Wenn Mächtigen einst ihre Kinder malen ließen, so, um ihre eigene Macht zu untermauern. Heute sieht Kindheit anders aus. Prestigeobjekte sind sie aber immer noch.
Vor dreißig, vierzig Jahren waren die Anlässe überschaubar. Kinder wurden nach der Geburt und an Weihnachten fotografiert, bei der Kommunion und vielleicht noch beim Abschlussball. Heute machen Eltern Umfragen zufolge allein im ersten Lebensjahr ihres Kindes an die 1000 Fotos. Von Fünfjährigen sollen im Durchschnitt schon 1500 Bilder im Netz stehen. Tendenz steigend.
Frühere Generationen hätten da nur gestaunt, denn über Jahrhunderte hinweg besaß man nicht mal ein einziges Bild vom Nachwuchs – und falls doch, dann nur aus traurigem Anlass. Wer es sich leisten konnte, ließ von seinem verstorbenen Kind ein Porträt anfertigen, das es als kleinen Engel zeigte oder in der Wiege liegend, wo es zu schlafen schien. Ein einziges Bild zur ewigen Erinnerung.
Kinderbildnisse sagen häufig mehr über die Eltern aus als über die Kinder. So wird zum Beispiel der elf Jahre alte Bursche, den Anthonis van Dyck vor fast 400 Jahren porträtierte, schwer geächzt und gelitten haben unter der schweren Ritterrüstung, die er zur Schau tragen musste. Die Eltern ließen den Kleinen als edlen Ritter malen, um zu demonstrieren, dass hier ein tüchtiger König von morgen heranwächst. Der kleine Charles war Prinz von Wales und Thronfolger.
Von „Sharenting“ spricht man heute, wenn Eltern ständig Fotos und Videos ihrer Kinder im Internet und in sozialen Medien veröffentlichen. So heikel diese Einblicke ins Privatleben sind und so uninteressant es für Außenstehende sein mag, fremden Kindern beim Zähneputzen oder Dreiradfahren zuzuschauen, so scheint diese Zurschaustellung ihres Nachwuchses für einige Eltern wichtig zu sein. Das Kind dient dabei eher der eigenen Selbstdarstellung.
Während es beim „Sharenting“, einer Mischung aus „share“ (teilen) und „parenting“ (Elternschaft), die Masse an Fotos macht, mussten die gemalten Kinderbildnissen sorgfältig inszeniert werden, wozu die Kinder meist prächtig ausstaffiert wurden, um zu zeigen, dass man sich solchen Luxus leisten kann.
Das Kunsthaus Hamburg widmet sich derzeit in der Ausstellung „Kinder, Kinder“ der Frage, wie der eigene Nachwuchs im Wandel der Zeiten dargestellt wurde. Das Kinderporträt entstand, weil Fürsten und Machthaber mit der Darstellung ihrer Stammhalter den eigenen Herrschaftsanspruch für die weiteren Generationen untermauern wollten. Auch Mädchen wurden schon als Kleinkinder porträtiert, um möglichst früh strategisch wichtige Hochzeiten einzufädeln.
Kindsein wurde in den verschiedenen Epochen höchst unterschiedlich ausgelegt. In der Antike gab es Spielzeug wie Kreisel, Murmeln und Brettspiele, mit denen Kinder aufs Erwachsenendasein vorbereitet werden sollten. Im Mittelalter konnten nur Kinder aus wohlhabenden Familien spielen. Wer arm war, musste dagegen früh anpacken musste und höchstens mit dem spielen konnte, was sich in der Natur finden ließ.
Einfach mal spielende Kinder zeigen
Erst die Reformpädagogik brachte die Idee des freien Spiels auf, was sich auch an den Kinderbildnissen ablesen lässt. So wurden 1790 die drei Kinder des Lord George Cavendish entspannt im Freien gemalt. Anstelle der steifen Erwachsenenkleidung, in die man die Kleinen bis dato gesteckt hatte, tragen sie nun locker sitzende Spielanzüge, damit sie sich besser bewegen können. Aber auch auf diesem hier wurden die Kinder letztlich instrumentalisiert und sollten den modernen Geist der Eltern zur Schau stellen.
Wie die zahllosen Kinderfotos der Gegenwart einzuordnen sind, das wird man erst im Rückblick richtig beurteilen können. Sicher ist aber schon jetzt, dass die meisten dieser Motive das perfekte Familienglück zur Schau stellen sollen, was übrigens auch keineswegs neu ist. Die Vorläufer von Kleinfamilie und inniger Mutterliebe finden sich bereits in der frühen christlichen Kunst – bei Maria mit ihrem Neugeborenen.
Ausstellung
Kinder, Kinder! Bucerius Kunst Forum Hamburg, bis 6. April 2026, täglich 11 – 19 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr