Gleich drei Kinderärzte auf einmal sind zum Jahresende in Horb nicht mehr für Kassenpatienten da. Horbs OB Rosenberger erläutert, warum er das „frustrierend“ findet.
Der Schock wabert durch Horb. Jetzt ist klar: Gleich drei Kinderärzte für Kassenpatienten verschwinden auf einen Schlag. Nach der Ankündigung von Michael Nagel, seine Kassenzulassung zum Jahresende zurück zu geben, haben die bei ihm angestellten Kinderärzte Philipp Schwarze und Nicole Anders entschieden: Auch wir verlassen Horb. Ein Schock – nicht nur für Eltern, sondern auch für das Rathaus.
Rathaussprecherin Inge Weber: „Dass Dr. Schwarze und Dr. Andres unsere Stadt und den Landkreis verlassen wollen, ist ein herber Schlag für die Eltern und Kinder in Horb. Es ist eine Situation, die tiefe Besorgnis auslöst und viele Fragen aufwirft.“
Die Rathaussprecherin weiter: „Noch am vergangenen Dienstag hat OB Rosenberger im Gemeinderat sehr deutlich gemacht, dass ohne die Bereitschaft und das Engagement der Ärzteschaft, hier tätig zu sein, eine kinderärztliche Versorgung schlichtweg unmöglich ist. Nächste Woche steht ein Gespräch mit der Kassenärztlichen Vereinigung an. Leider bestätigen sich unsere anfänglichen Befürchtungen, dass der Vorlauf für eine gute Nachfolgeregelung zu kurz war.“
Rosenberger hatte im Gemeinderat gesagt, dass er versuchen wolle, mit dem Ärztehaus in Dettingen nach einer Möglichkeit zu suchen, einen oder beide Kinderärzte anzustellen.
Sechs Tage nach dem OB-Angebot
Fünf Tage später meldet das MVZ in Bisingen: Kinderarzt Schwarze wechselt aus Horb zu uns. Einen Tag später verkündete Michael Nagel auf seiner Homepage, dass auch Nicole Anders die Horber Praxis verlassen werde – in einen anderen Landkreis. Auch sie werde Kinder dann nur noch privat behandeln.
Das sagt OB Rosenberger zur „Horb-Flucht“ von gleich drei Kinderärzten auf einmal
Das Stadtoberhaupt findet zwischen den Zeilen deutliche Worte für die Entscheidung von drei Kinderärzten, nicht mehr in Horb für die Kinder von gesetzlich versicherten Eltern da zu sein: „„Es ist enttäuschend, fast schon frustrierend, zu erkennen, dass die Entscheidung offensichtlich schon vor längerer Zeit gefallen ist. Ich glaube inzwischen, dass wir von Anfang an im Wettbewerb um Fachärzte kaum eine realistische Chance hatten.“
Natürlich respektiere OB Rosenberger die Berufs- und Niederlassungsfreiheit von Ärzten. Das Stadtoberhaupt: „ Ich nehme das den Ärzten nicht übel, bin dennoch der Meinung, dass auch selbstständig unternehmerisch tätige Ärzte ihren Patienten gegenüber eine besondere Verantwortung haben. Ob im Horber Fall dem letztlich entsprochen wurde, kann jeder für sich selbst beurteilen.“
Welche Schuld hat das Rathaus?
Der OB stellt klar, dass das Rathaus in diese Situation seiner Meinung nach unverschuldet hineingekommen ist. Schon ULH-Gemeinderat Hermann Walz hatte auf Facebook eine klare Antwort für alle, die der Stadt die Schuld zuschieben will: „Wie kommen Sie darauf, dass jetzt die Stadt Zauberer spielen soll? Wenn ein Arzt kommen möchte, wird die Stadt als auch der Gemeinderat alles daran setzen, dies möglich zu machen.“
Rosenberger sieht noch einen größeren Zusammenhang. Horbs OB: „Wir möchten die Bevölkerung noch einmal informieren: Eine Stadt hat Pflichtaufgaben und freiwillige Aufgaben, für die begrenzte Mittel zur Verfügung stehen. Es ist in den letzten Jahren zur Unsitte geworden, dass von der Landes- und Bundespolitik immer neue Aufgaben geschaffen werden, die letztendlich in der Umsetzung und Finanzierung auf die Kommunen abgedrückt werden.“
Peter Rosenberger, OB von Horb weiter: „Das Modell ,Wer bestellt, der bezahlt’ scheint nicht mehr zu gelten. Dies ist einer der Gründe, warum alle Kommunen, auch Horb, auf ein wirtschaftliches Desaster zusteuern. Die Unterfinanzierung der Krankenhäuser ist eines der besten Beispiele. Für die Investitionen beim Bau ist das Land zuständig, für den auskömmlichen Betrieb der Bund. In beiden Fällen kommen weder Land noch Bund ihren Verpflichtungen nach und die Bürgerinnen und Bürger vor Ort zahlen die Zeche.“
OB: Müssen wir so laut wie unsere Bauern auf die Straße gehen?
Und diese Verantwortung von Land und Bund sieht er auch in der Gesundheitsversorgung. Rosenberger: „Gleiches gilt für die ärztliche Versorgung, für deren gerechte Verteilung im Land die Kassenärztliche Vereinigung zuständig ist. Offensichtlich müssen wir uns auch in diesen Bereichen noch wortstärker bemerkbar machen. Trotz regelmäßiger Sonntagsreden verschlechtert sich die Situation im ländlichen Raum von Jahr zu Jahr. Müssen erst Eltern und Kinder, Gemeinderäte und Bürgermeister auf die Straße gehen und genauso laut wie unsere Landwirte auf ihre berechtigten Interessen aufmerksam machen?“
Katrin Schindele (CDU): Es gibt schon intensive Gespräche
Katrin Schindele, „unsere“ CDU-Landtagsabgeordnete (Wahlkreis Freudenstadt): „Nach meinen Informationen werden bereits heute (gemeint: Mittwoch, 30. Oktober, d. Red.) intensive Gespräche zur Frage der Nachfolge mit örtlichen und überregional angesiedelten Ärzten geführt. Es wurde mir von allen Ebenen nachdrücklich versichert, dass man daran interessiert sei, eine gute Lösung zu finden.“
Und Schindele nimmt auch Stellung zum neuen Förderprogramm der Stadt Stuttgart, das ansiedlungswillige Kinderärzte in der Landeshauptstadt mit bis zu 120 000 Euro unterstützt. Die Landtagsabgeordnete: „ Ich bleibe an dem Thema dran, möchte aber heute schon dafür werben: ’Liebe Kinderärzte, kommen Sie besser nach Horb als nach Stuttgart. Hier finden Sie gute Arbeitsbedingungen, nette Menschen, eine tolle Landschaft für die Freizeitgestaltung und eine neue Heimat mit viel Herz und Verstand vor!“