Mithilfe eines speziellen Förderprogramms wird in Althengstett die frühkindliche Bildung qualitativ verbessert und unter anderem in organisatorischer Hinsicht an der Kita der Zukunft gearbeitet. Foto: Andrey Kuzmin – stock.adobe.com

Die Kindertagesbetreuung hat in Althengstett einen hohen Stellenwert. Rund zwei Millionen Euro lässt man sich dort das Angebot jährlich kosten. Jetzt wird eins draufgesetzt: Die Kommune kommt in den Genuss eines speziellen Landesförderprogramms, mit dem die Qualität der frühkindlichen Bildung verbessert werden soll. Knapp 185 .000 Euro werden dafür zur Verfügung gestellt.

Althengstett - Mit der Förderung "Trägerspezifische innovative Projekte" (TiP) unterstützt das Land Baden-Württemberg nach eigenen Angaben Kindertageseinrichtungen dabei, innovative konzeptionelle Ideen auf der Grundlage von neuesten pädagogischen Erkenntnissen zu entwickeln, zu erproben und umzusetzen. Das Programm ist für einzelne oder mehrere Kindertageseinrichtungen oder Einrichtungsverbünde wie das Hengstetter Familienzentrum (FAZ) ­ gedacht, Träger und Trägerverbände, "die durch ein trägerspezifisches, innovatives Projekt nachhaltig an einer Qualitätssteigerung der pädagogischen Arbeit interessiert sind und durch Prozessbegleitung unterstützt werden möchten". Dafür stünden für 2021 und 2022 aus dem "Gute-Kita-Gesetz" des Bundes Projektgelder zur Verfügung.

Schon jetzt ein Gewinn

Die Freude bei Franziska Binczik, der Leiterin des Althengstetter Familienzentrums, und den weiteren Erzieherkollegen war riesig, als der Förderbescheid im Rathaus einging. Rund zwei Arbeitstage haben die Fachkräfte gebraucht, um den ersten Entwurf ihres Konzept für die Antragstellung auf Fördergeld auszuarbeiten. "Bei jedem Antrag lernt man was dazu", sagt Binczik im Gespräch mit unserer Redaktion. Zudem hinterfrage man seine eigene Arbeit und lege diese detaillierter fest. Allein das sei schon ein Gewinn.

Konkret geht es für das Althengstetter Erzieherteam darum, inhaltlich, organisatorisch und gesellschaftlich an der Kita der Zukunft zu arbeiten. "Familienfreundliche Voraussetzungen sind für die Gemeinde Althengstett von hoher Bedeutung. Sie verfügt bereits über ein Angebot für junge Familien. Mit dem Familienzentrum wird hier frühzeitig mit der Familienbegleitung begonnen", heißt es in der Projektbeschreibung, mit der die Fördermittel beantragt wurden. Unter dem Dach des FAZ Althengstett gebe es fünf Kindertageseinrichtungen mit insgesamt vier Kleinkindgruppen und 15 Kindergartengruppen. Dem Rechtsanspruch der Familie werde ohne Wartezeiten entsprochen.

Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Es sei ein Anliegen der Kommune, über eine frühzeitige Bedarfsplanung die Bedarfe von Familien zu erkennen, Gruppen auszubauen und auch Öffnungszeiten bedarfsgerecht zu gestalten. "Die Einrichtungen haben den Anspruch, Kinder in den Mittelpunkt zu setzen, Familien bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu unterstützen, die Elternberatung auszubauen und Bildungsangebote für Kinder und Erwachsene anzubieten", ist dort weiter zu lesen. Der Ganztagesbetrieb als durchgängiges Betreuungsangebot von der Krippe bis zum Ende der Grundschulzeit, im zeitlichen Rahmen von 7 bis 17 Uhr, ermögliche die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Familien leiden unter Isolation durch Corona

In der Bedarfsanalyse gehen Binczik und ihre Kolleginnen unter anderem auf die Integration neu zugezogener Familien ein. Ein weiterer Bedarf sei während der Corona-Pandemie sichtbar geworden: "Familien, die gerade ein Kind bekommen haben, berichten von der Isolation, die sie erleben, da Anknüpfungspunkte zum gesellschaftlichen Leben fehlen". Krippenanmeldungen würden zeigen, dass es Kinder gebe, die in einem ganzen Jahr keine sozialen Kontakte hätten erleben können. Dies wiederum führe zu Entwicklungsverzögerungen im sprachlichen und auch sozialen Bereich. Das Konzept der erweiterten Familienbesuche wirke hier entgegen, zeige Möglichkeiten auf und nehme die Familien in den Blick, um nicht als vergessen erlebt zu werden. Der Träger sehe es als seine Aufgabe, pädagogische Fachkräfte daraufhin zu qualifizieren und fortzubilden. "Wir müssen die Corona-Zeit aufarbeiten, unsere eigene Arbeit muss sich neu ausrichten", betont Binczik. Das Förderprogramm eröffne die Chance, Familien besser begleiten zu können und die Betreuungseinrichtungen weiterzuentwickeln.

