Nadine Lux (links) und Alexandra Paganini sind mit einem Träger für Kindertagesstätten aus Skandinavien in Kontakt getreten. Sie wollen solch ein Angebot auch in Donaueschingen etablieren. Foto: Guy Simon

Zwei Mütter sind Feuer und Flamme für eine Kita nach Skandinavien-Vorbild und schmieden bereits Pläne. Wie steht die Stadt zu Modellen in freier Trägerschaft?

Die Kinderbetreuung ist ein wichtiges Thema, mit dem sich jede Kommune regelmäßig auseinandersetzt. Gibt es genügend Plätze in den Kindertagesstätte? Wie viele Kinder sind unter drei Jahren alt und brauchen etwa ein Krippen-Angebot?

 

Alexandra Paganini und Nadine Lux haben beide Kinder im entsprechenden Alter. Das heißt, sie beschäftigen sich intensiv mit dem Thema und erleben es auch tagtäglich. Paganini ist zudem staatlich anerkannte Erzieherin und qualifizierte Fachkraft für Kinder unter drei Jahren.

Mit dem Status quo sind jedoch beide nicht zufrieden: „Wir haben uns die Betreuung anders vorgestellt“, erklärt Nadine Lux. Man habe vieles angesprochen, bewegt habe sich nichts. „Jammern bringt nichts, wir müssen eine Lösung finden“, erklärt Lux den Entschluss der beiden, in Donaueschingen eine weitere Kita zu etablieren – und zwar eine nach skandinavischem Konzept.

Sie stoßen auf Ulna und Atvexa

„Da ich keinen pädagogischen Hintergrund habe, habe ich mich an Alexandra Paganini gewandt“, erklärt Lux. Die befindet sich in Elternzeit und erfährt im Sommer von dem Vorhaben. Beide sind Feuer und Flamme für die Idee: „Wir haben uns mit den Einrichtungen in Skandinavien beschäftigt und geschaut, wie die arbeiten“, sagt Lux. Man sei begeistert gewesen und habe sich mit den entsprechenden Trägern auseinandergesetzt.

Dabei sei man dann auf Ulna und Atvexa gestoßen, beides Träger-Einrichtungen aus Skandinavien. „Der Träger hat die gleiche Vision wie wir. Es ist ein Träger mit klaren Werten und professionellen, modernen Strukturen. Er handelt nachhaltig, wirtschaftlich und vor allem im Einklang der Interessen von Eltern, Kindern und pädagogischen Fachkräften. Ein besonderes Augenmerk legen wir auch auf den Fachkräftemangel. Wir möchten die pädagogischen Fachkräfte wieder lächeln sehen“, beschreibt Lux.

Bei der Stadt vorstellig geworden

„Sie sagen: Was ihr vor Ort am Besten braucht, das wisst ihr selbst am Besten“, erklärt Paganini. „Den individuellen Ansatz fanden wir toll. Wir haben dann dem Regionalleiter von Atvexa geschrieben“, sagt Nadine Lux. Auch der sei von der Idee begeistert. Nach verschiedenen Video-Konferenzen sei man schließlich mit dem Konzept bei der Stadtverwaltung vorstellig geworden.

Auch bei politischen Parteien in der Stadt habe man das Konzept bereits vorgestellt: „Es gab rege Diskussionen und manche sehen das als Chance“, erklärt Paganini.

Sie und Nadine Lux wollen dabei nicht nur die Kinder und deren Eltern ansprechen, sondern auch das pädagogische Personal: „Zu einer passenden Qualität gehört alles dazu. Wir wollen alle ins Boot holen und dann auch wissen: Wie geht es euch?“, sagt Paganini. „Ich komme von der Bank. Bei uns sitzen viele Erzieherinnen – die sollten doch in den Einrichtungen arbeiten“, erklärt Lux.

