Der Rechtsanspruch auf Betreuung wird im Zollernalbkreis formal zwar erfüllt, praktisch aber teilweise nur durch Überbelegung und Verkürzung der Öffnungszeiten. Foto: imago/JOKER

Im Bericht zur Situation in der Kindertagesbetreuung wird die aktuelle Lage in den Kitas im Zollernalbkreis dargestellt: Das System steht unter erheblichem Druck.

Im Zollernalbkreis gibt es 162 Kitas mit 465 Gruppen. Dennoch gibt es an manchen Stellen Engpässe, Eltern finden nicht überall wohnortnahe Plätze. Der Rechtsanspruch auf Betreuung wird formal erfüllt, praktisch aber teilweise nur durch Überbelegung und Verkürzung der Öffnungszeiten.

 

Die Betreuungsquote der unter Dreijährigen liegt bei etwa 30 Prozent und damit leicht unter dem Landesdurchschnitt, während die Betreuungsquote bei Drei- bis Sechsjährigen mit etwa 93 Prozent die meisten Gebiete gut abdeckt.

Auch zeigt sich ein Trend zu längeren, durchgehenden Betreuungszeiten, während die Nachfrage nach Halbtagsbetreuung abnimmt.

Personallage

Die Zahl der pädagogischen Fachkräfte hat sich seit 2010 verdoppelt, aber der Bedarf ist stärker gestiegen. 59 Prozent der Angestellten arbeiten in Teilzeit, 41 Prozent in Vollzeit. Die Fachkraftquote sinkt – nur 26 Prozent der Kitas erreichen die empfohlene Quote von mehr als 82,5 Prozent.

Große Unterschiede innerhalb des Zollernalbkreises

Dabei gibt es im Zollernalbkreis teilweise massive Unterschiede: Manche Kommunen haben kaum Personalprobleme, andere massive Engpässe. Die Gründe würden dabei von der Lage des Orts, dem Ruf des Arbeitgebers bis hin zur gewährten Arbeitsausstattung wie Fortbildungen, Vertretungsregelungen oder Vorbereitungszeit reichen. Hinzu kommt die Belastungen durch hohe Krankenstände, Teilzeitstrukturen und Führungsaufgaben ohne ausreichende Leitungszeit.

Zwar sei eine steigende Zahl an Quereinsteigern zu verzeichnen, jedoch blieben viele Ausbildungsplätze unbesetzt und die Abbruchquote sei hoch.

Neue Herausforderungen

Der neue Orientierungsplan für Kindertageseinrichtungen des Kultusministeriums mit neuen Schwerpunkten wie Medienpädagogik und ästhetischer Bildung erfordert Umstellung. Er wurde entwickelt, um sicherzustellen, dass alle Kinder im Land unabhängig von Träger oder Konzept gleiche Bildungschancen bekommen und soll den Fachkräften Orientierung geben.

Der Orientierungsplan schreibt die alltagsintegrierte Sprachbildung als zentrales Bildungsfeld vor. Im Zollernalbkreis ist der Sprachförderbedarf besonders hoch. 33 Prozent der Vier- bis Sechsjährigen Kinder im Zollernalbkreis hatten laut Gesundheitsatlas BW (2023) einen festgestellten Sprachförderbedarf. Hier sei die Kooperation mit Sprachheilschule Balingen ein wichtiger Aspekt.

Einrichtungen haben eigene Konzepte

Einige Einrichtungen im Zollernalbkreis setzen zudem eigene Sprachförderkonzepte um, zum Beispiel durch gezielte Wortschatzarbeit im Alltag, dialogisches Vorlesen, sprachfördernde Raumgestaltung und Kooperationen mit Eltern durch beispielsweise mehrsprachige Bücher, Elterncafés, oder Elternberatung.

Inklusion

Die größte Herausforderung im Zollernalbkreis sei weiterhin das Thema Inklusion. Zu wenige Fachkräfte, hohe Anforderungen an die Kitas, fehlende Diagnostik-Kapazitäten, und mangelnde Unterstützungssysteme verschärfen. Die Wartezeiten zur Diagnostik seien inzwischen problematisch lang, in der Interdisziplinären Frühförderstelle warte man etwa vier Monate, in sozialpädiatrischen Zentren teilweise bis zu einem Jahr. Manche Kinder dürfen ohne Diagnose gar nicht aufgenommen werden, weil die Kita sich ohne zusätzliche Hilfe überfordert sieht.

Kinder werden seltener eingebunden

Zudem gebe es es besonders viele Schulkindergärten, also spezielle Einrichtungen für Kinder mit Behinderung. Diese starke Sondersystem-Orientierung führt dazu, dass Kinder mit Förderbedarf seltener inklusiv in Regeleinrichtungen betreut werden. Die Fachkräfte dort haben deshalb weniger Erfahrung mit Inklusion, und Eltern werden oft auf Sonderwege verwiesen.

Erziehung spielt eine wichtige Rolle

Bei herausforderndem Verhalten wird im Bericht vor vorschnellen Erklärungen gewarnt. Manchem herausfordernden Verhalten lägen eher erzieherische Bedarfe zugrunde. Es gebe im Zollernalbkreis keinen Schulkindergarten für Kinder mit sozial-emotionalem Förderbedarf. Das ist im Bericht ausdrücklich als Versorgungslücke markiert. Fachkräfte fühlen sich ohne Unterstützung „im Stich gelassen“.

Keine langfristige Lösung

Um dem Problem entgegenzuwirken, hat der Landkreis einen Heilpädagogischen Fachdienst auf Honorarbasis eingerichtet. Bereits ein Drittel der Kitas hat das Angebot genutzt. Es wird von der Praxis sehr positiv bewertet – allerdings nur als „Notlösung“, nicht als dauerhafter Ersatz. Um diese komplexe, sich wechselseitig problemverstärkende Situation auflösen zu können, bedarf es Ansätzen an mehreren Stellen, mahnt der Bericht.