"Kita goes online"

Außerdem sei die Digitalisierung durch die Pandemie beschleunigt worden. "Kita goes online" sei der Start in den Digitalisierungsprozess auf zwei Ebenen. Dieses Instrument nehme zum einen den Bedarf der Eltern auf, sich im Netz nach Betreuungs-, Freizeit- und Begegnungsmöglichkeiten umzuschauen, es können aber zukünftig auch Kinder online angemeldet werden. Zum anderen werde eine Software eingeführt, die die Kitaverwaltung erleichtere und unterstütze. In ihrer

Zukunftsvision strebe die Gemeinde Althengstett eine moderne, nachhaltige und digitale Verwaltungsinfrastruktur in den Kitas an, die sich an Anforderungen des Onlinezugangsgesetzes sowie der digitalen Lebenswelt von Familien orientiere.

Zusätzliche Fortbildungen

Innovativ sei das Althengstetter Modellprojekt unter anderem, so Binczik und die weiteren Fachkräfte, weil die Kitas als Motoren in der präventiven Familienbegleitung mit einer ganzheitlichen Perspektive gesehen und weiterentwickelt würden. Zukunftsweisend sei zudem das Fortbildungskonzept, dass die Kompetenzen langjähriger Mitarbeiter erkenne und auch die Chancen junger Mitarbeiter nutzen werde. Pädagogische Fachkräfte würden sich gegenseitig weiterbilden. Zusätzlich würden Fortbildungen mit FAZ-Themen von der Amts- und Projektleitung gegeben. "Somit stärkt man Mitarbeiter vor Ort wertschätzend und erreicht die Identifizierung mit dem Arbeitsplatz", heißt es in dem Konzept für die Antragstellung.

Hang zur Depression im Kindesalter

Ziele des Projekts sind unter anderem die Etablierung von Fortbildungsangeboten zur verbesserten Qualität eines familienorientierten Kitaangebots sowie die Stärkung durch Fortbildung, Coaching und Supervisionsangebote, was den Kindern und Familien sowie den Mitarbeitern und der Leitungsebene zu Gute komme, um mit den Herausforderungen der Zukunft gemeinsam umgehen zu können. Unbedingt vermeiden möchte man in den Hengstetter Kitas eine Überbelastung der pädagogischen Fachkräfte durch neu auftretende Themen, die die Pandemie hervorgebracht habe: "Hierzu gehören auftretende Zwangsstörungen bei Kindern, der Hang zu Kinderdepressionen, Entwicklungsverzögerungen oder die Zunahme häuslicher Gewalt". Dies müssten Fachkräfte künftig in den Einrichtungen begleiten, was nur möglich sei, wenn auch sie selbst begleitet würden. Diese Aufgabe nehme sich die Gemeinde als Träger mit einem zukünftigen Angebot an Supervision und professionell begleitenden Fallbesprechungen an.

Ein erprobtes Team

"Das Projekt läuft bis Ende 2022", erläutert Binczik. Für die Prozessbegleitung, für die das Deutsche Luft- und Raumfahrtzentrum beauftragt wurde, seien Althengstett drei Mitarbeiterinnen zugeteilt worden, die das Erzieherteam telefonisch beraten. Außerdem seien eine Evaluation, also eine sach- und fachgerechte Untersuchung und Bewertung des Betreuungsangebots, mehrere Online-Veranstaltungen und während der nächsten zwölf Monate Weiteres geplant. Nun sind Binczik und ihre Kolleginnen auf den weiteren Verlauf gespannt, konnten aber schon bei der Antragstellung auf einen entscheidenden Vorteil verweisen, der sicher nicht unerheblich zum Gelingen beitragen wird: "Die Zusammenarbeit innerhalb dieses Teams ist erprobt und innerhalb des vergangenen Jahres gewachsen".