Jakob Maske ist Sprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte. Der Berliner Arzt sieht die Kindermedizin besonders stark von Sparzwängen betroffen. Er kritisiert aber auch übervorsichtige Eltern, die ihre Kinder wegen jeder Kleinigkeit in die Praxis bringen.
Herr Maske, Eltern warten oft lange auf Arzttermine für ihre Kinder oder finden keinen neuen Kinderarzt, wenn ihr alter aufhört. Was läuft schief in der Kindermedizin?
Wir Kinder- und Jugendärzte liegen beim Einkommen hinter vielen anderen ärztlichen Fachrichtungen. Trotzdem machen wir den Beruf gerne. Aber die Vergütungen, die wir von den Kassen bekommen, steigen schon seit Jahren langsamer als die Kosten. Kein Wunder, dass viele keine Nachfolger finden. Dabei hört in den nächsten fünf Jahren altersbedingt jeder vierte auf.
Auch niedergelassene Ärzte anderer Fachrichtungen haben Nachwuchsprobleme.
Das stimmt. Bei den Hausärzten sieht es ähnlich aus. Aber das ist eine deutlich größere Gruppe. Da fällt es nicht ganz so schnell auf, wenn eine Praxis schließt.
Die Inhaber radiologischer Praxen verdienen mit Abstand am meisten. Ist das gerecht?
Ich neide den Kolleginnen und Kollegen ihr Einkommen nicht. Sie müssen in teure Apparate investieren und dafür finanziell ins Risiko gehen.
Kann es sein, dass die Kinderärzte zu wenig Gehör bei den Kassenärztlichen Vereinigungen finden, die das Geld der Krankenkassen unter den Ärzten verteilen?
Da könnte was dran sein. Wir Kinderärzte sind innerhalb der Ärzteschaft eine relativ kleine Gruppe und können deshalb nicht so laut schreien wie andere. Und seit Jahren etablierte Vergütungsstrukturen lassen sich nun mal nicht so leicht ändern.
Ist unserem Gesundheitssystem die Gesundheit von Kindern also weniger wert als die von Erwachsenen?
Den Eindruck kann man gewinnen. Nehmen Sie etwa die Arzneimittelversorgung. Unter den rund 500 Medikamenten, bei denen es aktuell Lieferengpässe gibt, sind überdurchschnittlich viele Präparate für Kinder. Noch schlimmer ist es bei den Krankenhausbetten. Bei uns in Berlin können jetzt schon mehr als 50 Prozent der Kliniken keine Kinder mehr aufnehmen. Dabei hat die Erkältungssaison noch gar nicht richtig begonnen.
Hängen manche Probleme nicht auch damit zusammen, dass Eltern zu schnell zum Arzt laufen?
Teilweise ist das schon der Fall. Einer wachsenden Zahl von Menschen fehlt das Verständnis für Krankheiten. Deshalb gehen sie im Zweifel lieber zum Arzt – auch wenn ihr Kind nur eine ganz normale Erkältung hat. Und Eltern, die keinen festen Kinderarzt haben, kommen gleich in die Notfallpraxen, die dadurch immer voller werden. Das größte Problem sind aber nicht übervorsichtige Eltern, sondern eine Gesundheitspolitik, die Kinder vernachlässigt.