Aufgewachsen auf der Alb, ist Nora Imlau eine der einflussreichsten Elternratgeberinnen für bedürfnisorientierte Erziehung in Deutschland. Was will diese Frau – und wie lebt sie selbst mit ihren vier Kindern heute bei Baden-Baden?
Kurz bevor sie explodierte, machte sich Nora Imlau eine Tasse Tee mit Milch. Das Getränk hilft ihr meist dabei durchzuatmen, anstatt durchzudrehen. Ihre elfjährige Tochter hatte sich gerade geweigert, den Essenstisch für die sechsköpfige Familie zu decken. „Nö, mach ich nicht!“, sagte die einfach.
Dass die Mutter zwischen Kistenauspacken und Möbelaufbauen gekocht hatte und um Hilfe bat: egal. Nach einem Schluck aus ihrer Tasse motzte Nora Imlau trotzdem nicht „Du machst das jetzt aber!!!“, sondern fragte ruhig: „Was ist denn los?“ Und die Tochter sagte: „Ihr habt einfach entschieden, hierher zu ziehen. Jetzt entscheide ich, den Tisch nicht zu decken.“ – „Was für ein krass kompetentes Kind“, sagt Nora Imlau im Rückblick und hat damit schon viel gesagt über ihr Verständnis von Kindern.
Ein Herbstmorgen in einer Kleinstadt bei Baden-Baden. Auf dem Nachbargrundstück träumen Pferde vor sich hin. Im Garten der Imlaus warten ein Kletterturm und zwei Schaukeln darauf, dass die Kinder von Schule und Kindergarten zurückkommen. Nora Imlau hat gerade die Wohnküche des großen Einfamilienhauses aufgeräumt, jetzt sitzt die 39-Jährige an diesem Tisch, an dem sich die Szene mit ihrer Tochter vor zwei Jahren abgespielt hatte.
Aufgewachsen in der Wohnschule Urspring
Damals war die Familie gerade aus der Leipziger Innenstadt aufs badische Land gezogen. Entschieden hatten das Nora Imlau und ihr Mann Malte. Allein – ohne die Kinder zu fragen, ohne deren Bedürfnisse einzubeziehen. Man muss das betonen, weil Nora Imlau wohl wie keine andere in Deutschland für das Konzept der bedürfnis- oder auch bindungsorientiert genannten Erziehung steht, in der es darum geht, die Grundbedürfnisse von Kindern, etwa nach Nähe oder Autarkie, zu erfüllen. Wobei das für Imlau eben nicht bedeutet, dass Eltern ihre eigenen Bedürfnisse hintanstellen. Aber dazu später mehr.
Wie wird man zu einer, die das Bild vom Kind und von Erziehung in einer Gesellschaft mitprägt? Und die in einem bis dahin vor allem von älteren Männern dominierten Feld ihren Platz besetzt hat? Bei Nora Imlau muss man zurückgehen in ihre Kindheit auf der Schwäbischen Alb. In den 80er und 90er Jahren war das.
Ihre Eltern, aus Freiburg und Backnang stammend, arbeiten als Hauslehrer im reformpädagogischen Internat Urspring bei Schelklingen. Urspring ist eine Wohnschule, in der Erwachsene und Kinder gemeinsam leben und lernen. Nora Imlaus Eltern frühstücken morgens mit den Schülern und bringen sie abends ins Bett. Die Türen der Familienwohnung stehen offen, nur die Kinderzimmer von Nora und ihrem Bruder sind für die Internatsschüler tabu.
Kinder werden nicht erst zu Menschen
Nora Imlau wächst in der ehemaligen Klosteranlage zwischen Wäldern und Wiesen, eingebettet in die Schulgemeinschaft auf. Bullerbühaft sei das gewesen, sagt sie. Die Eltern sind geprägt von der Pädagogik Janusz Korczaks und Johann Pestalozzis.
Die Überzeugung Korczaks, dass Kinder nicht erst zu Menschen werden, sondern schon welche sind mit eigener Würde und allen Rechten, ist im Nachkriegsdeutschland kein Allgemeingut. In vielen Familien gelten noch die Glaubenssätze des Nazi-Ratgebers „Die Mutter und ihr erstes Kind“: zu viel Nähe verzärtelt. Lass dein Baby schreien. Stille es nur alle vier Stunden. Kinder müssen folgen. Solche Dinge.
In der Schelklinger Grundschule wird Nora Imlau als Hippie-Kind gehänselt. Aber sie erkennt: Meine Eltern sind netter zu mir als die meiner Freunde zu ihren Kindern. „Bei uns gab es keinen Hausarrest, keinen Zwang aufzuräumen, keine strikten Verbote.“
Die Lehre William Sears’
Vielleicht liegt es an dieser frühen Diskrepanz, dass sie als junge Frau den alten Erziehungsidealen den Kampf ansagt. Und wie! 2007 wird sie – mittlerweile selbst Mutter einer Tochter – Praktikantin bei der Zeitschrift „Eltern“. Sie hat die Jahre zuvor in Marburg und Vancouver studiert, hat sich in Kanada tief eingegraben in das Konzept des Attachment Parenting, das der evangelikale Kinderarzt William Sears geprägt hat. Die Mutter, die auf die Signale des Kindes liebevoll reagiert, es eng an sich trägt, stillt, bei ihm schläft, das ist sein Ideal. Nur so entstünde eine verlässliche Bindung – die Grundlage dafür ist, dass Kinder selbstsicher und stark werden.
