Christine Dessup ist Betriebswirtin – und arbeitet ehrenamtlich beim Kinderschutzbund Balingen. Ein Gespräch über Motivation, Verantwortung und Herausforderungen.
Wenn Christine Dessup anfängt, über ihre beiden Patenkinder zu sprechen, dann ist da dieses Lächeln. Eines, das die Augen erreicht. Es wird schnell deutlich, dass die gelernte Betriebswirtin ihr Ehrenamt ernst nimmt. Sich der Verantwortung bewusst ist. Dass sie über ihre Worte nachdenkt, bevor sie diese ausspricht. Und sich überhaupt viele Gedanken macht.
„Angefangen habe ich während der Corona-Pandemie. Ich bin durch Zufall auf den Balinger Kinderschutzbund gestoßen“, erinnert sie sich. Ihr klassischer Bürojob mache ihr Spaß. „Aber ich hatte schon lange den Wunsch, neben der Arbeit noch etwas Soziales, etwas ganz anderes zu machen.“
„Vor der ersten Stunde war ich total aufgeregt“
Zunächst hat sie einen Termin mit Heilpädagogin Tanja Giese vereinbart. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Regine Wagner koordiniert sie die Patenschaften des Kinderschutzbundes in Balingen. Ein bis zweimal die Woche treffen sich die Ehrenamtlichen mit ihrem Patenkind für eine Spielstunde. Im Anschluss folgt nach jeder Stunde eine Reflexion.
Christine Dessup ist eine von derzeit 23 Paten. Der Bedarf ist weitaus höher als die Zahl der Ehrenamtlichen. Auf das erste Gespräch folgte eine zweitägige Schulung mit Workshops. „Dabei geht es vor allem um die Basics: die Grundbedürfnisse der Kinder, pädagogische Konzepte des Spiels.“ Sie habe viel Neues gelernt, sagt Dessup.
„Vor der ersten Stunde war ich total aufgeregt. Aber das Kennenlernen war schön.“ Zwischen ihr und ihrem ersten Patenkind, ein Mädchen im Kindergartenalter, habe es auf Anhieb gepasst.
Es braucht Zeit, bis die Kinder Vertrauen aufbauen
Dennoch: „Es braucht natürlich Zeit, bis die Kinder Vertrauen zu dir aufbauen.“ Oftmals falle es den Kindern leichter, sich im Spiel auszudrücken und Dinge zu verarbeiten. Knapp zwei Jahre hat Christine Dessup ihr erstes Patenkind begleitet. Länger als zunächst vorgesehen. „Eigentlich ist der Rahmen immer ein Jahr.“
Doch der Bruder ihres Patenkindes, der ebenfalls im Kinderschutzbund Balingen war, habe eine Verlängerung genehmigt bekommen. Sie habe es dem Mädchen daher auch ermöglichen wollen. Zudem stand für Dessups Patenkind der Wechsel in die Grundschule bevor. Eine Veränderung, die auch Angst macht.
Rennbahn, Kaufladen, Instrumente
Die Spielstunden sind für die Kinder ein wichtiger Ausgleich zum Alltag, weiß die Ehrenamtliche. „Es geht in dieser Stunde nur um das Kind.“ Die Räumlichkeiten, das Spielzimmer im Balinger Generationenhaus und das in der Praxis von Margrit Weinmann-Mayer seien ein Paradies, sagt Dessup. „Es gibt quasi alles, was man sich vorstellen kann. Eine Rennbahn, einen Kaufladen, verschiedene Instrumente.“ Aber auch ein Turn- und ein Bastelzimmer. „In der Regel sucht sich das Kind zu Beginn der Stunde etwas aus, und dann spielen wir.“
„Wie geht es mir selbst nach der Stunde?“
Die pädagogischen Fachkräfte begleiten und betreuen die Kinderpaten eng. Nach jeder Spielstunde füllen diese einen Reflexionsbogen aus und erhalten Feedback. „Es geht unter anderem darum, wie das Kind an diesem Tag gespielt hat. Wie war die Stimmung? Hat es irgendetwas gemacht, was es bisher nicht gemacht hat? Aber auch: wie geht es mir selbst nach der Stunde?“, erzählt Dessup.
„Oft brainstormen wir gemeinsam“
Manchmal komme es auch zu herausfordernden Situationen. Etwa, wenn Kinder sich zurückziehen, oder plötzlich wütend werden. „Mir selbst ist das bisher mit meinen Patenkindern aber noch nicht passiert.“ Dennoch habe es schon Situationen gegeben, in denen sie an ihre Grenzen gekommen sei. „Aber wir haben jederzeit Ansprechpartnerinnen.“ Zudem gibt es einmal im Monat gemeinsame Treffen mit allen Kinderschutzpaten und den Fachkräften. Dabei geht es vor allem um den Austausch: „Das ist total interessant. Oft brainstormen wir gemeinsam.“
Nicht von heute auf morgen
Der Abschied von ihrem ersten Patenkind, nach zwei Jahren, sei ihr schwergefallen, gibt Dessup zu. „Es ist ein besonderes Ehrenamt. Man lernt unglaublich viel voneinander.“ Die Paten sowie die Fachkräfte und Eltern kommunizieren dem Kind rechtzeitig, wenn die Patenschaft sich dem Ende neigt. „Das geht nicht von heute auf morgen. Es ist eher ein langsames Ausschleichen. Die Treffen finden erst nicht mehr im wöchentlichen Rhythmus statt, sondern nur noch alle zwei Wochen. Dann nur noch einmal im Monat.“ Auch danach habe sie noch sporadischen Kontakt zu der Familie gehabt, ihrem ehemaligen Patenkind zum Geburtstag gratuliert.
Es erdet einen
Christine Dessup legte nach ihrer ersten Patenschaft eine sechsmonatige Pause ein. Das habe zum einen an ihrem Job gelegen, zum anderen aber auch daran, dass sie das Gelernte erst einmal verarbeiten wollte. Der Wunsch, erneut eine Patenschaft zu übernehmen, war groß – und sie ging ihm nach.
Warum? „Man lernt nicht nur viel durch das Ehrenamt, man erlebt auch so viele schöne Momente mit dem Kind. Es erdet und zeigt eine neue Perspektive auf.“ Zudem sieht auch Dessup den steigenden Bedarf. „Kinder müssen heutzutage viel schultern. Es macht etwas mit ihnen, wenn sie merken: Da nimmt sich jemand jede Woche Zeit, nur für mich.“
Seit dem Frühjahr dieses Jahres betreut die junge Frau wieder ein Kind. Diesmal einen Jungen im Grundschulalter. Jeden Montagnachmittag verbringt sie eine Stunde mit ihm. Für Christine Dessup sind die Patenschaften mehr als ein Ehrenamt – sie sind Begegnungen, aus denen beide Seiten etwas mitnehmen. Mit jeder Spielstunde schenkt sie einem Kind Zeit, Aufmerksamkeit und ein Stück Geborgenheit.