So wie es aussieht, wird der Ruf nach Kinderschutzambulanzen an den Kinderkliniken des Landes auch unter Sozialministerin Katrin Altpeter (SPD) verhallen. Foto: dapd

Landesärztekammer fordert spezielle Ambulanzen – Sozialministerin gegen zusätzliche Anlaufstellen.

Stuttgart - Fast 20 Jahre alt ist das Anliegen der Landesärztekammer. Bisher haben es alle Sozialminister, gleich welcher Couleur, abgewiesen, und so wie es aussieht, wird der Ruf nach Kinderschutzambulanzen an den Kinderkliniken des Landes auch unter Sozialministerin Katrin Altpeter (SPD) verhallen.

Die praktizierende Kinderärztin Anne Gräfin Vitzthum hat sich, wie man so sagt, die Finger wund geschrieben und den Mund fusselig geredet. Seit Anfang der 1990er Jahre, im letzten Jahrtausend also, trägt sie gebetsmühlenhaft ein Anliegen vor, von dem sie überzeugt ist, dass es zum Nutzen vieler Kinder wäre. Doch nicht nur sie. Auch die gesamte Landesärztekammer drängt, fordert auf, bittet seit jener Zeit diverse Landesregierungen, endlich aktiv zu werden. Konkret geht es um die Einrichtung sogenannter Kinderschutzambulanzen an den 14 Kinderkliniken des Landes.

„Kindesmisshandlungen, sexueller Missbrauch und Vernachlässigung sind hoch aktuell.“

1994 befasste sich eine Enquetekommission des Landtags mit dem Thema. Daran schloss sich eine Zusage der damaligen Großen Koalition an, entsprechende Kinderschutzambulanzen zu schaffen. Geschehen ist jedoch nichts. Zur Begründung hörte Gräfin Vitzthum ein ums andere Mal, die Versorgung misshandelter Kinder sei gewährleistet. „Wir sehen das anders“, sagt sie.

Viele Jahre leitete die Kinderärztin den Ausschuss „Gewalt gegen Kinder“ in der Landesärztekammer. Aus Erfahrung weiß sie: „Kindesmisshandlungen, sexueller Missbrauch und Vernachlässigung von Kindern sind hoch aktuell.“ Um dem besser begegnen zu können, seien Kinderschutzambulanzen wichtig, „die mit psychologischen, pädagogischen und sozialtherapeutischen Fachkräften ausgestattet sind und zugleich auf die Möglichkeiten einer Kinderklinik zurückgreifen können“.

Nach dem grün-roten Regierungswechsel im vergangenen Jahr wurden der Präsident der Landesärztekammer, Ulrich Clever, und der amtierende Vorsitzende des Ausschusses „Gewalt gegen Kinder“, Christian Benninger, bei Sozialministerin Karin Altpeter vorstellig. Dem Koalitionsvertrag hatten sie den Willen zu einer Verbesserung des Kinderschutzes entnommen.

Sozialministerium befürchtet Doppelstrukturen

Doch auch die neue Sozialministerin zeigte sich von der Idee der Kinderschutzambulanzen wenig begeistert. Den Ärztevertretern beschied sie im September, es habe sich gezeigt, dass die Vernetzung der bestehenden Hilfeangebote im Bereich der Gewaltprävention sinnvoller sei als die Schaffung zusätzlicher Anlaufstellen.

Bei dieser Haltung ist es bis heute geblieben. „Wir gehen diesen Weg aus Überzeugung nicht“, sagte ihr Sprecher auf Anfrage. Das Sozialministerium befürchtet Doppelstrukturen. Außerdem hat man Zweifel, ob Kinderschutzambulanzen tatsächlich ein niedrigschwelliges Angebot darstellten. Besser sei es, Ansprechpartner miteinander zu vernetzen, die näher an den Familien und Kindern dran seien. Das sieht Altpeter am ehesten im Netzwerk „Frühe Hilfen“ gewährleistet.

Regierung nimmt viel Geld in die Hand

Das vom Bundesfamilienministerium angestoßene und von der Kassenärztlichen Vereinigung unterstützte Projekt setzt auf ein enges Zusammenwirken von Hebammen und Kinderärzten mit sozialpädagogischen Fachkräften. In sogenannten Qualitätszirkeln beraten Ärzte und Mitarbeiter der Jugendhilfe gemeinsam über konkrete Hilfen für betroffene Familien.

Ziel der Regierung sei ein flächendeckender Ausbau solcher Kinderschutznetzwerke im Land, sagte Altpeter vor wenigen Wochen bei einer Veranstaltung in Böblingen, wo 18 Stadt- und Landkreise mit einem „Zertifikat für Qualitätsentwicklung im Netzwerk Frühe Hilfe“ ausgezeichnet wurden. 18 weitere sollen folgen, was Altpeter zu der Feststellung veranlasst: „Baden-Württemberg ist auf dem Weg zu einer berufsgruppenübergreifenden Zusammenarbeit beim Jugendschutz weit vorangekommen.“

Dafür nimmt die Regierung auch Geld in die Hand: Insgesamt knapp eine halbe Million Euro wurde bisher für den Auf- und Ausbau der regionalen Netzwerke bewilligt. Ergänzt werden sie durch eigene Angebote der Stadt- und Landkreise. Zugleich gibt die Sozialministerin ein flammendes Bekenntnis zum Kinderschutz ab: „Wir müssen alles dafür tun, Kindesmisshandlungen und Vernachlässigung von Kindern mitten unter uns zu verhindern.“

„Kinderschutzteam“ in Stuttgart

Exakt dies hat auch die Landesärztekammer als wichtiges Anliegen formuliert. Nach ihrer Auffassung bleiben die Bemühungen der Landesregierung allerdings unvollständig. Alles für den Kinderschutz zu tun heißt aus Sicht der Kammer, die „Frühen Hilfen“ um ein Netz von Kinderschutzambulanzen zu ergänzen.

„Es geht nicht um ein Entweder-oder“, sagt Andreas Oberle. Der Ärztliche Direktor des Sozialpädiatrischen Zentrums am Olgahospital in Stuttgart sieht Kinderschutzambulanzen als wichtige Ergänzung der „Frühen Hilfen“. Das zeige das Beispiel Stuttgart.

Vor eineinhalb Jahren wurde an der größten deutschen Kinderklinik ein vierköpfiges „Kinderschutzteam“ eingerichtet, das eng mit dem Jugendamt Stuttgart zusammenarbeitet und stark nachgefragt wird, wie eine steigende Zahl von Betreuungsfällen zeigt. Möglich wurde diese Einrichtung durch ein finanzielles Engagement der Stadt, das der Ärztliche Direktor in jeder Hinsicht vorbildlich findet. Eine ähnliche Einrichtung existiert inzwischen auch im Ortenau-Klinikum.

Als Vorteile sieht Oberle neben der Verzahnung mit dem Jugendamt eine Rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeit und die Infrastruktur der Klinik. Qualifizierte Teams könnten Fälle von Missbrauch oder Vernachlässigung besser erkennen. Kin­der­kliniken müssten daher zentraler Bestandteil eines Kinderschutz-Konzeptes sein. Wolle man sicherstellen, dass möglichst viele Kinder erreicht werden, dürfe man auf die Kliniken nicht verzichten, meint Oberle. Grundsätzlich hält es der Ärztliche Direktor für wichtig, Hemmschwellen abzubauen: „Es geht nicht darum, Eltern zu bestrafen, sondern ihnen Unterstützung anzubieten.“