Zum Jahresende gibt Kinderarzt Michael Nagel seine Kassenzulassung zurück. Auch zwei seiner angestellten Pädiater gehen. Ob der Landkreis Freudenstadt dann unterversorgt ist?
Eltern in der Region sammeln schon Unterschriften, weil es zu wenig Kinderärzte gibt. Jetzt hören auch noch Michael Nagel (Horb) und zwei seiner angestellten Ärzte auf, Kinder von gesetzlich Versicherten zum 1. Januar 2025 zu behandeln.
Horbs OB Peter Rosenberger legt deshalb dem Gemeinderat bei der nächsten Sitzung (Dienstag, 26. November) eine Petition vor. Zitat: „In diesem Zusammenhang erreichen die Stadt Horb am Neckar zahlreiche Berichte von verzweifelten Eltern – nicht nur aus dem Stadtgebiet, sondern auch aus dem gesamten Landkreis Freudenstadt und sogar darüber hinaus –, die keine Kinderarztpraxis finden können, die ihr Kind als Patienten aufnimmt. Diese Rückmeldungen verdeutlichen den dringenden Handlungsbedarf und das Ausmaß der Versorgungskrise.“
Kein Handlungsbedarf?
Und während Till Reckert, Landessprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, schon bei einer Versorgung von unter 90 Prozent von einer potenziellen Kindeswohlgefährdung spricht, sieht die kassenärztliche Vereinigung offenbar noch keinen Handlungsbedarf.
In der Drucksache 178/2024 zitiert das Rathaus Horb folgenden Schock-Satz der KV: „Sollten die drei Ärzte der Praxis Dr. Nagel wie angekündigt ihre Zulassung zurückgeben, läge der Versorgungsgrad im Landkreis Freudenstadt nach mündlicher Auskunft der KV BW bei 75,6 % und damit deutlich unterhalb des empfohlenen Versorgungsgrades von 110 %. Rein rechnerisch entspräche dies aber noch nicht einem ,unterversorgten’ Bereich in der Gruppe der Fachärzte.“
Till Reckert, Landessprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, hatte dieser Redaktion bereits gesagt: „Im Landkreis Calw ist der Versorgungsgrad bei 83 Prozent, sechs von zwölf verbliebenen Kollegen sind über 60 Jahre alt. Das heißt zum Beispiel, dass im Landkreis Calw Familien neugeborener Kinder keinen Kinder- und Jugendarzt mehr finden, der zum Beispiel laut Landeskinderschutzgesetz verpflichtende Vorsorgen U2 bis 9 und Impfungen anbieten kann. Die Kollegen werden sich so gut sie können nur noch um akute Notfälle kümmern. Betroffene Familien aus Calw landen vereinzelt auch im Landkreis Reutlingen in meiner Praxis, weil sie näher niemanden mehr finden.“
Nur noch schwere Fälle
Was bedeutet eine Versorgung mit Kinderärzte von unter 80 Prozent, die jetzt im Landkreis Freudenstadt droht?
Laut Kinderarzt Reckert gibt diese Lage schon im Stadtkreis Pforzheim. Dort gibt es schon eine Clearingstelle beim Gesundheitsamt, so der Landessprecher des Landesverbandes der Kinder und Jugendärzte: „Zugezogenen Patienten wird eine kontinuierliche Versorgung in Kinderarztpraxen vermittelt. Das Kriterium hierfür ist eine schwerwiegende chronische Erkrankung, bei der Kinder ohne Versorgung bleibenden Schaden erleiden würden. Alle anderen Bedarfe sind für zugezogene Familien im Landkreis Pforzheim nicht mehr vermittelbar.“