Rainer Lorz spricht vor der Mitgliederversammlung der Stuttgarter Kickers über die finanzielle und sportliche Lage, den Trainer sowie seine persönliche Zukunft als Präsident.
An diesem Donnerstag (19 Uhr) findet im SSB-Veranstaltungszentrum Waldaupark die Mitgliederversammlung der Stuttgarter Kickers statt. Präsident Rainer Lorz ordnet die finanzielle und sportliche Lage ein.
Herr Lorz, nach den letzten beiden Niederlagen und Platz zwölf in der Regionalliga – in welcher Stärke erwarten Sie Gegenwind bei der Mitgliederversammlung?
Die Stimmung könnte besser sein. Wir alle hätten uns gewünscht, dass wir erfolgreicher gewesen wären. Aber die Mitgliederversammlung ist keine Momentaufnahme.
Was bereitet Ihnen mehr Sorgen: die sportliche oder die finanzielle Lage?
Die finanzielle Lage ist wie immer angespannt, aber das haben wir in der Hand, weil wir es beeinflussen können. Auf das Sportliche können wir aus dem Präsidium heraus nur eingeschränkt einwirken. Von daher beschäftigt mich die enttäuschende sportliche Situation mehr. Wir haben es bislang einfach nicht geschafft, Konstanz reinzubringen – obwohl wir von der sportlichen Qualität der Mannschaft grundsätzlich überzeugt sind.
Wie überzeugt sind Sie vom Trainer? Der Vertrag von Marco Wildersinn läuft am Saisonende aus?
Das Thema Trainer werden wir in der Winterpause in aller Ruhe besprechen, zuvor gibt es keine Wasserstandsmeldungen.
Sie hätten wahrscheinlich eine ruhigere Mitgliederversammlung, wenn Sie sich vom Trainer getrennt hätten.
Ich bekomme die Unzufriedenheit und Frustration natürlich auch mit. Dies ist verständlich, die habe ich selbst ja auch. Solche Stimmungslagen sind im Fußball immer stark ergebnisgetrieben. Aber davon sollte man sich nicht beeinflussen lassen, das wäre doch zu populistisch.
Marco Wildersinn hat viele junge Spieler eingebaut, fachlich und menschlich ist ihm wenig vorzuwerfen. Doch die Entwicklung der Mannschaft ist eher rückläufig – oder sehen Sie das anders?
Das ist genau der Punkt, den wir analysieren müssen. Fachlich und menschlich steht er außer Frage. Aber am Ende muss man die Entwicklung der Mannschaft beurteilen. Da sind in Einzelbereichen Entwicklungen erkennbar, aber den entscheidenden Schritt nach vorne haben wir noch nicht gemacht. Besonders enttäuschend waren für mich diese vier 0:3-Auswärtsniederlagen. Da hatte ich den Eindruck: Sorry, aber wir müssen doch mal was lernen!
Also stellt sich die Frage, ob ein anderer Trainer mehr aus dem Team herausholen könnte?
Das ist immer die Kernfrage im Fußball, nicht nur bei uns. In unserem Fall fragt man sich: Woran liegt es, dass wir gerade auswärts nicht widerstandsfähiger und konstanter sind? Wobei eines völlig klar ist: Wir sind nicht angetreten mit der Maßgabe, dieses Jahr muss der Aufstieg gelingen. Sondern wir wollen in dieser schwierigen Liga, mit einer deutlich verjüngten Mannschaft, eine ordentliche Rolle spielen und die Basis für die nächsten Schritte legen. Nun geht es darum: Sehen wir diesen Prozess oder nicht.
Wenn Sie ihn nicht sehen, ziehen Sie dann schon in der Winterpause den Schlussstrich?
Wie gesagt: Wir werden alles vernünftig analysieren und dann zu gegebener Zeit entscheiden, wie es weitergeht.
Bei den Fans, im Umfeld geistert schon der Name von Mustafa Ünal herum.
Das sind alles Spekulationen.
Kommen wir zur finanziellen Lage. Wie stellt sie sich dar?
Die Regionalliga bleibt ein finanzieller Kraftakt. Wir werden auch diesmal kein positives Jahresergebnis präsentieren können. Dieses strukturelle Defizit hast du einfach in dieser Liga, wenn du etwas Vernünftiges auf die Beine stellen willst und zugleich das Nachwuchsleistungszentrum auf einem hohen Level aufrechterhalten möchtest, wie wir es tun. Die Alternative wäre, an der einen oder anderen Stelle signifikant herunterzugehen mit dem Etat, was dann aber für noch mehr Unzufriedenheit sorgen würde oder – in Bezug auf den Nachwuchs – unsere DNA berührt.
Die Sponsorenerlöse steigen doch ständig.
Ja, aber die Personalaufwendungen gehen auch deutlich nach oben. So haben sich die Beiträge zur Berufsgenossenschaft vervierfacht, seit ich dabei bin, und auch die Steigerungen beim Mindestlohn treiben den Aufwand nach oben. In der Saison 2024/25 haben wir nach dem Nichtaufstieg unter Mustafa Ünal zudem versucht, die Mannschaft qualitativ deutlich zu verstärken. Da sind wir teilweise übers Ziel hinausgeschossen, wir wollten zu schnell zu viel.
Der Kader war deutlich zu groß.
Absolut. Daraus haben wir gelernt. In dieser Saison haben wir das Budget auf eine solidere Basis zurückgefahren, um Einnahmen und Ausgaben wieder ins Lot zu bringen und um die nächsten Jahre stabil angehen zu können.
Sie persönlich hatten bei der letzten Mitgliederversammlung erklärt, Sie würden die Amtsperiode nicht bis 2027 zu Ende machen. Wie ist der Stand?
Ich bin mit dem Aufsichtsrat übereingekommen, dass ich die volle Amtsperiode zur Verfügung stehe. Meine persönliche Situation hat sich verändert, zum anderen wurde ich von den Gremien und speziell vom Aufsichtsratsvorsitzenden Christian Steinle gebeten, doch die Periode voll zu machen, weil in Anbetracht der anstehenden Aufgaben Erfahrung und das in langen Jahren doch geschaffene Netzwerk kein Nachteil wären.
Stimmt es, dass Sie vor 20 Jahren in den Aufsichtsrat kamen, weil ein anderer Kandidat Zahnschmerzen hatte?
Ich kam damals direkt aus einer Sitzung aus Berlin, und bei der Abstimmung standen nach meiner Erinnerung fünf Kandidaten für drei Positionen zur Verfügung. Und einer hatte in der Tat einen Zahn gezogen bekommen und war bei seiner Rede nicht so in Form, ich bin dann gewählt worden.
Daraus ist eine Lebensaufgabe für Sie entstanden.
Mit allen Höhen, aber auch Tiefen, manchmal tun die Spiele weh wie Zahnschmerzen (lacht).
Zur Person
Karriere
Rainer Lorz wurde am 14. Dezember 1962 in Darmstadt geboren. Er ist in Berlin aufgewachsen und lebt seit 1995 in Stuttgart. Lorz spielte Fußball beim FV Wannsee Berlin und für die DJK Konstanz. 2005 kam er in den Aufsichtsrat der Kickers, seit 2010 ist er Präsident, gewählt bis 2027. Er ist Anwalt in Degerloch und Honorarprofessor an der Universität Stuttgart. Hobbys: Golf und Literatur. (jüf)