1960 gegründet und immer noch einmalig: das deutsche Kinderärzteorchester. Die meisten Mitspieler hätten auch als Profis Karriere machen können.
Geigenkasten, Notenmappe und Laptop. Wenn fast hundert Kinderärztinnen und Kinderärzte so ausgestattet zusammentreffen, geht es nicht nur um einen Kongress, sondern auch um ein Konzert. Es ist der jährliche „Kongress für Kinder- und Jugendmedizin“, veranstaltet von der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin. Ein fester Bestandteil seit Jahrzehnten ist das Konzert des weltweit einzigartigen Deutschen Kinderärzteorchesters. In diesem Jahr trifft man sich am 18. und 19. September im Mannheimer Rosengarten. Unter dem Motto „Kinder- und Jugendgesundheit“ sind mehr als 100 Sitzungen und Workshops angekündigt. Auf dem Konzertprogramm stehen „Les nuits d’éte“ von Hector Berlioz und die Sinfonie Nr. 4 in Es-Dur, die „Romantische“, von Anton Bruckner.
Diese einzigartige Musikervereinigung, 1960 als Kammerorchester gegründet, zieht seither auch Kollegen aus vielen Teilen der Welt an, auch aus den USA oder Südamerika. Es haben sich Freundschaften gebildet, auch davon profitiert der fachliche Austausch. Aus Heilbronn sind drei Kinderärzte dabei: Professor Peter Ruef, Chefarzt der dortigen Kinderklinik, und die niedergelassenen Kinderärzte Dr. Hans Stechele und Dr. Jan Binder. Stechele spielt Fagott, Binder Oboe und Ruef ist Hornist. Er wird den „Weckruf“, den berüchtigt-anspruchsvollen Hornpart in der Bruckner-Sinfonie übernehmen. Ein wenig Bedauern klingt durch, wenn er erzählt, wie schwer ihm als junger Menschen die Berufswahl fiel. Als Kinderarzt ist man beruflich abgesichert, als Musiker nicht, vor dieser Entscheidung standen auch viele seiner Mitspieler.
Große Affinität von Medizinern zur Musik
Schnell ist das Gespräch an dem Punkt angekommen, der nicht übersehen oder überhört werden kann: die große Affinität von Medizinern zur Musik. „Die gibt es sonst in keinem anderen Beruf“ sagen Ruef und Stechele übereinstimmend. Warum, das können sie nur vermuten. Auf eine wissenschaftliche Begründung sind sie noch nicht gestoßen, aber eine empirische haben sie. Gerade als Kinderarzt brauche man eine besondere Empathie und Vielseitigkeit. „Wir müssen ja alles sein“, sagt Ruef. Neonatologe, Chirurg, Internist, Kardiologe usw., das speziell für Kinder, und dazu viel Verständnis und Zeit für sie und die Eltern als Co-Patienten aufbringen. Hier holt dann auch die Aktualität die Vorfreude ein. Viele dieser Leistungen kämen im Abrechnungsschema zu kurz oder überhaupt nicht vor – auch damit erklären sie sich den eklatanten und bedrückenden Ärztemangel in ihrem Fach. „Kinderärzte haben keine Lobby“ bringt es Peter Ruef auf den Punkt.
Die Aufnahme ins Orchester verläuft nach professionellen Kriterien, unter anderem mit einem Probe-Vorspielen. Wer dabei ist, muss an seinem Instrument dran bleiben, üben und auch den finanziellen Aufwand für das Mitspielen und die Probewoche übernehmen. Dieses Jahr, am 18. und 19. September entschädigt dafür ein besonders schöner Ort, das Kloster Schöntal, Tagungszentrum und „barocke Perle im idyllischen Jagsttal“, wie so oft zu lesen ist.
Seit Gründung hat sich das Orchester ein großes sinfonisches Repertoire erarbeitet, viele CDs eingespielt und in bedeutenden Sälen konzertiert, so etwa in der Berliner und der Kölner Philharmonie, dem Gewandhaus in Leipzig, der Tonhalle in Düsseldorf oder in Hamburg in der Laeiszhalle. Profis sind die Solisten und ist der Dirigent, seit 2019 ist man offensichtlich sehr glücklich mit Mario Hartmuth, dem stellvertretenden Generalmusikdirektor am Staatstheater Kassel.
Alle Konzerte sind Benefizkonzerte, die Erlöse kommen regionalen Einrichtungen für kranke oder behinderte Kinder zu gute. In diesem Jahr ist es in Mannheim das Radio Rumms, das Kinderklinikradio der Uni. Tags zuvor findet die öffentliche Generalprobe in der Heilbronner Christuskirche statt. Von hier geht der Erlös an die Familienherberge Lebensweg in Illingen-Schützingen, eine aus einer Privatinitiative heraus entstandene Einrichtung, in der Eltern und ihre kranken Kinder erholsam betreut werden.