Eltern reagieren bestürzt. Verwaltung nennt Personalmangel als Grund.
Die Kitas in Baden-Württemberg sollen am 1. Februar wieder öffnen. Doch selbst wenn, müssen manche Eltern in Calw auf den vollen Umfang verzichten: Die Verwaltung kündigte an, die Ganztagesbetreuung wegen Personalmangels reduzieren zu müssen – und zwar bis Juli. Was dahinter steckt und was die Eltern dazu sagen, lesen Sie in unserem (SB+)Artikel.
Calw - Die Betreuung von kleinen Kindern, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf: Nicht erst seit der Corona-Krise ein Thema, das Eltern und Kommunen umtreibt. Ein Thema, das in Zeiten der Pandemie nochmals an Brisanz zugelegt hat. Seit Monaten ringen Städte und Gemeinden einerseits, Mütter und Väter andererseits um die bestmögliche Versorgung des Nachwuchses; Begriffe wie "systemrelevant" sind mittlerweile den meisten Menschen bekannt. In dieser ohnehin schwierigen Lage sorgte nun in dieser Woche ein kaum eineinhalb Seiten langes Schriftstück für Aufregung bei vielen Eltern in Calw.
"Änderung der Öffnungszeiten im Ganztagsbetrieb", heißt es im Betreff der Nachricht, die am Donnerstag in etlichen Haushalten im Stadtgebiet landete. Der Inhalt: Die wöchentliche Betreuungszeit in den städtischen Ganztageseinrichtungen (Kinderhäuser Heumaden und Stammheim, Kita Kinderdorfstraße) wird ab dem 1. Februar von 50 auf 45 Stunden pro Woche zurückgefahren. Und zwar voraussichtlich bis Juli.
"Wir werden die Situation zu gegebener Zeit neu bewerten und, wenn möglich, zum Kindergartenjahr 2021/22 wieder erweitern", heißt es weiter in der Nachricht. Auch die Betreuungsgebühr werde entsprechend an das geringere Angebot angepasst und gesenkt.
Als Grund führt Isabel Götz, Leiterin des Fachbereichs Bildung, Kultur und Tourismus, Personalmangel an. Denn "genauso lange, wie der Ausbau des Ganztagesangebots bereits läuft, kämpfen wir mit der Deckung des Personalbedarfs, der dafür erforderlich ist", schreibt Götz. In der Vergangenheit sei es zwar bislang noch dank mehrerer Maßnahmen gelungen, den Bedarf zu decken; immer wieder habe es gerade im Ganztages-Bereich jedoch offene Stellen gegeben – ein überregionales, nicht "hausgemachtes" Problem, wie die Fachbereichsleiterin unterstreicht. Nun klafften Lücken in der Personaldecke, die nicht mehr komplett geschlossen werden können. Mit einer Stellenoffensive versuche die Verwaltung daher, vakante Stellen baldmöglichst zu besetzen.
Bei vielen Eltern, die Ganztagesbetreuung in Anspruch nehmen, sorgte das Schreiben von Götz "für Entsetzen, Fassungslosigkeit und Wut". So beschreibt es zumindest Nicole Fischer, Elternbeirätin im Kinderhaus Heumaden und Vorsitzende des Vereins Familienfreundliches Calw in einer offenen E-Mail an Calws Oberbürgermeister Florian Kling, der unserer Zeitung vorliegt.
Angst um Arbeitsplätze
Fischer kritisiert darin vor allem die extrem kurzfristige Ankündigung der Maßnahme, die noch dazu ohne Rücksprache mit den Eltern erfolgt sei. "Ihnen ist ja sicherlich bewusst, dass die Dienstpläne im Calwer Krankenhaus bis einschließlich März schon gemacht wurden und einige Eltern eben in diesem arbeiten", führt die Elternbeirätin aus. "Mal ganz davon abgesehen, dass die Schicht um 16 Uhr endet, genauso wie ab Februar die Kinderbetreuung in der Krippe und im Kindergarten."
