Ulrike Müller von der Kippenheimer Karls-Apotheke zeigt auf leere Regale. Lieferengpässe sorgen in Apotheken derzeit für einen enormen Personalaufwand. Foto: Köhler

Die Apotheken der Region leiden unter Lieferengpässen. Ein höherer Beratungsbedarf bei den Kunden und eine engere Absprache mit den Ärzten sorgen für einen enormen Personalaufwand. Die Hoffnung ruht auf einer neuen Regelung.

Kippenheim - "Es ist nichts mehr lieferbar", sagt Martin Müller von der Kippenheimer Karls-Apotheke. Beim Besuch unserer Redaktion gibt er einen Einblick ins Bestellsystem. Er sucht bei Großhändlern nach Paracetamol-Zäpfchen und Fiebersäften für Kinder. Das Ergebnis: rote Kreuze, keine Verfügbarkeit. 140 Artikel, die die Apotheke normalerweise auf Lager hat, könnten derzeit nicht mehr geliefert werden. Ulrike Müller ergänzt: "So eine Situation hatten wir noch nie". Seit 2008 betreibt das Ehepaar die Apotheke im Gesundheitszentrum – und steht nun wie viele Apotheken vor neuen Herausforderungen.

Die Gründe für den Mangel an Medizin liegen vor allem in der Energiekrise und in der hohen Nachfrage durch die Krankheitswelle unter Kindern. Doch die Apotheker erläutern, dass es weitere Faktoren gibt. "Die genaue Reglementierung bei Medikamenten entwickelt sich zu einem Nachteil", sagt Ulrike Müller.

Es fehlt an Himbeer-Aroma

Als Beispiel nennt sie, dass manche Firmen bei der Herstellung von medizinischen Säften Probleme haben, an ihr gewohntes Himbeer-Aroma heranzukommen. Eine Alternative gebe es, doch die darf nicht so einfach verwendet werden. "Es muss alles immer genau gleich hergestellt werden", sagt Martin Müller. Erst nach dreimonatiger Testphase könne eine Änderung übernommen werden. Für die Hersteller und die Abnehmer sei das frustrierend, gerade wenn es um Elemente geht, die "nicht medizinisch entscheidend" sind. "Pragmatismus wäre angemessen", fordern die Apotheker, zeigen aber auch Verständnis für die Regelung. Denn im Zweifelsfall habe Sicherheit Vorrang.

Die Lieferengpässe wirken sich vor allem auf Kindermedizin aus. "Erwachsene können eigentlich immer noch versorgt werden", sagt Martin Müller. Oft komme es dabei aber vor, dass die Apotheken den Kunden nicht genau das Medikament geben können, das sie vom Arzt verschrieben bekommen. Dann sprechen sich die Apotheken mit den Arztpraxen ab. Das Rezept wird geändert und der Kunde erhält ein ähnliches Medikament mit dem gleichen Wirkstoff. Die Absprachen mit den Arztpraxen erhöhen den Aufwand der Mitarbeiter ebenso wie die Beratung der Kunden. "Damit kämpfen alle Apotheken", schildert Ulrike Müller die Situation.

Wenig Vertrauen in neue Medikamente

Für die Kunden sei es nicht immer einfach, ein bisher unbekanntes Medikament zu sich zu nehmen, so Müller weiter. Gerade ältere Menschen, die seit Jahren ihre gewohnte Medizin nehmen, müssten erst einmal Vertrauen in die Alternative gewinnen. Dazu seien viele Beratungsgespräche nötig. Ulrike Müller berichtet, dass manche sogar ihre Dosis halbieren aus Angst, dass ihnen die Medizin ausgeht und sie keine neue bekommen. Davon rät die Apothekerin dringend ab.

Bessern könnte sich die Situation dadurch, dass es für die Hersteller von Fertigmedizin wieder attraktiver wird, ihre Produkte in Deutschland zu verkaufen. "Medikamente sind zu günstig", sind sich die Apotheker sicher. Dabei wollen sie aber nicht, dass die Kunden mehr zahlen, sondern hoffen auf die Krankenkassen. Diese steuern exemplarisch bei einem Päckchen Paracetamol-Zäpfchen mit 75 Milligramm Wirkstoff von 2,99 Euro einen gedeckelten Preis von 1,06 Euro bei. Dieser Betrag müsse unter Berücksichtigung der gestiegenen Produktionskosten dringend erhöht werden, sagen die Apotheker. Dann könnten Medikamente teurer verkauft werden und für die Hersteller wäre es attraktiver, mehr Produkte in Deutschland anzubieten. "Das hätte in der Breite einen großen Effekt", sagt Martin Müller.

Info – Unterstützung

Ein Lichtblick in einer schwierigen Zeit sei der Zusammenhalt der Apotheken in der Region Lahr. "Es gibt ein gutes Miteinander", sagt Martin Müller. Entdecke eine Apotheke im Bestellsystem, dass ein Medikament gerade verfügbar ist, informiere diese sogleich andere Apotheken. Auch werden Kunden werden in anderen Filialen geschickt, wenn dort die gewünschte Medizin vorrätig ist.