Eine Gemeinschaft müsse sich von unten entwickeln, ist die feste Überzeugung des neuen Stadtteilpfarrers in Friedlingen, Luca Ghiretti.
Erst nach und nach kommt Luca Ghiretti, der neue Stadtteilpfarrer für Friedlingen, an seinem neuen Wirkungsort an. Von einer Reise mit einer Delegation des Kirchenbezirks nach Kalabrien und Sizilien hat er jede Menge neuer Eindrücke mitgebracht.
Sie kommen gerade von einer Dienstreise aus Süditalien zurück, wo Sie sich mit einem Team aus dem Kirchenbezirk Markgräflerland zur Arbeit der Waldenserkirche mit Flüchtenden und Migrierenden informiert haben. Wie war’s?
Sehr interessant. Wir haben viel von den Waldenserinnen und Waldensern gelernt, einer relativ kleinen evangelischen Gemeinschaft in Italien. Mit ihren Projekten schlägt sie innerhalb der Kirchen in Italien einen besonderen Weg ein. Indem sie sich strikt konzentriert auf ihren Auftrag des Diensts an der Gesellschaft und der Hilfe für Menschen in Not, auf kulturelle und soziale Projekte, gelingt es dieser Gemeinschaft, von vielen Menschen finanziell unterstützt zu werden, die ihr selbst gar nicht angehören. In Zahlen: Sie haben zwar nur 20 000 Mitglieder, um die 600 000 Italienerinnen und Italiener lassen ihnen aber ihren obligatorischen Steuerbeitrag – genannt „acht Promille“ – zukommen.
Welche Projekte haben Sie kennengelernt?
Wir waren in Camini, einem kleinen Dorf in Kalabrien, in das durch eine Kooperative wieder Leben eingezogen ist. Am Anfang stand die Idee, Arbeit für Menschen zu schaffen. Und das in einer Gegend, dem Inneren Kalabriens, wo es keine Arbeitsplätze gibt, schon gar nicht für Migrierende, die neu sind im Land. Es wurde beschlossen, sich auf die Aufnahme von Flüchtlingen zu konzentrieren. Sie sind niemandem zur Last gefallen, sondern haben vielmehr selbst etwas mit aufgebaut – Integration als Win-win-Situation sozusagen. In Rosarno leben Menschen, die Orangen pflücken, in einem Zeltlager. Wir haben dagegen ein Haus gesehen, das ihnen die Möglichkeit gibt, selbstständig zu leben und den Weg aus einer Spirale der Ausbeutung zu finden. Weitere Ziele waren die „Casa delle Culture“ in Scicli (ein Aufnahmezentrum) und Riesi, wo ein diakonisches Zentrum in einem Dorf, das früher stark unter Mafia-Kontrolle stand, von der Kirche gebaut worden ist. In Palermo haben wir im „Centro Diaconale La Noce“ erfahren, was dort für Kinder, Familien und Menschen in schwierigen Verhältnissen getan wird – mitten in einer großen Stadt. Wir haben auch den Verein Pellegrino della Terra besucht, der sich dafür einsetzt, Frauen aus Ausbeutung (nicht nur sexueller Art) zu befreien.
Was konnten Sie mitnehmen für Ihre Arbeit hier?
Was ich mitnehme ist, dass Gegenwart und Zukunft der Kirche geprägt sein wird von ihren diakonischen Aufgaben. Dies ganz besonders in dieser interkulturellen, fluiden und hoch vernetzten Welt. Wir können da ein wichtiger Baustein sein. Es zeigt sich: Selbst wenn die Kirche klein ist, kann sie Großes für die Gesellschaft bewirken. Alle, die wir getroffen haben, waren sich einig: Alleine sind wir nichts, nur im Netzwerk können wir Gutes für die Gesellschaft erreichen. Und dieses Netzwerk muss offen sein, nicht auf Christen beschränkt.
Sie haben Ihre Stelle bereits am 1. Januar angetreten. Was konnten Sie bisher bewirken?
