Der Balinger Pfarrer Wolfgang Braun über die anstehenden Veränderungen im Dezernat Balingen und die Folgen für das kirchliche Leben vor Ort.
Was vor einem Jahrzehnt noch als Dystopie galt, ist heute Realität. Eine Realität, der sich die Kirche stellen muss, sagt Pfarrer Wolfgang Braun von der katholischen Kirchengemeinde Heilig Geist. „Man muss reagieren.“ Allein 2024 verloren die beiden großen Kirchen durch Austritte und Todesfälle mehr als eine Million Mitglieder – mit direkten Folgen für Personal und Finanzen. „Die Kirche hat massiv weniger Geld. Das bedeutet auch: weniger hauptamtliches Personal und eine veränderte Landschaft.“ Der massenhafte Exit hat mehrere Gründe, glaubt Braun.
Zum einen spiele der demografische Wandel eine Rolle: „Es kommen weniger Kinder und damit auch weniger Taufen nach.“ Die Religiosität sei noch immer da, aber weniger an die Institution Kirche gebunden. „Dazu kommt der Individualismus, die Bindung verändert sich. Und die sogenannte Missbrauchskrise und der Umgang damit.“ Die Verantwortungsträger hätten damals schneller reagieren und härtere Konsequenzen ziehen müssen, findet er.
„Was fehlt?“
Die Kirche stehe unter Handlungsdruck. Vollbesetzte Bankreihen gibt es nur noch an Ostern und Weihnachten, bedauert der katholische Pfarrer. Es sei an der Zeit, auf die Gegebenheiten zu reagieren. „Viele Menschen sagen heute: Ich brauche keinen Glauben. Dann stellt sich die Frage: Was fehlt, wenn Gott nicht mehr fehlt?“ Religion und Glaube müsse man differenziert voneinander betrachten, sagt Braun.
„Es ist eine Zeit der Suche. Und wir müssen die Menschen mehr begleiten, auch diejenigen, die außerhalb der Kirche nach Antworten suchen.“ Etwa durch konfessionsübergreifende und ungebundene Angebote, die für alle Menschen offen sind. „Vielleicht ist es an der Zeit, den Glauben neu zu entdecken. Das hat auch etwas Gutes: dass wir das als Kirche lernen dürfen. Und auch den Dialog mit Nicht-Gläubigen suchen und anstoßen.“
Strukturreform in Balingen
Die Diözese Rottenburg-Stuttgart startet eine gigantische Strukturreform. Diese geht mit dem Ende der derzeit 1020 rechtlich selbstständigen Kirchengemeinden einher. Künftig sollen die Gemeinden 50 bis 80 sogenannte Raumschaften bilden. Durch die Zusammenlegung soll vor allem der Verwaltungsaufwand reduziert werden, so Braun. „Das hat der Diözesanrat beschlossen und wir müssen es jetzt vor Ort umsetzen.“
Noch gibt es sechs Seelsorgeeinheiten im Dezernat Balingen. Schon Ende des Jahres wird sich das voraussichtlich ändern. Dann soll das Gebiet in zwei bis drei „Raumschaften“ eingeteilt werden. Das heißt auch: Die Kirche gibt Immobilien ab. Das können Pfarrhäuser und wenig genutzte Gemeindehäuser sein. „Im Moment sind wir noch mitten im Prozess“, betont Pfarrer Braun. Konkretes könne er deshalb noch nicht sagen. Die katholische Kirche verfügt derzeit im Dezernat Balingen über 20 Gebäude.
Weniger Räume
„Die Gemeinden müssen sich noch darüber klar werden, ob zwei oder drei Räume sinnvoll sind. Und wo?“ Die Optionen in der Eyachstadt seien allerdings überschaubar. Schon im April werden die Kirchengemeinderäte darüber abstimmen. Es kommen anstrengende Monate auf sie zu, ist sich der Pfarrer sicher. „Wir müssen transparent kommunizieren, denn für manche Menschen ist das auch eine Art Abschied vom Gewohnten.“
Noch seien jede Menge ungeklärter Fragen offen. Etwa danach, was mit den 400 bis 500 Katholiken in Roßwangen passiere. „Oder die Begegnungscafés: Woher bekommen sie in Zukunft ihr Geld?“ Auch er als Hauptamtlicher habe viele Fragen. „Mit wem gehen wir in den Diskurs? Wo wollen wir als Kirche hin?“
Nur durch transparente Kommunikation und klare Zuständigkeiten lasse sich vermeiden, dass Engagement, Motivation und Gemeindeleben darunter leiden, sagt Pfarrer Braun. Angesichts der geplanten Neustrukturierung entstehe viel Unsicherheit. Es sei beispielsweise noch unklar, wer künftig welche Entscheidungen trifft und wo Mitbestimmung möglich ist, kritisiert der Theologe. „Wenn ein Kirchort Glaube vor Ort lebt, aber der rechtliche und amtliche Teil woanders angesiedelt ist, wie kann das konkret gehen?“ Auch die Fragen nach den Rechten von Ehrenamtlichen und Gremien sowie der Autonomie oder Abhängigkeit der einzelnen Kirchenorte treiben ihn um.
Bis 2030 soll Reform abgeschlossen sein
Geplant sind neue, größere Verwaltungseinheiten. Angestellt seien die Verwaltungsfachkräfte künftig nicht mehr bei der Gemeinde direkt, sondern bei der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Braun fragt sich daher, ob das Einfluss auf den Spielraum der Gemeinden haben wird.
Bis 2030 soll die Reform abgeschlossen sein. „Die Zeit drängt, aber es ist wichtig, dass wir es nicht zu hektisch angehen“, betont der Theologe. Er fordert, den Prozess grundsätzlicher und langsamer anzugehen.
Ein tiefgreifender Umbruch zeichnet sich ab – die kommenden Monate werden zeigen, ob aus der Notwendigkeit des Wandels eine Chance für ein neues, lebendiges Gemeindeleben entstehen kann.