Im Gemeinderat Horb wird deutlich, warum die plötzliche Unterversorgung bei Kinderärzten so ein Riesen-Problem ist. Werden jetzt die Hausärzte überrannt?
Die Schock-Zahl der kassenärztlichen Vereinigung (KV) zeigt Wirkung: Nach der Rückgabe des Kassensitzes von Michael Nagel und seinen Kollegen ist der Landkreis mit Kinderärzten unterversorgt. Und Horb sind die Hände gebunden.
OB Peter Rosenberger (CDU): „Nicht nur die Eltern sind überfordert, sondern die ganze Raumschaft. Bisher waren wir rein rechnerisch überversorgt. Das schlägt auf ein Mal um.“
Und der Kommune sind die Hände gebunden, so Rosenberger: Laut den Regularien gäbe es ab dem 1. Januar 2025 (ab da praktiziert Michael Nagel nur noch privat, d. Red.) eine halbjährige Bewerbungsfrist. Die muss abgewartet werden, ehe der neue Kinderarzt-Sitz überhaupt vergeben werden kann.
Rosenberger: „Wir müssen jetzt Zusagen haben und können keine imaginären Wartefristen abwarten.“
Rominger-Seyrich (SPD): „Unhaltbarer Zustand“
Dieter Rominger-Seyrich (SPD): „Das ist ein Zustand, der so nicht zu halten ist. Es ist absehbar, dass wir in eine Unterversorgung laufen. Aus den Worten des OB lässt sich heraushören, dass die bisherigen Worte der KV nur heiße Luft waren.“
OB Rosenberger: „Fördermöglichkeiten gibt es erst seitens der KV, wenn es um Existenzgründungen geht. Und wenn Unterversorgung da sind. Wir können jetzt nicht einen Kinderarzt locken mit Förderung oder Unterstützung, weil die KV nicht zusagen kann. Deswegen müssen wir politischen Druck machen.“
Wird Verantwortung nur hin und her geschoben?
Uwe Hellstern, AfD-Stadtrat und Landtagsabgeordneter: „Als Landtagsabgeordneter habe ich bei der KV angefragt. Sie beschließt gar nicht allein den Bedarfsplan. Da sitzen Ärzte und Krankenkassen mit am Tisch. Die KV weist den Vorwurf von sich, dass sie verantwortlich sind für die Versorgung mit Kinderärzten.“
Deshalb fordern Rathaus und Gemeinderat auch einstimmig in der Resolution unter anderem Folgendes: „Die medizinische Betreuung von Kindern ist eine zentrale Aufgabe der Gesundheitsversorgung und darf nicht an bürokratischen Hürden scheitern. Die Stadt Horb am Neckar sieht es als zwingend notwendig an, dass alle zuständigen Institutionen – die KV sowie das Sozialministerium – aktiv und konstruktiv an einer Lösung mitarbeiten, um die kinderärztliche Versorgung für Horb am Neckar sowie unsere Region sicherzustellen.“
Werden jetzt die Hausärzte überlastet?
Stuttgart lockt ansiedlungswillige Kinderärzte mit einem Zuschuss von bis zu 120.000 Euro. Ist das auch eine Option für Horb? Anton Ade, Fraktionschef der FD/FW: „Die KV kann die Kinderärzte noch so locken. Selbst wenn wir wollten und könnten, wir haben nicht die Möglichkeiten. Angesichts der Haushaltssperre fehlt uns auch das Geld.“
Julia Fischer, CDU-Gemeinderätin: „Als betroffenen Mama nehme ich wahr, dass die Statistik der kassenärztlichen Vereinigung (KV) überhaupt nicht mit der Realität übereinstimmt. Es gibt sechs Landkreise, in denen es nicht möglich ist, einen Kinderarzt Kinderarzt zu bekommen. Die einzige Alternative derzeit ist es, in Hausarztpraxen zu wandern. Das habe ich mit meinem Sohn gemacht. Aber das erhöht den Druck auf die Hausärzte.“
Sie fordert alle auf, das Thema fraktionsübergreifend in den Wahlkampf mitzunehmen. OB Rosenberger: „Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Wir stellen keine Ärzte an. Wir als Kommune dürften ein MVZ betreiben, doch wir haben keine Expertise. Im Gegensatz zum Landkreis. Der kann sich aber keine Ärzte backen. Das Land muss schauen, wie die Ansiedlung von Ärzten auf dem Land attraktiv ist.“ Der Gemeinderat stimmte einstimmig der Resolution zu.
Die wichtigsten Forderungen aus der Resolution für Kinderärzte
Freigabe des Planungsbereichs Freudenstadt für weitere Kinderärzte
Der Gemeinderat fordert die Kassenärztliche Vereinigung auf, den Versorgungsbereich Freudenstadt unverzüglich für die Ansiedlung zusätzlicher Kinder- und Jugendärzte zu öffnen, um der drohenden tatsächlichen Unterversorgung durch den angekündigten Weggang der drei Ärzte umgehend entgegenzuwirken und Planungssicherheit bei ansiedlungswilligen Ärztinnen und Ärzten zu schaffen.
Anpassung der Förderkriterien der KV
Die bestehenden Kriterien zur Förderung kinderärztlicher Versorgung sollen überprüft und an die realen Bedarfe angepasst werden. Es darf nicht sein, dass die medizinische Versorgung von Kindern in unserer Region durch starre Quoten gefährdet wird.
Förderung verbleibender Kinderärzte
Der Gemeinderat fordert, dass auch Unterstützungsmöglichkeiten für die noch verbliebenen Ärzte geschaffen werden, so dass sie in die Lage versetzt werden, zusätzliche Ärzte in ihren Praxen einzustellen. Diese Förderungen sollen zur Schaffung attraktiver Arbeitsbedingungen und zur Sicherstellung einer nachhaltigen Versorgung beitragen.
Schaffung realistischer Anlaufstellen für Eltern und Kinder
Der Gemeinderat fordert die KV auf, Eltern und Kindern unserer Region realistische Anlaufstellen bei anderen Kinderarztpraxen oder Krankenhäusern anzubieten, so dass eine kontinuierliche medizinische Betreuung sichergestellt ist. Den Familien in der Region müssen klare und erreichbare Optionen für medizinische Versorgung aufgezeigt werden.