Christina Coskun protestierte in 2019 vor dem türkischen Konsulat in Stuttgart. Foto: Lück

Christina Coskun gibt nicht auf. Hinter ihr liegen über ein Jahr Kampf und kräftezehrende Monate in Türkei.

Es war kalt. Vor einem Jahr vor dem türkischen Generalkonsulat in Stuttgart. Christina und ihre Schwester Alexandra Gunne hatten hier dafür gekämpft, dass der kleine Sami (3) wieder heim zu meiner Mutter darf. Jetzt hofft Mutter Christina auf ein Weihnachtswunder.

Horb - "Wenn Gott es so will, kriege ich meinen Sohn Sami wieder." Christina Coskun hofft, dass der Erlöser, dessen Geburt wir jetzt feiern, sie mit ihrem Kind wieder vereint.

Hinter ihr liegen über ein Jahr Demonstration, Kampf und kräftezehrende Monate in der Türkei.

Denn: Im Sommer 2019 hatte Kindsvater Yusuf per Urteil vom Familiengericht das Recht bekommen, mit Sami in den Urlaub in die Türkei zu fliegen. Doch er gab das Kind nie zurück. Hatte dieser Zeitung geschrieben: "Ich kämpfe dafür, dass mein Kind in der Türkei bleibt. Ich werde in meiner Heimat für Gerechtigkeit kämpfen!"

Seitdem kämpft Christina darum, ihren kleinen Sohn wieder in die Arme schließen zu dürfen. Sie hatte vom deutschen Gericht das Sorgerecht und Aufenthaltsbestimmungsrecht zugesprochen bekommen.

Los ging es mit Demo vor Konsulat

Los ging es mit der Demo vor dem türkischen Generalkonsulat in Stuttgart. Immer an ihrer Seite: Schwester Alexander Gunne aus Nordstetten. Hier fand Christina Unterschlupf nach der Trennung vom Kindsvater. Sami ging – bis zum Umzug seiner Mutter nach Freiburg – in den Kindergarten Nordstetten.

Im Sommer diesen Jahres dann erste Hoffnung für Mutter Christina: Im Juni urteilte ein Gericht in der Türkei, dass der Vater den kleinen Sami an die Mutter übergeben muss. Doch der Vater legte Berufung ein – und so konnte die Mutter ihren Sohn ganz kurz nur im Gericht sehen.

Trotzdem ein Stück Hoffnung für Christina Coskun. Die Mutter: "Ich blieb in der Türkei in der Hoffnung, dass ich meinen Sohn wieder sehen kann!" Es gab mehrere Gerichtstermine wegen des HKÜ (Haager Übereinkommen. Sorgt dafür, dass Sami wieder nach Deutschland ausreisen darf, d. Red.). Dazu verurteilte das Gericht Yusuf dazu, dass Christina für drei Wochen hintereinander ihren Sohn Sami für sich haben darf zum Umgang. Die Mutter: "Beim HKÜ gab es mehrere Termine, doch noch ohne Ergebnis. Zwar hat das zuständige Gericht den Kindsvater dazu verurteilt, dass ich meinen Sohn für drei Wochen am Stück sehen kann. Doch der Vater ist abgehauen. Er wird nicht gesucht."

Christina: "Ich habe zwischen den ganzen Gerichtsterminen versucht, meinen Sami zu finden. Ich hatte die ganze Zeit ein Auto gemietet, um allen Spuren nachgehen zu können." Sie verteilt Flyer, bekommt Hinweise – doch die Suche nach dem kleinen Sami bleibt vergeblich. Ihren Job in Deutschland – gekündigt. Arbeitslosengeld – Null.

Die Mutter: "Wenigstens hatte ich das Glück, in der Türkei eine Deutsche kennenzulernen, die von Hamburg dorthin ausgewandert ist. Bei ihr konnte ich dann wohnen – und die christliche Gemeinde dort hat mich enorm unterstützt und mir Mut gegeben, durchzuhalten."

Doch trotz aller Suchen und Gerichtsverfahren, die Zeit tickt. Mutter Christina: "Es zieht sich alles immer weiter in die Länge. Und man fragt sich natürlich, wie lange das so weitergehen kann. Die Mittel neigen sich langsam, und man stellt sich die Frage: Wie lange kann ich den Aufenthalt in der Türkei noch so weiter durchziehen? Ist es nicht Zeit, zu versuchen, das Leben in Deutschland wieder anzufangen, bis es Hoffnung gibt, dass du dein Kind wirklich wieder in die Arme schließen kannst?"

Dazu wird die Corona-Lage in der Türkei immer dramatischer, und das schwere Erdbeben Ende Oktober – Christina: "Das habe ich auch dort gespürt, wo ich war. Ich stand vor der schwierigen Entscheidung: Bleibe ich noch weiter in der Türkei. Komme ich wegen Corona noch raus? Fünf Monate lang hatte ich in der Türkei gehofft, dass ich meinen Sohn wieder in die Arme schließen kann. Vergeblich. Ich hatte das Gefühl, ich muss jetzt entscheiden: Nicht, dass mein ganzes deutsches Leben mir aus den Händen gleitet. Schweren Herzens habe ich meine Sachen gepackt und bin gegangen!"

Die gute Nachricht: Ihr deutsches Leben ist wieder in Gang gekommen. Christina Coskuns alter Chef hat sie gleich wieder eingestellt. Und auch bei Sami gibt es wieder einen Lichtblick.

Die Mutter erzählt: "Am 11. Januar ist ein neuer Gerichtstermin. Dabei geht es um den Umgang. Wenn der Kindsvater dort ohne Sami erscheint, bekommt er Ordnungshaft. Und ich, wenn ich Glück habe, Umgang für drei Wochen mit meinem Sami."

Allerdings: Angesichts der neuesten Corona-Entwicklung ist derzeit völlig unklar, ob Mutter Christina dann überhaupt in die Türkei fliegen darf. Sie sagt: "Ohne die Hoffnung auf Gott würde ich verzweifeln. Doch ich lasse mich nicht unterkriegen, so hoffnungslos die Lage auch ist."

Kein Einzelfall

Auch die Nachrichten ihrer Leidensgenossinnen – denen auch das Kind in die Türkei entführt wurde – sind nicht gut. Die ehemalige Nordstetterin sagt: "Ich habe durch mein Schicksal zwei andere Mütter kennengelernt, denen das selbe passiert ist. Das Kind von Rebecca wurde einen Monat nach Sami entführt. Die hat das Urteil zur Rückführung ihres Kindes nach Deutschland schon durch – ihr Liebstes hat sie aber immer noch nicht!"

Doch was hilft in solch einer Lage? So bitter es klingt: Einmal das normale "deutsche Leben". Die Mutter: "Als ich zurückgeflogen bin, habe ich mich auf die deutsche Kälte, den Regen und den Schnee gefreut. Am Anfang in der Türkei ging mir das nicht so: Weil ich bei Schnee immer an die glücklichen Stunden mit Sami in Nordstetten gedacht habe!" Ihr Chef hat sie wieder eingestellt – trotz Corona-Krise und Lockdown.

Und die Hilfe, die Zuneigung und Unterstützung, die die Mutter bekommt. Sie sagt: "Der Kindergarten in Nordstetten und einige Eltern fragen immer wieder nach, wie es mir geht. Meine Schwester Alexandra steht auf schon bereit – wenn wir Sami aus der Türkei endlich abholen können, würde sie sofort mitfliegen. Ich hoffe, ich bin nicht gezwungen, noch allzu lange darauf zu warten."

Vielleicht passiert ja ein Weihnachtswunder.

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