Christoph Weinmann ist Kindertherapeut. Foto: Holzäpfel

Etwa jeder Zehnte ist hochsensibel, sagt Sozialarbeiter und Kindertherapeut Christoph Weinmann. Am Freitag hat er darüber einen Vortrag im Katholischen Gemeindehaus gehalten.

Als Kind zieht sich Christoph Weinmann oft zurück. Die ersten Worte sagt er mit vier Jahren. In der Großfamilie, in der er aufwächst, ist immer etwas los. Ihm wird es manchmal zu viel. Dann zieht es ihn in die Natur. Stundenlang spielt er mit den Katzen, streift durch Wald und Wiesen.

 

Weinmann macht eine Ausbildung zum Koch, studiert später Soziale Arbeit. Der heute 69-jährige Esslinger arbeitet sieben Jahre lang im Jugendamt, es folgen 15 Jahre im Kinderschutzzentrum. Dann, vor acht Jahren, verändert sich seine Selbstwahrnehmung. Eine Person aus seinem Umfeld fragt ihn, ob er glaube, hochsensibel zu sein. „Ich war wie von den Socken“, sagt der Kindertherapeut. Denn das Gefühl anders zu sein, habe ihn sein Leben lang begleitet.

Herr Weinmann, was versteht man unter Hochsensibilität?

Zunächst mal ist es wichtig zu verstehen, dass Hochsensibilität keine Krankheit ist. Es ist eine Wesensart. Als Erste hat sich die Psychologin Elaine Aron schon in den 1990er-Jahren mit dem Phänomen beschäftigt und es fundiert erforscht. Auch in Deutschland findet das Thema immer mehr Beachtung. Hochsensible Menschen nehmen ihre Umgebung intensiver wahr und denken darüber mehr nach. Es ist Fluch und Segen zugleich – so lässt sich Hochsensibilität vielleicht am treffendsten beschreiben. Dabei kommen verschiedene Aspekte zusammen: Das eine ist die Reizüberflutung. Hochsensible Menschen sind sehr empfindsam, nehmen zum Beispiel Gerüche und Geräusche sehr intensiv wahr. Sie reagieren dann häufig extrem auf äußere Reize. Das kann zu heftigen emotionalen Reaktionen führen, zu Wutanfällen. Andere hochsensible Kinder sind wiederum sehr zurückgezogen und still. Es ist oft eine emotionale Achterbahnfahrt. Diese Kinder sind extrem beschäftigt im Kopf. Denken permanent an Vergangenes, Aktuelles, Zukünftiges. Sind dabei, alles zu analysieren. Das führt häufig zu einem hohen Stresslevel, was sich auch körperlich – etwa durch erhöhte Stresshormone – zeigt.

Woran zeigt sich Hochsensibilität bei Kindern?

Auf körperlicher Ebene zeigt sich das bei Kindern unterschiedlich. Viele hochsensible Kinder sind sehr lärmempfindlich. Das Gehör ist extremer ausgebildet. Oder auch der Geruch: Ein hochsensibler Junge hat mir zum Beispiel mal erzählt, dass er keinen Käsegeruch erträgt. Raclette war für ihn ein Albtraum. Als die Familie im Freizeitpark war, hat er den Raclette-Stand über eine große Entfernung hin gerochen und wollte dort nicht vorbeilaufen. Hochsensible Kinder sind auch häufig extrem schmerzempfindlich. Oder haben sehr spezifische Hunger-Gefühle: Wenn sie hungrig sind und nicht schnell etwas zu essen bekommen, werden sie aggressiv. Das ist auch hormonbedingt: eine Überreaktion. Im sozialen Bereich ist da ein großes Bedürfnis nach Rückzug und Ruhe. Im Grunde ist das eine Reaktion auf die Reizüberflutung. Aber: Hochsensibilität zeigt sich bei jedem Kind anders. Oft sind es sehr einfühlsame Menschen. Sie spüren schon im kleinsten Kindesalter genau, was der Erwachsene fühlt. Die soziale Kompetenz ist extrem ausgebildet. Gleichzeitig fühlen sie sich oft nicht verstanden. Sie sind unheimlich interessiert. Können sich in Spiele vertiefen und in Tagträume dahingleiten.

Gibt es Krankheiten oder neurologische Störungen, die leicht mit einer Hochsensibilität verwechselt werden könnten?

Ja, das erlebe ich immer wieder. Zum Beispiel mit dem Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADS), der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) oder Autismus. Da gibt es auch einige Überschneidungen, aber eben auch klare Unterschiede. Wenn hochsensible Kinder in ihrer vertrauten Umgebung sind, in ihrem Wohlfühl-Element, zeigen sie in der Regel keine Anzeichen für Hyperaktivität oder Stress.

Wie erleben hochsensible Kinder den Alltag – etwa in der Schule, im Freundeskreis?

In der Tendenz kommt es bei hochsensiblen Kindern schneller zur Überforderung. Das kann sich in Aggression zeigen. Ein Junge hat es mal den Hochwutpunkt genannt. Dann entlädt sich kurz alles. Sie haben sehr feine Antennen, nehmen Emotionen stark wahr. Die Mama kann noch mit dem Rücken zum Kind stehen und es fragt sofort: Habt ihr euch gestritten? Ist etwas passiert? Das Kind spürt die Stimmung der Eltern, seines Umfelds. Diese Kinder sind oft sehr einfühlsam. Setzen sich sehr früh sehr stark für Gerechtigkeit ein, sind verantwortungsbewusst schon von klein auf.

Was ist wichtig im Umgang mit hochsensiblen Kindern?

Vorweg: Es sind ganz normale Kinder. Hochsensible wollen nicht jemand Besonderes sein, stellen sich nicht über andere. Sie haben, wie so viele, die Empfindung anders zu sein als die anderen. Und wollen akzeptiert werden. Erstmal ist es wichtig, die Kinder zu nehmen, wie sie sind. Das klingt banal und einfach, denn das brauchen alle Kinder. Aber die hochsensiblen noch ein Stück mehr. Für die Reaktion von hochsensiblen Kindern gibt es immer Gründe. Wenn ein Kind zu seinem Hochwutpunkt kommt, hat das eine Ursache. Auch wenn es von außen betrachtet manchmal aus heiterem Himmel kommt. Es kann zum Beispiel sein, das Kind fängt, ohne direkt erkennbaren Grund, an zu weinen. Später findet die Mama heraus, dass es zwei Tage zuvor Streit mit einem Freund in der Schule hatte und wahnsinnige Angst davor hat, den Freund zu verlieren. Es ist wichtig, dass Eltern ihren Kindern zur Seite stehen. Anerkennend auf ihre Gefühle und Gefühlsausbrüche reagieren und nicht sanktionierend. Mit ihnen gemeinsam verstehen wollen, woher die heftigen Gefühle kommen. Und: sie zu benennen. Den Kindern Worte für diese Gefühle beibringen.

Was können Erwachsene von hochsensiblen Kindern lernen?

Hochsensible Kinder sind ein Spiegel für Erwachsene: Sie konfrontieren uns sehr direkt mit unseren Stärken und Schwächen. Selbstliebe ist ein lebenslanger Prozess, und gerade hochsensible Kinder fordern uns auf besondere Weise dazu heraus, diesen Weg bewusst zu gehen.