Überhaupt müssten etliche Mütter und Väter früher Feierabend machen, wenn die neue Regelung in Kraft trete. Und auch, wenn Arbeitgeber bislang bei Lücken in der Kinderbetreuung während der Pandemie viel Verständnis gezeigt hätten, fürchtet Fischer, dass es auch hier Grenzen gibt. Und dass die "große Kampagne zur Personalgewinnung" im Betreuungsbereich zu spät kommen könnte, weil viele Jobs dann womöglich bereits verloren seien und die Betreuungsplätze gar nicht mehr gebraucht würden.
Zudem erschließe sich ihr nicht, inwiefern alle Einrichtungen und Gruppen wegen des Personalmangels Einbußen haben können – schließlich gebe es während der Pandemie feste Zuweisungen der Erzieherinnen.
Fischer fordert daher von der Stadtverwaltung, den 50-Stunden-Betrieb "unter Berücksichtigung der sozialen und beruflichen Aspekte der Eltern" aufrechtzuerhalten. Oder, sollte dies in manchen Fällen nicht möglich sein, wenigstens über die Elternbeiräte abzufragen, zu welchen Zeiten der Bedarf am größten sei und dann diesen abzudecken.
Oberbürgermeister Kling versichert auf Anfrage unserer Zeitung indes, dass die nun anstehenden Maßnahmen auch für die Stadt "sehr schwer und absolut nicht vergnügungssteuerpflichtig" seien. Generell habe die Verwaltung den Anspruch, Kinderbetreuung stabil und verlässlich anzubieten. Gerade im Ganztages-Bereich sei dieser Anspruch aber nicht einfach zu erfüllen – denn "auch Erzieherinnen haben Kinder und sind daher nicht ganztägig verfügbar", erklärt Kling. Vor allem nachmittags komme es dadurch zu Engpässen.
Zumal Erzieher zu einer gefragten Berufsgruppe zählten. Ähnlich wie Pflegekräfte würden diese darüber hinaus bislang nicht unbedingt großzügig bezahlt, wodurch es nicht einfacher werde, mehr Menschen in diese Berufe zu bringen. Bei einer Erhöhung der Gehälter dürften allerdings auch die zu bezahlenden Betreuungsgebühren steigen – was wiederum bei den Beitragszahlern nicht gerade Begeisterung auslöse.
Was die Situation derzeit aber insgesamt noch deutlich verschärfe, sei natürlich die Corona-Krise. "Die Kollegen im Bildungsbereich sind seit Monaten nur noch mit Corona, deren Auswirkungen und dem schnellen reaktiven Handeln nach Pressestatements von Landes- und Bundesregierungen beschäftigt", berichtet der Oberbürgermeister. Dass alles so kurzfristig geschehe, sei der Situation geschuldet.
"Desaströse" Situation
"Bis letzte Woche wusste auch die Stadtverwaltung nicht, wie weit noch die Notbetreuung läuft und wie lange wir diese aufrechterhalten müssen. Auch zum jetzigen Zeitpunkt ist noch nicht einmal klar, ob am 1. Februar überhaupt ein Kita-Angebot stattfinden kann, oder nicht erneut nur die Notbetreuung bis Mitte Februar angeboten werden muss", so Kling.
Nicht gerade förderlich sei in diesem Zusammenhang auch die Uneinigkeit zwischen Kultusministerin und Ministerpräsident. Dass es unter anderem dadurch keine verlässlichen Aussagen gebe, wie es wann weitergehen soll, hält Kling für "desaströs".
Was die Forderungen der Eltern betreffe, so werde geprüft, inwieweit diese umgesetzt werden können, sofern dies nicht bereits geschehen sei – beispielsweise, ob die Kürzung der Betreuung in einzelnen Einrichtungen durch eine Verschiebung der Zeiten möglich ist. "Wir werden selbstverständlich im Dialog mit den Eltern bleiben und das Thema aber auch in der Gemeinderatssitzung beraten. Die Bekanntmachung dazu ist bereits auf der Tagesordnung", verspricht Kling.
Der Personalmangel bleibe aber eine Tatsache, die zwar bereits kommuniziert und durch neue Stellen abgemildert worden sei, die nun aber Konsequenzen habe, "da auch wir eine Verpflichtung haben, Qualität in der Versorgung anzubieten".