In Sachen Kinderarztversorgung herrscht in Oberndorf ein akuter Notstand. Schon Kinderarzt Reinhard Wartha hatte vergeblich versucht, einen Nachfolger für seine Praxis zu finden. Mit seinem Tod hat sich die Lage noch verschärft. Nun beauftragt die Stadt einen Profi mit der Arztsuche.
Etliche Eltern haben sich in ihrer Verzweiflung bereits an Matthias Winter gewandt: In Oberndorf wird schnellstens ein neuer Kinderarzt benötigt. Die Dringlichkeit sei allen bewusst, sagt der Bürgermeister. Deshalb wolle man nicht abwarten und sich „den Kräften des Marktes ergeben“, sondern handeln.
Er habe sich an seine Amtszeit in Römerstein zurückerinnert, wo die Suche nach einem Mediziner dank des Beraters Roman Hadjio geglückt sei, berichtet der Bürgermeister in einem Gespräch mit unserer Redaktion. Deshalb hole die Stadt Hadjio jetzt ins Boot. Der Gemeinderat hatte in der Sitzung vom 10. Oktober grünes Licht dafür gegeben.
Roman Hadjio berät seit mehr als 30 Jahren Mediziner, „die Lust haben zu wachsen“, und hilft Kommunen dabei, Nachfolger für ihre Ärzte zu finden. So hat er beispielsweise vergangenes Jahr in Rottweil einen Nachfolger für die verstorbene Internistin Claudia Wankmüller gefunden.
Wie findet man die Ärzte?
Aber wo stöbert Hadjio die Ärzte auf? Netzwerk ist in diesem Zusammenhang das Stichwort. „Es gibt sicher einige Ärzte, die Kinder der Stadt Oberndorf sind und inzwischen woanders leben“, sagt Hadjio. Und wenn sie selbst kein Interesse hätten, dann würden sie vielleicht jemanden kennen, der in Frage käme. „Da muss man viele Spuren verfolgen“ – und auch ein bisschen auf den Zufall hoffen.
Der Berater hat für den Oberndorfer Fall schon die Fühler ausgestreckt und Gespräche geführt – bisher ohne positives Ergebnis. Aber im Gespräch macht Hadjio deutlich, dass man in dieser Sache einen langen Atem braucht.
Roman Hadjios Aufgabe ist aber nicht nur das Suchen, sondern auch Überzeugungsarbeit für die Selbstständigkeit. Dabei gibt es aus Sicht des Beraters nur Vorteile für potenzielle Nachfolger. „Viele wissen gar nicht, wie viel sie als niedergelassener Arzt verdienen könnten. Außerdem ist das Risiko gleich null. Pleite machen geht quasi gar nicht“, erklärt Hadjio.
Der Bedarf
Der Bedarf für einen Kinderarzt sei über die Stadt Oberndorf hinaus gegeben und eine Auslastung damit garantiert. Außerdem könne man sicherlich zu großen Teilen auf den Patientenstamm von Reinhard Wartha zurückgreifen, meint der Berater. Für Oberndorf spreche auch die Nähe zur Autobahn und dass man ein Krankenhaus in der Stadt habe.
„An jeder Klinik gibt es Ärzte, die sich niederlassen wollen. Und natürlich ist es im Interesse der Klinik, dass die sich in der Nähe niederlassen und nicht ganz woanders“, erklärt Hadjio. Viele Krankenhäuser hätten keine eigene Kinderabteilung.
Die Herausforderung
Eine der zentralen Herausforderungen für die erfolgreiche Nachbesetzung: 85 Prozent der Mediziner seien Frauen, bei denen sich die Ausbildungszeit im Fall einer Schwangerschaft verlängere. Somit seien sie etwa 40 Jahre alt, wenn sie sich niederlassen, und hätten meist Kinder, erklärt Hodjio. Und das bedeute wiederum, dass sie meist örtlich gebunden seien.
In solchen Fällen könne man sich die Stelle aber auch teilen, sagt der Berater. Deshalb suche er auch nach Müttern oder Medizinern, die eigentlich im Ruhestand seien, aber doch noch praktizieren wollen.
Auch Übergangslösungen möglich
Eine vorübergehende oder Teilzeit-Lösung wäre aus Sicht der Stadt Oberndorf schon eine hilfreiche Erleichterung, macht Matthias Winter deutlich. Wenn es darum gehe, jemanden bei den ersten Schritten als niedergelassener Arzt zu begleiten, sei man von städtischer Seite bereit, einiges zu leisten. Interessenten könnten sich jederzeit im Rathaus melden.
Denn selbst mit Reinhard Wartha habe es zu wenig Kinderärzte in der Region gegeben, meint Roman Hadjio. Deshalb seien manche mit ihren Kindern schon zu Allgemeinmedizinern gegangen. Für die Ärzte sei die Behandlung der kleinen Patienten aber deutlich zeitaufwändiger. Außerdem kenne sich ein Allgemeinmediziner mit kinderspezifischen Krankheiten natürlich nicht so gut aus wie der Facharzt.
Kassensitz bleibt
Glück im Unglück: Der Kassensitz bleibt laut Hadjio – anders als anfangs erwartet – bestehen, auch wenn die Nachbesetzung länger als sechs Monate dauern könnte. Bedarfsplanung und Versorgungsquote weisen einen Mangel in der Region aus.
Die Bedarfsplanung fußt auf dem Verhältnis der Zahl der Vertragsärzte bezogen auf die Zahl der Einwohner in einem bestimmten Planungsbereich. Laut Kassenärztlicher Vereinigung (KV) lebten zum Ende des Jahres 2022 rund 26 100 Kinder und Jugendliche im Kreis Rottweil. Die Versorgungsquote lag zum 18. Oktober 2023 laut Bedarfsplan im Bereich der Kinderärzte im Kreis Rottweil bei 86,9 und gehörte damit zu den niedrigsten im Land. Das Gute daran: Einem Nachfolger winke ein Förderung über das Programm „Ziel und Zukunft“ der KV Baden-Württemberg und damit bis zu 80 000 Euro zur Finanzierung von Anfangsinvestitionen.
Infrastruktur halten
Eine schnelle Nachbesetzung sei übrigens auch mit Blick auf den Fachkräftemangel sinnvoll, erklärt Roman Hodjio im Gespräch. Man müsse die Infrastruktur in Form von Medizinischen Fachangestellten (MFA) halten. Manche Praxis habe große Probleme und müsse die Sprechzeiten wegen des Mangels an MFAs reduzieren, weiß Hodjio.
Parallel zur Kinderarzt-Nachfolgersuche laufen die Planungen für ein Ärztehaus in Oberndorf, verrät Bürgermeister Winter. Eine öffentliche Information zum Stand der Dinge könne man Anfang 2024 erwarten.