Für die neue Kita stellen sich die beiden ehrenamtlich Arbeitenden noch wesentlich mehr vor: Generationen-übergreifende Projekte, einen zentralen Treffpunkt innerhalb der Kita, inklusive Arbeit, Umweltpädagogik: „Verschiedene Lebensmittel schon im Kindergarten-Alter kennen zu lernen, das soll auch ein Schwerpunkt sein“, so Paganini

Skandinavier gelten als glücklich

„Die skandinavischen Länder sind nicht umsonst auf den ersten Plätzen der glücklichsten Menschen der Welt. Sie sind es bekanntlich nicht wegen ihrer Dunkelheit und der höchsten Steuerbelastungen weltweit. Sie sind es, weil sie die gesamtgesellschaftliche Aufgabe der Erziehung erkannt und ein unglaublich gutes und faszinierendes Bildungssystem haben. Warum also nicht mal etwas von anderen Ländern lernen?“, sagt Lux.

Suche nach einem Gebäude läuft

Aktuell sei man auf der Suche nach einem passenden Gebäude. „Wir schauen uns alles an, was geht“, sagt Lux. Die Vision sei dabei eine Einrichtung mit 60 Kindern, zwei Krippen mit je zehn und drei Gruppen mit je 20 Kindern. Dafür sind entsprechende Flächen notwendig. „Wenn 20 Kindern damit geholfen ist, würden wir auch mit einer kleineren Gruppe starten“, sagt Lux. Der Träger finanziere mit, aber auch von der Stadt müsste etwas kommen.

Es wäre die erste Kita dieser Art im Land

Gemeinsam mit dem Träger möchte man sich an die gesamtgesellschaftliche Aufgabe der Erziehung machen: „Stellen Sie sich einmal vor: Jung und Alt, Groß und Klein, Menschen mit und ohne Handicap, egal welcher Nationen und religiösen Glaubensrichtungen, die gemeinsam spielen, lachen, musizieren und die Natur genießen. Die miteinander und voneinander lernen, mehr zusammenrücken und von der Wertschöpfung profitieren“, beschreibt Lux ihre Vorstellung. Würde das Vorhaben funktionieren, dann wäre Donaueschingen der erste Standort in Baden-Württemberg mit einer skandinavischen Kita.

„Weitere Gespräche sind geplant“

„Die Stadt begrüßt es außerordentlich, wenn freie Träger in Donaueschingen das Betreuungsangebot erweitern möchten – gerade mit Blick auf die Trägervielfalt innerhalb der Stadt. Mit dem skandinavischen Träger wurden hierzu auch schon erste Vorgespräche geführt. Weitere Gespräche sind geplant“, sagt Rathaussprecherin Beatrix Grüninger.

Die Stadt unterstütze diese Anfrage dahingehend, dass grundsätzlich Interesse gezeigt werde. Zudem sei die Stadt dem Träger auf der Suche nach geeigneten Immobilien behilflich.

Der Stadt liegen weitere Angebote vor

Neben dem skandinavischen Träger liegen der Stadt weitere Angebote zur Betreuungserweiterung vor. „Dabei sind finanzielle Fragen sowie weitere vertragliche Angelegenheiten und Regelungen ebenso zu prüfen wie die dafür zum Teil notwendige Aufnahme in die städtische Bedarfsplanung“, erklärt Grüninger.

Ziel sei es, den Gemeinderat über die Möglichkeiten der weiteren Ausrichtung und Erweiterung des Betreuungsangebotes im Rahmen der Bedarfsplanung in der dafür vorgesehenen Gemeinderatsitzung im Juni oder Juli 2023 zu informieren. „Der Gemeinderat wird dann beschließen, welches der Angebote weiter unterstützt werden soll. Bis dahin wird die Verwaltung die unterschiedlichen Angebote entsprechend prüfen und aufarbeiten“, sagt Grüninger weiter. guy

Atvexa

Das Atvexa-Modell
Atvexa wurde im Jahr 2009 im schwedischen Stockholm gegründet. Es handelt sich dabei um eine Gruppe eigenständiger Kindertagesstätten und Schulen. Die Einrichtungen verfolgen laut Atvexa unterschiedliche pädagogische Konzepte. So unterschiedlich sie seien – alle vereine die Vision, Kindern ein Umfeld zu bieten, in dem sie ihre Talente und Fähigkeiten frei entfalten können. Das Atvexa-Modell zeichnet sich durch eine große Vielfalt pädagogischer Ansätze aus. Seit 2019 ist Atvexa mit dem Beitritt der ursprünglich aus Norwegen stammenden Ulna-Kitas in Hamburg und in Schleswig-Holstein vertreten. 2023 wird die erste Atvexa-Kita in Bayern eröffnen.