Der Pavillon wird von der Grundschule als Mehrzweckraum genutzt. Foto: Fritsch

Der Bedarf an Kinderbetreuung steigt. Und zwar so stark, dass die Stadt Calw befürchtet, beim Angebot nicht mehr hinterherzukommen. In Hirsau steht deshalb zur Debatte, den Mehrzweckraum der Grundschule in einen Kindergarten umzufunktionieren.

Calw - Normalerweise wird die Kindergartenbedarfsplanung dem Kultur- und Bildungsausschuss (KBA) der Stadt Calw erst im November jeden Jahres vorgestellt. Doch die aktuelle Lage macht ein sofortiges Handeln notwendig. In Hirsau und auf dem Wimberg fehlen nämlich Betreuungsplätze für (Klein-)Kinder.

 

Während die auf dem Wimberg in dem Räumen des ehemaligen Verwaltungsgebäudes der Werkrealschule realisiert werden können – wenn auch möglicherweise später als nötig –, sieht es in Hirsau düster aus. Eine zusätzliche altersgemischte VÖ-Gruppe mit 22 Plätzen wäre dort vonnöten, spätestens ab März 2023. Das liegt laut der Vorlage an dem starken Jahrgang der derzeit Zweijährigen.

Keine Erweiterung möglich

Die Verwaltung hatte laut Sitzungsvorlage eingehend geprüft, ob in den beiden Kindergärten in der Uhlandstraße oder im Klosterhof noch Raum für eine Erweiterung wäre. Doch das ist nicht der Fall.

Da kam den Verantwortlichen das "Regenbogenhaus", ein Pavillon bei der Grundschule in Hirsau, in den Sinn. Das wurde "geprüft und – verbunden mit baulichen Eingriffen – für machbar befunden", heißt es dazu in der Vorlage. Heißt: Dort könnte eine zusätzliche Kindergartengruppe einziehen.

Der Pavillon wird derzeit von der Grundschule als Mehrzweckraum für Musikunterricht, Tanzen oder Sport genutzt, erläuterte Oberbürgermeister Florian Kling in der Sitzung des KBA. Laut des Raumkonzepts für Grundschulen würde der Pavillon also nicht unbedingt gebraucht, zumal demzufolge ein Klassenzimmer übrig sei. Für außerschulische Aktivitäten stünden laut Kling außerdem der Kursaal oder der Klosterkeller zur Verfügung.

Stellungnahme der Schulleiterin

Freilich sieht das die Leiterin der Grundschule, Martina Fischer, anders. Sie hatte sich bereits im Vorfeld der Sitzung mit einem Schreiben an die Verwaltung gewandt und eine Stellungnahme zu dem Vorhaben abgegeben, die unserer Redaktion vorliegt. Darin heißt es: "Es (das ›Regenbogenhaus‹, Anm. d. Red.) ist für unser pädagogisches Konzept von weitreichender Bedeutung [...]. Für die tägliche Bewegungszeit mit Tanz, Sport und Spiel, die wir wegen der Entfernung zur Turnhalle (700 Meter, Anm. d. Red.) nicht in selbiger durchführen können, ist der Raum auch mit über 20 Kindern nutzbar, was in den anderen Zimmern undenkbar ist." Und weiter: "Wie im Kindergarten wachsen auch bei uns die Schülerzahlen an, sodass sich mit der Einrichtung des Kindergartens im Regenbogenhaus zwar ein Problem löst, ein neues aber entsteht."

In der Sitzung betonte Fischer, dass sie durchaus bereit sei, das "Regenbogenhaus" interimsweise gemeinsam mit einem Kindergarten zu nutzen, anstatt ihn durch bauliche Maßnahmen für eine weitere Nutzung durch die Schule zu "zerstören". Man müsse lediglich miteinander reden. Und das, so ihr Kritikpunkt, sei bisher nicht geschehen.

Runder Tisch am Folgetag

Die Schulleiterin sprach sich – wie etliche Räte vor ihr – für einen Runden Tisch aus, in dem alle Beteiligten gemeinsam über die Lösungsansätze und mögliche Alternativen beraten. Und um das an dieser Stelle vorwegzunehmen: Kurzerhand wurde dieser Runde Tisch, besetzt mit Vertretern der Verwaltung, der Schule, der Kindergärten und des Ausschusses, schon für den Folgetag einberaumt. Das Ergebnis stand bis Redaktionsschluss noch nicht fest.

Udo Raisch (CDU) brachte im KBA den Vorschlag ein, übergangsweise Container für die Kinderbetreuung zu mieten, so wie man es während der Sanierung des Maria-von-Linden-Gymnasiums (MvLG) für Schulklassen getan hat. Doch die seien schwer zu bekommen, entgegnete Kling. Sabine Ekenja (Freie Wähler) plädierte für den Bau eines Waldkindergartens in Hirsau als Entlastung. Der sei zwar ohnehin geplant, so Kling, doch würde nur marginal Abhilfe schaffen. Denn erstens sei ein Waldkindergarten zumeist keine städtische Einrichtung und zweitens spreche dieser nicht dieselbe Zielgruppe an wie ein "normaler" Kindergarten.

An dem Thema der Hirsauer Kindergartenplätze entzündete sich jedenfalls in der KBA-Sitzung eine Grundsatzdiskussion über den langfristigen Umgang mit dem steigenden Bedarf an Betreuung. Denn die Stadt Calw habe auf lange Sicht weder die Infrastruktur, noch das Personal, um ständig weitere Betreuungsplätze zu schaffen, machte Kling klar. Zumal im Falle von Hirsau noch nicht einmal die Kinder in der Berechnung dabei sind, die durch die Nachverdichtungsprojekte wie dem Gärtnerei-Areal hinzukommen werden. "Wir werden nie wieder hinterherkommen", sprach Kling die – Zitat – "ungeschminkte Wahrheit" aus. Die Bau-, Personal- und Finanzmittel würden immer knapper.

Schnell gehandelt

Thomas Seifert, Leiter der Abteilung Bildung bei der Stadt Calw, ergänzte, dass er und seine Mitarbeiter permanent alles durchzählen, hin- und herschieben. "Irgendwann geht nichts mehr", zog er ein bitteres Fazit. Vor lauter Zahlen komme die Pädagogik permanent zu kurz. Und doch: "Wir haben jedes Jahr schnell gehandelt."

Damit ging er auf den impliziten Vorwurf einiger Vertreter am Ratstisch ein, dass die Stadt oftmals zu spät reagiere und nicht vorausschauend genug plane. So äußerte Raisch: "Das Problem überrollt uns dreimal, bis wir reagiert haben."

Schließlich entschied sich das Gremium dazu, den ersten Teil des Beschlussvorschlags, also die Einrichtung einer dritten Kindergartengruppe in der Pestalozzistraße auf dem Wimberg mit entsprechenden Baumaßnahmen, anzunehmen. Den zweiten Teil, die "Beantragung einer Betriebserlaubnis für die Inbetriebnahme einer altersgemischten Kindergartengruppe im Pavillon Klosterhof 27/1" schob der KBA auf den Antrag von Evelin Menges (SPD) hin einstimmig auf die Gemeinderatssitzung am Dienstag, 26. Juli.