Julian Kempf Foto: Conzelmann

Mit einem „Ade“ hat sich Vikar Julian Kempf schon über den Gemeindebrief verabschiedet. Nach zwei Jahren Vikariat in Albstadt zieht er nun weiter.

„Ade“ kommt eigentlich von „a Dieu“, also „zu Gott“ und ist daher mehr als nur ein „Tschüss“. Vielmehr ist es ein kleiner Segensgruß: „Möge Gott dich begleiten“. So schreibt es Kempf in seiner Abschiedsandacht und so war auch sein Vikariat: eine segensreiche Begleitung in der Gemeinde.

 

Ein großes Stück des Lebenswegs ging er dabei mit Kindern und Jugendlichen: Diese begeisterte er in Schul- und Konfirmandenunterricht mit seinen anschaulich erzählten Geschichten, forderte den Nachwuchs mit Lebensfragen. Das hat ihm selbst solche Freude gemacht, dass er nach seiner Ordination – der Einsetzung als Pfarrer am Sonntag, 14. September um 14 Uhr in der Stadtkirche Balingen – zunächst eine Pfarrstelle im Schuldienst annehmen wird.

„Auf die Lebenswirklichkeit der Jugendlichen eingehen“

Im Otto-Hahn-Gymnasium wird er künftig für den evangelischen Religionsunterricht zuständig sein, am vier- bis sechszügigen Gymnasium fällt, wie in vielen Schulen, gerade der Religionsunterricht häufig aus. Der Oberkirchenrat in Stuttgart war daher auch nicht traurig, dass sich Kempf vorläufig nicht auf die Gemeindearbeit, sondern auf Schulunterricht konzentriert. Am Gymnasium Meßstetten hat er auch seine Lehrprobe abgehalten und er habe richtig viel Spaß mit Jugendlichen: „An gesellschaftlichen Fragen arbeiten, offen diskutieren, sie begleiten und sich freuen, wie viel Interesse an Lebensfragen da ist. Und auf die Lebenswirklichkeit der Jugendlichen eingehen,“ das will Kempf.

Ideale Trainingsbedingungen

Dass sich der Schuldienst leichter als die Arbeit im klassischen Pfarramt mit seinem großen Hobby verträgt, will er dabei nicht verhehlen: Er ist Lizenzfahrer für den Schneeschuhverein Tuttlingen und bewegt sich im Mountainbikebereich unter den Top 30 in Deutschland. Fünf bis sechs Rennen absolviert er im Jahr, unter anderem in der „Gravel World Series“. Mehr geht leider nicht, da die Wettkämpfe meistens sonntags sind – und da ist ein Vikar nun mal meistens eher auf der Kanzel als auf dem Bike zu finden.

Um noch besser zu werden, reicht auch die Trainingszeit nicht aus, obwohl er zwischen 12 und 14 Stunden pro Woche fährt, bei jedem Wetter und jeder Jahreszeit. Er ist gerne draußen und hatte sich vor zwei Jahren daher sehr gefreut, als es mit der Vikariatsstelle in Truchtelfingen geklappt hatte. „Die Trainingsbedingungen für Mountainbikefahrer sind ideal“, lobt der in Tuttlingen aufgewachsene Kempf die Strecken in und um Albstadt.

„Wie gehe ich als Christ mit dem Leistungssport um?“

Selbstverständlich ließ er es sich im letzten Jahr nicht nehmen, am Bike-Marathon teilzunehmen und lange Zeit hatte er auch das Podium im Visier. Ein Sturz machte dieses Ziel dann zunichte und es reichte letztlich „nur“ zum Albstadt-Sieger. „Ich bin Hobbyfahrer auf Leistungssportlerniveau“, sagt er und natürlich ist sein Ziel, vorne mitzufahren. Jeder Sportler wolle immer gewinnen, „da würde man ja lügen“ und doch sei ihm bewusst, dass der Sieg nicht alles sei, dass das Leben weit höhere Ziele biete. „Wie gehe ich als Christ mit dem Leistungssport um, wie verhalte ich mich zu meinen Mitbewerbern, welchen Stellenwert räume ich dem Sport ein?“

Auch künftig wird der 31-Jährige nicht viel mehr Zeit für Weltcuprennen haben. „Natürlich verstehe ich mich als Pfarrer“, neben dem Schuldienst wird er weiterhin Gottesdienste halten und Gemeindearbeit unterstützen. Dabei wird er auch von seinen Erfahrungen in Truchtelfingen profitieren, einer Kirchengemeinde, die noch richtige Volkskirche sei. Das sehe man an den Angeboten wie dem Mittagessen in Gemeinschaft oder dem Seniorenkreis. „Truchtelfingen ist noch ein eigener Sozialraum“ analysiert er und auf die Nachfrage, ob das nun negativ oder positiv sei, lacht er: „Das ist erstmal eine Beschreibung.“

Große Kraftanstrengungen nötig

Aber die Gemeinde habe geschaut, was im Ort gebraucht werde – und so sei die Bewegungswelt mit ihren Angeboten wie dem BW-Café, Gottesdiensten unter dem Kastanienbaum oder auch die Adventsfenster in Kooperation mit den Truchtelfinger Vereinen entstanden. Gleichwohl sieht er riesige Veränderungen auf die Gemeinden zukommen, „große Kraftanstrengungen“ seien nötig, um den Status Quo zu erhalten, von Wachstum wolle er derzeit gar nicht reden.

Was er von Albstadt mitnimmt? „Es ist gut, dass die Stadt zusammenwächst,“ meint er und verweist auf seine Grundschüler, die sich als Albstädter verstehen und nicht im Stadtteildenken verhaftet sind wie ihre Vorgängergenerationen. Ganz privat ist er in seinen zwei Albstädter Jahren auch einen ganz besonderen Bund eingegangen: Die Heirat mit Svenja, künftig Lehrerin an der Realschule in Tuttlingen, ist in diese Zeit gefallen. So wird Julian Kempf seine Truchtelfinger Zeit sicherlich unvergesslich bleiben.