Es ist eine große Chance für Kinder ohne Lese- und Schreibkenntnisse: In St. Georgen lernen sie in einem neuen ABC-Kurs Lesen und Schreiben – die Basis für ihren weiteren Bildungsweg.
Für Kinder, die nach Deutschland zugewandert sind und Deutsch als Zweitsprache lernen, ist es „das A und O, dass sie in der Schule von Anfang an gut mitkommen“, sagt Antonia Musacchio Torzilli, Leiterin der St. Georgener Wirkstatt und Integrationsbeauftragte der Bergstadt.
Was aber, wenn ein Kind nicht alphabetisiert ist? Dann ist die Ausgangssituation schwierig, wie auch die Bürgerstiftung St. Georgen weiß: „Die Alphabetisierung bildet das Fundament für den gesamten Bildungsweg eines Kindes“, schreibt sie in einer Mitteilung.
Auch für Schulen ist es eine massive Herausforderung, weiß Hannes Rath, Rektor der St. Georgener Robert-Gerwig-Schule – unter anderem wegen der teils kurzen Frist. Denn auch während des Schuljahrs ziehen Familien, teils mit Fluchthintergrund, nach St. Georgen – und bringen Kinder mit, welche die Schule besuchen müssen.
Diese haben, insbesondere im Kindergarten- und Grundschulalter, sehr unterschiedliche Sprach- und Schriftsprachkenntnisse – vor allem dann, wenn sie in ihrer Herkunftssprache noch nicht lesen und schreiben konnten.
Grundschulen stellt das vor ein Problem: Eigentlich sollten die Kinder – ihrem Alter entsprechend – Grundschulklassen zugeordnet werden. Doch rein damit sei dem Kind nicht geholfen, „wenn es gar nicht versteht, was überhaupt gesprochen wird und geschrieben steht“, erklärt Musacchio Torzilli. „Damit ist dem Kind nicht geholfen, und die Lehrkraft ist auch einigermaßen hilflos.“ Selbst für die Vorbereitungsklassen, von denen es an der Robert-Gerwig-Schule bereits drei Stück gibt, sei eine erfolgreiche Alphabetisierung die Voraussetzung, erklärt Schulleiter Rath.
Bindeglied zur Grundschule
Genau an dieser Lücke setzt gewissermaßen als Bindeglied nun ein neues Angebot in der Robert-Gerwig-Schule an, das die Einrichtung zusammen mit ihrem Förderverein, der Bürgerstiftung und Musacchio Torzilli aus der Taufe gehoben hat – und das in Rekordzeit. Innerhalb einer Woche stand der neue ABC-Vorbereitungskurs.
„Manchmal dauern solche Prozesse Monate oder sogar Jahre“, schildert Rath – oder ein solches Angebot kommt aus Mangel an finanziellen und Personalressourcen erst gar nicht zustande. Umso mehr freuen sich alle Beteiligten, dass in St. Georgen so schnell gehandelt werden konnte.
Auch der Zufall hilft mit
Dass es so schnell gehen konnte, ist der Zusammenarbeit der Beteiligten zu verdanken – aber auch einem Glücksfall: Mit Anna Obozna zog vor nicht allzu langer Zeit eine junge Frau aus der Ukraine nach St. Georgen, die in ihrer Heimat als Lehrerin gearbeitet hatte. Musacchio Torzilli stellte den Kontakt her.
Seit Kurzem leitet Obozna nun den ABC-Vorbereitungskurs an der Robert-Gerwig-Schule, den derzeit sechs Kinder, die aus der Ukraine zugewandert sind, besuchen. Der Kurs richte sich darüber hinaus an zugewanderte Kinder aus anderen Ländern – und auch an spracharme Kinder, die in Deutschland geboren sind und häufig verzögerte oder eingeschränkte Sprachkompetenzen aufweisen. Zunächst wird das tägliche Angebot voraussichtlich bis Ende des Schuljahres laufen.
Kleingruppen für individuelle Förderung
In der kleinen Gruppe werden die Kinder intensiv und individuell gefördert. So soll jeder auf seinem eigenen Lernstand abgeholt werden. „So legen sie eine solide Grundlage für den neuen Schulstart und fühlen sich sicherer im Umgang mit Buchstaben und ersten Wörtern“, schildert die Bürgerstiftung die Intention des Kurses.