Anna-Maria Karl, hier in ihrem Büro in Stuttgart, liebt Herausforderungen. Foto: Lichtgut//Leif Piechowski

Anna-Maria Karl ist Topmanagerin und hat vier Töchter. Sie hat weder auf Karriere noch auf Familie verzichtet. Sie schafft den Spagat, von dem viele träumen. Warum der Kampf mit sich selbst oft der härteste ist, erzählt sie im Gespräch.

Stuttgart - Sie ist offen und direkt, lacht gern und ist auch selbstkritisch. „Jeder Tag ist eine Herausforderung, selbst jetzt, da die Kinder schon größer sind“, sagt Anna-Maria Karl. Die Juristin ist Top-Headhunterin beim internationalen Beratungshaus Kienbaum und zieht von Stuttgart aus die Fäden.

 

Seit vergangenem Jahr hat sie den Posten inne, zuvor hat sie beim Autokonzern Daimler unter anderem die internationale Talentsuche verantwortet. Der Wechsel in die Beratung war für sie so etwas wie der „Sprung ins kalte Wasser“, sagt sie – ähnlich wie seinerzeit als sie bei der Kleinwagenmarke Smart ihre Chance ergriffen und dann im Daimler-Konzern Karriere gemacht hat, sagt die 56-jährige Managerin rückblickend.

Eine turbulente Zeit, sie war gerade 32, ihre erste Tochter wurde geboren und sie stieg zur Leiterin der Rechtsabteilung bei Smart auf. Als sie schwanger war, ging sie auf ihre Chefs zu, und machte klar, dass sie den Posten trotzdem will. Ihre Chefs trauten ihr das zu. Nach drei Monaten Babypause kam sie zurück.

„Frühzeitig ein Standing aufbauen“

„Ich rate allen jungen Frauen, sich schon frühzeitig ein Standing aufzubauen, dann haben sie es leichter, wenn sie nach der Schwangerschaft wieder in den Beruf einsteigen“, so ihre Erfahrung. Frauen sind in Führungspositionen nach wie vor unterrepräsentiert, Mütter noch seltener.

Karriere und Kinder – Anna-Maria Karl wollte weder auf das eine, noch auf das andere verzichten. Was so locker klingt, war im Alltag alles andere als einfach. Ohne Unterstützung ging es nicht: Kinderfrau, Au-Pair-Mädchen, Eltern, Freunde, alle zogen mit.

„Man braucht auch einen Partner, der mitzieht“, sagt sie. „Ich glaube, das ist für alle jungen Frauen das A und O“, meint sie, weil sich dann auch die Rahmenbedingungen in der Gesellschaft änderten. „Wenn klar ist, dass Familie und die Sorge für die gemeinsamen Kinder auf zwei Schultern liegen, gehen auch die Männer mal her und sagen, dass der Termin um 16 Uhr nicht geht, weil sie die Kinder abholen müssen oder ein Vorspiel in der Schule ist“, macht sie ein Beispiel.

Die Haupthemmschwellen bei der Besetzung von Top-Posten mit Frauen sind ihrer Meinung nach die Barrieren in den Köpfen. Für viele Chefs sei es bequemer, einen Posten mit jemandem zu besetzen der ähnlich ticke und nicht alles in Frage stelle und einen anderen Führungsstil habe. Vielfalt oder die Förderung von Frauen funktioniere nur, wenn das auch in der Führungsebene verankert sei, sagt Anna-Maria Karl.

„Keiner erwartet alles von dir“

Ihr Mann hat sie immer unterstützt. „Mein Mann ist mein bester Coach“, gesteht sie sogar. Der hat sie immer mal wieder geerdet, wenn sie zu hohe Ansprüche an sich hatte, nach dem Motto: „Keiner erwartet alles von dir.“ Man habe oft ein schlechtes Gewissen, weil man sich frage, ob man der Familie und dem Job gerecht worden sei.

