Einen Tag vor der Premiere brach der Krieg aus. Nun hat das Malyi Teatr aus Kiew seine Uraufführung „Fliegen“ in Stuttgart herausgebracht. Ein Abend, der unter die Haut geht.
Das Wichtigste, was ein deutsches Theater in den vergangenen Monaten bieten musste, war frische Luft. Ohne Klimatisierung keine Vorstellung. In Kiew gilt derzeit eine andere Vorschrift. Spielen dürfen nur jene Theater, die einen Keller besitzen, in den das Publikum bei Alarm flüchten kann. Deshalb wird das Kleine Theater in ein paar Tagen den Spielbetrieb wieder aufnehmen. Es ist nicht subventioniert, und das Ensemble benötigt dringend Einnahmen.
Einen Tag vor der geplanten Premiere brach der Krieg aus
Das Malyi Teatr Kiew verfügt zwar über keinen geeigneten Schutzraum, konnte jetzt aber doch die Uraufführung „Zal’ot“ herausbringen – als Exilpremiere in Stuttgart. Plötzlich ging alles sehr schnell. Die Männer, zwei Schauspieler und der Leiter des Theaters erhielten die Genehmigung, für das Gastspiel am Schauspiel Stuttgart ausreisen zu dürfen. Eigentlich sollte „Zal’ot“, auf Deutsch „Fliegen“, am 25. Februar in Kiew uraufgeführt werden. Einen Tag vorher brach der Krieg aus.
Viele junge Ukrainer kommen in Staatstheater
Es war ein ungewöhnlicher Premierenabend im Kammertheater, der allerdings eine gewisse Tragik birgt, weil ausgerechnet der Krieg dem Theater nun jenes Publikum bescherte, das es sich so dringend wünscht. Denn es waren gerade junge Leute, vor allem Ukrainer, die dieses frische und kurzweilige Stück sehen wollten. Ein Coming-of-Age-Drama, mit dem das Theater aus Kiew doch eigentlich Mut hatte machen wollen, sich vom sozialistischen Erbe endgültig zu lösen.
Sehnsucht nach der weiten Welt
„Zal’ot“ ist eine Reise zurück in die 1990er Jahre und zeigt ein Land im Umbruch, in dem man Piroggen isst und „Dallas“ schaut, der Strom ständig ausfällt und nur Reiche studieren können. Die junge Lida will trotzdem raus und keine „lebendige Tote“ werden wie ihre allein erziehende Mutter. Ihr Traum ist es, Stewardess zu werden und in die weite Welt zu fliegen.
Ein deutlicheres Symbol hätte die Autorin Luda Tymoshenko kaum finden können für den Wunsch der Ukrainer, den Anschluss an den freiheitlichen Westen zu bekommen. Die in Kasachstan geborene Dramatikerin und Soziologin lebt nun in Stuttgart. Sie und die Autorin und Schauspielerin Maryna Smilianets, die das Kleine Theater in Kiew mitleitet, sind seit März Artists in Residence und wohnen derzeit als Stipendiatinnen an der Akademie Schloss Solitude. Bei einem Gespräch vor der Premiere wiederholten die beiden immer nur eines: Dank, dass sie nun in Deutschland im Frieden leben dürfen: „Wenn vor dem Fenster Bomben fallen, kann man nicht schreiben.“
Das Malyi Teatr will jetzt in Schutzräumen auftreten
Auf der Solitude ist dagegen schon ein neues Stück entstanden, das Kindern helfen soll, die Flucht besser zu begreifen. Es wird beim Sommerfest der Akademie Schloss Solitude vorgestellt werden. Es sei für alle wichtig, darüber reden zu können, was gerade passiert. Denn während das Premierenpublikum im Kammertheater einen fast normalen Theaterabend erlebte und verfolgte, wie sich Lida durchboxt, fielen in Kiew schon wieder Bomben.
Trotzdem wünscht sich Maryna Smilianets, so bald wie möglich wieder in der Ukraine leben und am Kleinen Theater arbeiten zu können. Auch das Malyi Teatr will nach seinen zwei Vorstellungen in Stuttgart den Spielbetrieb wieder aufnehmen. Da es keinen Keller vorweisen kann, in den sich das Publikum während der Vorstellung retten könnte, will es nun tingeln und in Bunkern und Schutzräumen spielen.
Sommerfest Akademie Schloss Solitude. 1. Juli, 17 Uhr