Auch ein Vierteljahrhundert nach dem Erfolg von „Billy Elliot“ haben es ballettbegeisterte Jungs nicht leicht. Davon erzählt Anne Becker in ihrem Kinderbuch „Milo tanzt“.
Wie geht das? Ein Kinderbuch, das Eltern eigentlich nur mal zur Probe anlesen wollten und dann nicht mehr aus der Hand legen können? Anne Becker ist mit „Milo tanzt“ nicht nur eine besonders einfühlsame Geschichte über Freundschaft, Anderssein und die Mechanismen von Ausgrenzung geglückt. Für großen Lesespaß sorgt die Autorin mit lebensnahen Dialogen, die teenager-typische Wortkargheit und Humor punktgenau dosieren. Und dann gibt es da noch eine feine Familienkonstellation, die man jedem Kind wünscht – mit Eltern, die zuhören, nachhaken und jungen Menschen im richtigen Moment Mut machen.
Den braucht Milo unbedingt. Denn welcher Junge will sich schon vor den anderen in der Klasse als ballettbegeistert outen? Dort weiß von Milos Talent, das ihm im nächsten Schuljahr nach bestandener Aufnahmeprüfung eine professionelle Ausbildung an einer Akademie ermöglichen soll, nur sein bester Freund Maxim. Die Großmäuler Bo und Lenny dürfen auf keinen Fall etwas erfahren.
Milo will keine Angriffsfläche bieten
Denn was dann passiert, weiß Milo, weil Maxim bereits ihr Opfer wurde. Dass der eine kurze Zündschnur hat, nutzte das Duo so lange für Provokationen, bis Maxim ein Schulverweis drohte. Seither gehört der Weg zum Therapeuten für ein Coolness-Training und das Ertragen von Spitznamen wie „Psycho“ und „Freigänger“ zu seinen Routinen. Verständlich, dass Milo solche Sticheleien vermeiden will.
Und zum Glück für Milo konzentriert sich Bos und Lennys Boshaftigkeit auf den neuen Mitschüler Luca. „Babysitter“ rufen sie ihn, weil er seine kleine Schwester im Kindergarten abholt. Luca setzt alles daran, die Aufmerksamkeit der beiden abzulenken und spioniert Milo nach. Der wiederum riskiert für Ausweichmanöver alles, sogar die Vorbereitung für die Akademieprüfung. Als Luca auf seinem Tiktok-Kanal ein heimlich gedrehtes Tanzvideo hochlädt, liegen Milos Nerven blank. „Achtung, Leute, die Ballerina kommt. Husch, husch ans Stängchen“, begrüßen ihn Bo und Lenny nun in der Schule. Und plötzlich steht nicht nur die Leidenschaft für den Tanz, sondern auch die Freundschaft zu Maxim auf dem Spiel.
Spider-Man trifft Billy Elliot
Belastungsproben für Freundschaften hat Anne Becker bereits in ihren vorherigen Kinderbüchern „Die beste Bahn meines Lebens“ und „Luftmaschentage“ einfühlsam thematisiert. Auch in „Milo tanzt“ erzählt sie von zweien, die sich ohne viele Worte verstehen. Das Universum von Spider-Man ist oft die Base-Line, auf der Milo und Maxim kommunizieren; Zitate spielen sie mit der Lockerheit von Jongleuren hin- und her. Ebenso geschickt spiegelt Anne Becker Spider-Man-Themen in den Problemen, mit denen Milo und Maxim konfrontiert sind.
Superhelden-Worte sind es schließlich auch, die Milo den Glauben an seine Tanzkraft zurückgeben und für ein Happy End sorgen – Billy Elliot lässt grüßen. In rosiges Licht taucht Anne Becker die Ballettbegeisterung allerdings nicht ausschließlich. Der Vater stärkt dem talentierten Sohn zwar bedingungslos den Rücken, doch die Mutter spricht auch bittere Wahrheiten an, wenn sie fragt: „Um gut genug zu sein und gut genug zu bleiben, muss Milo das letzte bisschen aus seinem Körper rausquetschen, bis es nicht mehr geht. Bis er kaputt ist. Willst du das?“ Milo will. Aus großer Begabung, lernt er, folgt Verantwortung.
Info
Buch
Anne Becker (Illustrationen von Regina Kehn): „Milo tanzt“. Thienemann-Verlag. 208 Seiten. 14 Euro. Ab 12 Jahren.