Als sie bei der Elternzeitschrift beginnt, raten einschlägige Artikel noch dazu, Kinder so lange allein schreien zu lassen, bis sie von selbst einschlafen. „Ich wollte das ändern“, sagt Imlau. Fortan habe sie geschrieben „wie besessen“, zur Not auch mit den eigenen Kindern auf dem Schoß. Es ist nicht so, dass sie keine Vorbilder hatte. Der Däne Jesper Juul pochte früh auf die Gleichwürdigkeit von Eltern und Kindern. Auch der aus Waiblingen stammende Kinderarzt Herbert Renz-Polster rät Eltern in seinen Büchern, kindliche Bedürfnisse anzunehmen und zu erfüllen.
Vorbilder wie Herbert Renz-Polster
Mit Nora Imlau, deren Markenzeichen Hornbrille, offenes rotblondes Haar und kleingemusterte Shirts sind, tritt eine junge weibliche Stimme dazu. Drei weitere Kinder hat sie in den vergangenen 15 Jahren geboren, achtzehn Bücher geschrieben, ihr letztes stieg direkt auf Platz zwei der Bestseller-Liste ein. Übers Schlafen natürlich. Über Schwangerschaft und die natürliche Geburt. Darüber, warum Babys nicht hilflos, sondern kompetent sind, und Kinder mit extremen Emotionen nicht schwierig, sondern gefühlsstark.
Nora Imlau hat die Lehre des Amerikaners Sears weiterentwickelt und für den Alltag berufstätiger Mütter und Väter angepasst. „Good-enough-Parenting“ heißt das bei ihr. Man muss nicht Übermutter oder -vater sein. „Wenn die Eltern 50 Prozent der Bindungssignale des Kindes beantworten, bekommen sie ein sicher gebundenes Kind“, sagt sie.
Überhaupt hat sich die Autorin Imlau von ihrem früheren Idol Sears abgegrenzt, weil dessen überhöhtes Mutterideal auch etwas zutiefst Antifeministisches hat und teils von rechten Kreisen genutzt wird. Frauen, die jahrelang tragen, stillen, Stoffwindeln waschen und Babybrei frisch kochen, haben keine Zeit zu arbeiten oder sich politisch zu engagieren.
Wenn Nora Imlau dann auf Facebook schreibt, dass es okay ist, Plastik- statt Stoffwindeln zu benutzen, dann riskiert sie einen Shitstorm sowohl der Nachhaltigkeits- wie der Bedürfnis-Fundamentalisten.
Wo die Kinder Zähne putzen, entscheiden sie
In ihrem Buch „Mein Familienkompass“ – das ihr Mann mal „die Bibel“ genannt hat – erklärt sie, wie sie kindliches Verhalten sieht. „Kinder wollen mit Eltern kooperieren. Wenn sie es nicht tun, steckt etwas anderes dahinter.“ Das gelte es herauszufinden. Familienleben bedeutet für sie, dass Eltern den großen Rahmen, auch die Grenzen setzen, in denen Kinder maximale Freiheiten haben.
Beispiel Zähneputzen: „Klar werden bei uns die Zähne geputzt. Aber wo die Kinder das machen, ob sie dabei Musik hören und Tablet gucken, das dürfen sie entscheiden“, sagt Nora Imlau. Beispiel Umzug nach Baden-Württemberg. „Klar sind wir umgezogen, aber wir haben dann auch akzeptiert, dass die Kinder es anfangs alle doof fanden und sich so auch verhalten haben.“
Das mit dem Konsequenzentragen ist ihr ohnehin ein wichtiger Punkt. Wer so erzieht wie sie, bekommt keine Kinder, die alles mitmachen, sondern autarke, selbstbestimmte Persönlichkeiten, ist Imlau überzeugt. „Eltern wollen heute oft zugewandt erziehen, aber erwarten dann, dass die Kinder genauso funktionieren wie bei einer autoritären Erziehung.“ Heißt: Wenn das Kind nicht den Tisch deckt, weil es gerade sehr sauer auf die Eltern ist, darf ich mich als Mutter nicht ärgern, dass ich es selbst machen muss.
Es braucht ein Bindungsnetz
In ihrem vorletzten Buch erklärt Nora Imlau, wie wichtig es ist, dass Eltern, um auch selbst gut durch das fordernde Leben zu kommen, ein ganzes Bindungsnetz für die Familie knüpfen. Mit Erzieherinnen, Lehrkräften, Babysittern, Großeltern, Onkeln, Freundinnen. Es brauche eine Gemeinschaft, um Kinder gut groß werden zu lassen. Auch damit wäre Nora Imlau wieder bei ihrer Kindheit auf der Alb angekommen.