Mit Schrecken erinnert sie sich noch daran, als ihre älteste Tochter im Kindergartenalter Windpocken bekam und sie am nächsten Morgen geschäftlich nach Tokio musste. Vor dem Abflug ging sie mit der Kleinen noch zum Kinderarzt. „Ich bin dann ins Flugzeug gestiegen und habe erst mal nur geheult“, sagt sie. „Man leidet da schon mit.“

Heute ist die Tochter 23, die jüngste der vier Mädchen 15 Jahre alt. „Die Beanspruchung hört aber nie auf“, sagt Anna-Maria Karl. Privat- und Berufsleben hat sie nie strikt getrennt. „Teils habe ich die Kinder als Ratgeberinnen miteinbezogen“, sagt sie sogar. Etwa als es um die Bildungsinitiative Genius ging, die sie bei Daimler mitbegründet hatte, um Kinder frühzeitig für Naturwissenschaft und Technik zu begeistern. „Die Kinder haben verstanden, was ich mache, und fanden das toll.“

„Kampf mit sich selbst ist der härteste“

Es sei wichtig, „dass die Kinder das Gefühl haben, dass sie trotz Job, etwas von der Mama haben“. Sie habe versucht, sich möglichst viel einzubringen, auch wenn sie die Kinder gut versorgt wusste. „Ich habe meinen Weg gefunden, aber das ist alles sehr individuell“, sagt die Managerin. Der Kampf mit sich selbst sei der härteste, gesteht sie. „Ich habe auch gelernt, zu delegieren.“

Rückblickend hat sich ihrer Meinung nach in den letzten Jahren schon einiges verändert. „Bei der ersten Tochter, war ich die Einzige, die im Businesskostüm zum Kindergarten zum Abholen kam, später war es fast normal, dass alle Frauen gearbeitet haben.“

Sie liebt die Herausforderung. „Ich versuche immer alles zu machen – nicht nur eine Sprache, sondern viele, nicht nur ein Kind, sondern vier“, meint sie lachend . Die gebürtige Stuttgarterin, die nach dem Abitur ins Ausland ging, in München, Genf, Hamburg und den USA studiert hat, spricht Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch – über spanisches Recht hat sie promoviert. Russisch hat sie dann noch im Studium gelernt. Durch ihren Mann seien sie wieder nach Stuttgart gekommen, sagt sie. Im Nachhinein ein Glücksfall, denn so konnten sie auch auf die Unterstützung ihrer Eltern zählen.

Sport und Musik als Ausgleich

Was sie antreibt? „Wir leben in einer sich extrem schnell verändernden Welt. Und da gibt es nur die Möglichkeit, dass man mitmacht und sich voll reinhängt“, sagt sie prompt und sprüht geradezu vor Dynamik. In der Familie ticken offenbar alle ähnlich. „Wir haben Freude daran, dieses turbulente Miteinander zu leben und zu gestalten“, beschreibt sie es. Klar braucht sie mal eine Auszeit, um aufzutanken. Sport und Musik sind für sie ein Ausgleich. Sie spielt Klavier und musiziert mit der Familie. Und die Sechs gehen zusammen auch immer mal wieder in die Oper – „wir sind echte Opernfans“.

Firmen profitieren von Frauen

Vielfalt
Gemischte Teams gelten als wichtiger Erfolgsfaktor. Firmen, in denen Frauen führende Positionen innehaben, erwirtschaften mehr Gewinn, so das Ergebnis der Studie „Diversity wins“ der Unternehmensberatung McKinsey aus dem Jahr 2020. Dafür wurden über 1000 Unternehmen in 15 Ländern analysiert, darunter alle Dax-Konzerne und 35 deutsche Mittelständler. Auch die Boston Consulting Group (BCG) weist in einer Studie für die Top 100 an der Börse notierten Unternehmen in Deutschland nach, dass Unternehmen mit diversen Führungsteams eine neun Prozent höhere Gewinnmarge (Ebit) und einen 20 Prozent höheren Umsatzanteil durch Innovationen erreichen als ihre männerlastigen Wettbewerber.

Top-Management
Finanziell erfolgreich und langfristig gut aufgestellt sind laut McKinsey-Studie vor allem Unternehmen, in denen verschiedene Blickwinkel in die Entscheidungsprozesse miteinbezogen werden. Eine Quotenfrau zu benennen reiche nicht aus. „Es bringt nichts, wenn Frauen zwar formal dabei sind, aber nicht gehört und zu entscheidenden Meetings nicht eingeladen werden“, heißt es.

Mittelstand
Der Frauenanteil in der Geschäftsführung im Vorstand deutscher Mittelständler verbessert sich langsam. Unter den 2021 im EY Mittelstandsbarometer befragten Unternehmen beschäftigen 38 Prozent mindestens eine Frau in der obersten Führungsebene – zwei Prozentpunkte mehr als noch vor zwei Jahren. In sechs von zehn mittelständischen Unternehmen geben ausschließlich Männer den Ton an. Zum Vergleich: Im Dax beträgt der Frauenanteil im Vorstand 16 Prozent, im M-DAX liegt er bei elf Prozent, im S-DAX bei neun Prozent.