Das Praxisteam von Jurij Ciokan (Dritter von links) um Beata Udvarnoki (von links), Judit Ciokan und Tanja Dosic (rechts) ist derzeit mit Aufräumarbeiten beschäftigt. Foto: Roth

Im November hat Jurij Ciokan in seiner Kinderarztpraxis am Hechinger Obertorplatz die letzte Sprechstunde angeboten. Einen Nachfolger gibt es nicht. Er appelliert daher an die Politik, Anreize zu schaffen, damit sich wieder mehr Ärzte niederlassen.

An der Eingangstür zur Kinder- und Jugendarztpraxis von Jurij Ciokan am Obertorplatz steht es schwarz auf weiß: „Die Praxis ist nach über 35 Jahren ohne Nachfolger geschlossen .“ In der Praxis selbst sind bereits Umzugskartons gepackt, die Aufräumarbeiten laufen auf Hochtouren. „Bis zum 1. Januar muss hier alles tipptopp sein“, sagt Jurij Ciokan im Gespräch mit unserer Redaktion.

 

Im November hat der 73-Jährige in seiner Praxis letztmals seine regulären Sprechstunden angeboten. Noch besteht für seine Patienten aber die Möglichkeit, Folgerezepte beziehungsweise Unterlagen für den Folgearzt abzuholen.

Apropos Folgearzt: Den wird es in den Räumlichkeiten der Praxis von Ciokan nicht geben. „Die Stelle war bundesweit drei Monate ausgeschrieben. Niemand hat sich beworben“, blickt der langjährige Kinderarzt ernüchtert zurück. Das Problem sei bekannt: Nur noch wenige Ärzte wollen sich niederlassen. „In Anstellung hätte ich genügend Ärzte oder Ärztinnen bekommen“, so der 73-Jährige.

1500 Patienten im Quartal behandelt

Jurij Ciokan weiß: „Die Gesellschaft hat sich verändert. Niemand möchte mehr so arbeiten, wie es vor 30 oder 40 Jahre üblich war.“ Um die Lücke an niedergelassenen Ärzten zu schließen, sei auch die Politik gefordert. „Der Trend war abzusehen – auch in der Allgemeinmedizin. Die Politik sollte sich was einfallen lassen.“ Es gehe im Kern darum, die Arbeit für niedergelassene Ärzte attraktiver zu machen. Gerade für Ärztinnen, die über die Hälfte des Berufsstandes ausmachen würden: „Familienbetreuung und Niederlassung sind schwer unter einen Hut zu bringen“, betont Ciokan. Da sei beispielsweise die Arbeit in einem MVZ – potenziell in Teilzeit – attraktiver.

Am Eingang zur Praxis werden Patienten darauf hingewiesen, dass die Praxis geschlossen ist. Foto: Roth

Durch den Wegfall der Praxis des 73-Jährigen stehen nun zahlreiche Eltern vor der Suche nach einem neuen Kinderarzt. Und nicht nur diese: Auch Erwachsene – zumeist mit Migrationshintergrund – habe er behandelt. Ciokan spricht ukrainisch, seine Frau Judit ungarisch.

Im Quartal hat der Hechinger Kinderarzt rund 1500 Patienten behandelt. Viele seiner Patienten hätten noch keinen neuen Arzt gefunden. Hoffnung macht ihm, dass ab Januar Kinderarzt Philipp Schwarze in Bisingen praktiziert. „Das federt die Situation ein bisschen ab.“ Sorgen macht sich Ciokan besonders um seine Patienten mit Behinderung, weshalb er im Einzelfall auch zu vermitteln versuche. Aber auch in diesen Fällen gebe es immer wieder Absagen.

Viele Eltern kennt Ciokan schon seit deren Kindheit

Wie schwer es ist, einen Kinderarzt zu finden, erklärten jüngst auch einige Eltern in der Bürgerfragestunde des Gemeinderats. Die Wehmut in Hechingen über den Ruhestand Ciokans ist groß. Auch er selbst blickt nach der langen Zeit als Arzt mit gemischten Gefühlen auf das neue Jahr: „Ich habe viele Eltern, die nun mit ihren Kindern kommen, noch als Babys behandelt.“

Trotzdem: Die Gesellschaft habe sich in seiner Zeit als Arzt stark gewandelt. „Die Ansprüche sind gestiegen.“ Ein Beispiel: Ergotherapeuten, Logopäden oder Kinderpsychotherapeuten seien dazugekommen. „Die Bedingungen waren in der Zeit, in der ich losgelegt habe, andere.“

Praxis-Räumlichkeiten werden weitervermietet

Hinsichtlich seines Ruhestands sagt der 73-Jährige: „Langweilig wird es mir bestimmt nicht.“ Er wolle sich erstmal selbst gesundheitlich auskurieren und dann weiterschauen. Noch gebe es für ihn und seine drei Mitarbeiterinnen viel zu tun. In den über 35 Jahren habe sich schließlich vieles angesammelt. Notfallkoffer will Ciokan beispielsweise an die Ukrainehilfe spenden.

Was mit den Räumlichkeiten der Praxis geschieht, weiß er nicht. Nur so viel: „Die Räumlichkeiten werden weitervermietet.“ Es gebe Interessenten.