Auch im Lahrer Dekanat – hier die Kirche Peter und Paul in der Innenstadt – macht der bundesweite Trend von steigenden Kirchenaustritten nicht Halt. Foto: Gieger

Im Jahr 2022 haben in Lahr und Region so viele Menschen wie noch nie der Kirche den Rücken gekehrt. Unsere Redaktion hat mit Dekan Johannes Mette über die Gründe für diese hohe Zahl gesprochen.

Richtig überrascht ist Dekan Johannes Mette nicht über die hohe Zahl an Kirchenaustritten. Denn jeder Einzelne, der im Dekanat Lahr aus der katholischen Kirche austritt, bekommt von ihm Post. Der Dekan schreibt freilich nicht jeden Brief selbst, zur Unterschrift wird ihm jedoch jedes Schreiben vorgelegt.

 

Im Jahr 2022 setzte Mette seine Signatur also unter 975 Briefe an Kirchenaustreter. Diese Zahl geht aus der kürzlich veröffentlichten Statistik durch das Freiburger Erzbistum hervor, die im Internet einzusehen ist. Den schon hohen Wert aus dem Jahr zuvor (630) hat das Lahrer Dekanat somit noch einmal deutlich getoppt – im negativen Sinne. „Es ist eine hohe Zahl. Sie erfüllt mich nicht mit Freude“, will Mette auch gar nicht um den heißen Brei herumreden.

„Im Prinzip sind wir im Dekanat im Trend“, sagt der Pfarrer mit Blick auf die überall hohen Zahlen. Verglichen mit anderen Dekanaten im Freiburger Erzbistum steht man in Lahr sogar noch recht gut da. „Das liegt daran, weil wir doch eher keine größere Stadt haben“, glaubt Mette. In Ballungszentren wie Freiburg oder Karlsruhe seien die Austrittszahlen durch die deutlich größeren Städte noch höher.

Oft ist die „Institution Kirche“ ein Grund

Über die individuellen Gründe für den Kirchenaustritt kann der Dekan nur spekulieren, auch wenn er von einigen Ausgetretenen Antwort auf sein Schreiben bekomme. Einen Trend hat er jedoch beobachtet: In den allermeisten Fällen sei der Austritt keine Reaktion auf die Arbeit in den Seelsorgeeinheiten. Vielmehr sei es die „Institution Kirche“, die die Menschen als Gründe angeben, so Mette.

Missbrauchskandale machen Arbeit vor Ort schwierig

Hierbei spielen natürlich die in der jüngeren Vergangenheit aufgedeckten Skandale eine Rolle. Inwieweit das im Frühjahr 2023 veröffentlichte Gutachten zu Missbrauchsfällen und deren Vertuschung im Erzbistum Freiburg für weitere statistische Konsequenzen sorgt, wird sich erst in der Statistik im kommenden Jahr zeigen.

Grundsätzlich sei dieses Thema dauerhaft in den Seelsorgeeinheiten präsent, so Mette, er investiere viel Zeit in die Präventionsarbeit. „Oft entsteht der Eindruck: ,Die Kirche macht zu wenig’ – dabei machen wir ganz viel“, sagt Mette. In seinem Dekanat sei man auf einem guten Weg, findet er. Das sei auch der Anspruch. Dass das gelinge, zeigen auch Gespräche mit Ausgetretenen. Oftmals würden die Menschen dann die gesparte Kirchensteuer an charitative Projekte vor Ort spenden.

43 181 Katholiken im Dekanat

Dekan Johannes Mette räumt jedoch auch ein, dass die Austrittswelle an ihm und seinem Team in den Seelsorgeeinheiten nicht spurlos vorbei geht. „Die Zahlen sind nicht gerade aufbauend – aber es ist die Kunst, dass man sich davon nicht demotivieren lässt“, sagt er. Denn für die Ende 2022 registrierten 43 181 Katholiken im Dekanat wolle man „vor Ort gute Arbeit machen“.

Info – Das Dekanat

Das Dekanat Lahr, das die Seelsorgeeinheiten an der Schutter, Ettenheim, Friesenheim, Kippenheim und Rust umfasst, zählte Ende des vergangenen Jahres 43 181 Gläubige. Das Dekanat Offenburg-Kinzigtal, zu dem die Gemeinde Neuried gehört, zählte 2022 insgesamt 99 067 Katholiken. Im Lahrer Nachbar-Dekanat kehrten im vergangenen Jahr 2324 (2021: 1712) Menschen der Kirche den Rücken.