Meine Pfarrstelle hier hat bewusst einen besonderen Schwerpunkt in der Quartiersarbeit, in der Arbeit als interkulturelle Kirche und dem Zusammenleben. Meine Aufgabe hier ist nicht die traditionelle eines Pfarrers – dafür ist weiterhin zum Teil meine Kollegin Johanna Pähler zuständig –, sondern jene, eine Netzwerk aufzubauen.
Mit einigen Akteuren habe ich bereits Kontakt aufgenommen: dem Mehrgenerationenhaus, dem Quartierstreff, der Schule, der Freikirche „Living Hope“ und dem Jugendzentrum „La Loona“. Aus diesen Kontakten heraus entwickeln sich langsam Projekte.
Wie gehen Sie konkret vor?
Die erste Zeit habe ich dafür aufgewendet, Beziehungen zu schaffen. Mir war von vorneherein klar: Ich komme nicht mit einem Plan. Es muss alles „von unten kommen“. Ich sehe als meine Aufgabe, interreligiöse Begegnungen zu ermöglichen und den Dialog zu pflegen in einem sehr heterogenen Umfeld. Etwa in einem Jahr kann ich mehr darüber sagen, wie das klappt.
Wie haben Sie zum Pfarrberuf gefunden?
Ich komme aus einer katholischen Familie aus der Nähe von Parma in der Po-Ebene, einer nach dem Zweiten Weltkrieg stark kommunistisch geprägten, „Roten“ Region. Kennen Sie Don Camillo und Peppone? Die eine Seite hat meine Großmutter mit ihrem starken Glauben vertreten, die andere, die politische Seite, mein Großvater. Am Ende der Schulzeit konnte ich mit der Kirche nicht mehr viel anfangen und habe mich für ein Jurastudium entschieden, dass ich mit Examen und einem Rechtsreferendariat abgeschlossen habe. Doch schon während meines Studiums kam ich über soziales Engagement der Kirche wieder näher, allerdings eher der evangelischen Kirche. Freiheit und Interkulturalität waren die Aspekte, die mich angezogen haben. Und so habe ich mich zum Studium der evangelischen Theologie in Rom entschlossen. Damals hatte ich bereits angefangen, eine Doktorarbeit in Verfassungsrecht zu schreiben.
Was motiviert Sie in Ihrem Tun?
Ich fühle mich berufen, meine Gaben in eine bestimmte Richtung einzusetzen. Beziehungen unter den Menschen und die politische Dimension des Glaubens sind mir ungeheuer wichtig. In die Gesellschaft hineinzuwirken, nicht ich allein, sondern als Gruppe.
Wie kamen Sie ins Dreiländereck?
Ich lernte zunächst in Heidelberg Deutsch und absolvierte im Anschluss ein Vikariat in Freiburg. So kam ich nach Lörrach, wo ich meinen Probedienst in vier verschiedenen Gemeinden absolviert habe. Ich wollte sehen: Was bedeutet das, hier Pfarrer zu sein? Dann wurde ich Pfarrer in Tüllingen. Ein großes Glück. An der Universität Basel ergab sich später die Möglichkeit, eine Doktorarbeit zu machen in praktischer Theologie. Das Thema hat perfekt zu mir gepasst: Konvivialität in super-diversen Gemeinschaften. Nun bin ich zurück, und kann meine Erkenntnisse einfließen lassen. Eines aber habe ich aufgegeben, nämlich auf die Frage zu antworten: Was hast Du vor? Heute schaue ich ganz offen in die Zukunft und sage: Ich vertraue Gott!
Zur Person: Luca Ghiretti (47) ist Stadtteilpfarrer in Weil-Friedlingen, Beauftragter des Kirchenbezirks Markgräflerland für Migration und Flucht sowie Bezirksdiakoniepfarrer. Er lebt in Lörrach-Stetten.
Am 29. Juni, 10 Uhr, wird er beim Eröffnungsgottesdienst der Woche der Diakonie in der Stadtkirche in Schopfheim in sein Amt eingeführt.