Wer behandelt künftig unsere Kinder? Für Horber Eltern wird diese Frage drängend. Foto: © Anna - stock.adobe.com

Eltern verzweifelt: Neben Pädiater Michael Nagel lassen auch Philippe Schwarz und Nicole Anders Kassenpatienten in Horb allein zurück. Und Stuttgart fördert die Neuansiedlung von Kinderärzten mit bis zu 120.000 Euro.

Die Lage für Eltern mit Kindern in Horb wird immer schlimmer: Nach der Rückgabe der Kassenzulassung von Kinderarzt Michael Nagel zum Jahresende gehen auch seine bisher angestellten Ärzte Philipp Schwarze und die Kinderärztin Nicole Anders. Damit verlieren die große Kreisstadt und der Landkreis Freudenstadt gleich drei Kinderärzte und zwei Kassensitze.

 

Ob ein Ersatz nach Horb kommt, steht in den Sternen. Kai Sonntag, Sprecher der kassenärztlichen Vereinigung: „Wir haben keine Ärzte in der Hinterhand, die wir irgendwo hinschicken könnten.“

Noch dramatischer: Ganz aktuell hat die reiche Landeshauptstadt Stuttgart ein Förderprogramm für die Ansiedlung von Kinderärzten gestartet. Stuttgarts Gesundheitsplanerin Christina Cryppel sagte der Stuttgarter Zeitung: „Wir wollen Kinderärztinnen und Kinderärzte gezielt nach Stuttgart anwerben und so die ambulante Versorgungsstruktur für Kinder und Jugendliche verbessern.“

Kassenärztliche Vereinigung warnt vor „Förderwettlauf“ bei Kinderärzten Das Programm hat ein Fördervolumen von 260.000 Euro. Bei der „Neugründung“ einer Berufsausübungsgemeinschaft gibt es bis zu 80.000 Euro. Passiert das in einem Stadtteil, in dem es bisher noch keinen Kinderarzt gibt, kann es noch einmal bis zu 40.000 Euro dazu geben.

Kai Sonntag, Pressesprecher der KV: „Wir begrüßen solche Programme. Es ist gut, wenn die kommunale Ebene sich mit einbringt und eigene Aktivitäten entwickelt. Wir möchten aber natürlich vermeiden, dass ein „Förderwettlauf“ entsteht.“

Welche Möglichkeiten hat die KV, einen Kinderarzt nach Horb zu holen? Pressesprecher Sonntag: „Leider nur begrenzte. Wir können die Zahl der Ärzte nicht erhöhen, wir haben keinen Einfluss auf die Studienplätze und auch nicht darauf, welche Fachrichtung junge Ärztinnen und Ärzte nach ihrem Studium anstreben. Wir haben die Vergütung für einzelne Leistungen erhöht, fördern mit Unterstützung des Landes die Weiterbildung in den Praxen, sind natürlich im Rahmen der Niederlassungsberatung tätig und versuchen, Ärztinnen und Ärzte nach Baden-Württemberg zu bekommen.“

Was kann die Politik tun? Kai Sonntag, Sprecher der kassenärztlichen Vereinigung Baden Württemberg: „Es gibt leider nicht die eine Schraube, an der die Politik nur drehen müsste, und dann wäre alles gut. Es sind schon eine Reihe von Maßnahmen ergriffen worden. So wurden die Kinderärzte beispielsweise im vergangenen Jahr entbudgetiert, ebenso wurde die Weiterbildung ausgebaut. Aber die Wirkungszeiträume im Gesundheitswesen sind teilweise lang, Maßnahmen werden sich eher langfristig auswirken.“

Wie prekär wird die Lage bei Kinderärzten im Landkreis Freudenstadt? Till Reckert, Sprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte Baden Württemberg, sagte dieser Redaktion: „Wenn Dr. Nagel seinen Sitz zurückgibt ohne Nachfolger für das KV-System in Freudenstadt, wird der Versorgungsgrad auf deutlich unter 100 Prozent sinken, da der Horber Kinderarzt den Landkreis mit zwei Versorgungsaufträgen versorgte. Einen Versorgungsgrad von 100 Prozent schätze ich bereits als beginnend prekär ein, bei einem Versorgungsgrad von unter 90 Prozent beginnt für viele Familien eine ,strukturelle Kindeswohlgefährdung’.“

KV-Sprecher Sonntag: „Natürlich ist die Situation schwierig, wir machen uns große Sorgen um die kinderärztliche Versorgung insgesamt. Wir halten die Begrifflichkeit der ,struktuellen Kindeswohlgefährdung’ aber für wenig hilfreich, da sie nicht mit Fakten hinterlegt ist. Alleine aus dem Versorgungsgrad auf die Versorgungssituation vor Ort zu schließen, ist mehr als fragwürdig. Der Versorgungsgrad alleine ist viel zu grob.“

Was tut die KV jetzt, um die Situation in Horb zu verbessern? KV-Sprecher Sonntag: „Da muss ich noch um Geduld bitten. Wir sind ja nicht automatisch in die Pläne unserer Mitglieder eingebunden. Die Nachfolgesuche ist zuerst einmal eine Aufgabe des Praxisinhabers, nicht der Kassenärztlichen Vereinigung. Bisher hat es kein Förderprogramm gegeben, weil gar keine Kinderarztsitze frei gewesen sind. Wir prüfen gerade, wie wir mit der Situation umgehen.“

Bekommt Horb nie wieder einen neuen Kinderarzt mit Kassenzulassung? Die Eltern sind jedenfalls verzweifelt. Auf Facebook kommentiert Simone G.: „Die Krankenhäuser können sich freuen. Die werden ab Januar ein neue Zulaufort für besorgte Eltern und kranke Kinder. Traurig. Aber was anderes bleibt uns nicht übrig, wenn die Kinder krank sind?“

Andere greifen die Stadt an. Alexander K.: „Jetzt kann ja mal die Stadt Horb zeigen, was ihr Plan ist.“ ULH-Gemeinderat Hermann Walz antwortet: „Wie kommen Sie darauf, dass jetzt die Stadt Zauberer spielen soll? Wenn ein Arzt kommen möchte, wird die Stadt als auch der Gemeinderat alles daran setzen, dies möglich zu machen.“