manche fragen deshalb, ob ich sie jetzt weniger lieb habe“, sagt Maria Schneider und schluckt. „Ich kann Kinder nicht nicht umarmen“, sagt Sabine Deckert. „Aber wenn mir mal wieder eines mitten ins Gesicht geniest hat, dann gehe ich nach Hause und bete, dass es kein Corona hatte.“

Sabine Deckert liebt Kinder – und sie liebt ihren Beruf. Aber für sie ist klar: Unter diesen Bedingungen macht sie das nicht noch mal ein Jahr mit. Sie könnte eine weitere der vielen Erzieherinnen sein, die ihrem Beruf irgendwann enttäuscht den Rücken kehren.