Sechs Parteien, sechs Städte, null Schönfärberei: Eine KI zeigt bei einer Ausstellung in Villingen gnadenlos, wie Politik aussehen könnte – und löst Emotionen aus.
„Hey KI, wen wähl’ ich im Ländle?“ – eine Antwort auf diese Frage gibt die Künstliche Intelligenz tatsächlich – und zwar in Form von sechs Bildern in einer Ausstellung, die ab Dienstag, 3. Februar, im Katholischen Bildungszentrum in Villingen in Kooperation mit der evangelischen Erwachsenenbildung zu sehen sind.
Ein Bild zeigt eine Stadt, aufgeräumt, strukturiert, ein „nüchternes, diszipliniertes, funktionales Lebensgefühl“ weckend, wird der Eindruck, der sich dem Betrachter auf Anhieb aufdrängt, am Rande geschildert. Kühltürme eines Atomkraftwerks sind Teil der Stadt, ein Schulhof, auf dem Ordnung herrscht, ein eingezäuntes Gelände, das einen fast schon militärischen Eindruck vermittelt.
Es ist die Stadtansicht einer Stadt, die laut KI dem Wahlprogramm der AfD entspräche. „Dazu liegt kein Auftrag der Parteien vor – die würden sich vielleicht sogar dagegen wehren“, stellt Andreas Menge-Altenburger, der Leiter des Villinger Bildungszentrums, vorsichtshalber klar. „Das ist alles eine objektive Einschätzung der Künstlichen Intelligenz.“
Spannendes Konzept
Das Konzept, das dieser etwas anderen Kunstausstellung zugrunde liegt, ist denkbar spannend: Die Mitarbeiter des Instituts für Demokratie und KI haben im Auftrag der Landeszentrale für politische Bildung vor der Landtagswahl die Wahlprogramme der sechs im Bundes- oder baden-württembergischen Landtag vertretenden Parteien – CDU, AfD, SPD, Grüne, Linke sowie FDP – mit einer Künstlichen Intelligenz analysiert und in ein fiktives Stadtbild umgesetzt.
Wie sähe eine Stadt aus, in welcher das Wahlprogramm der jeweiligen Partei umgesetzt wird?
Parallel dazu wurden an fünf Computern jeweils eigene ChatGPT-Fenster mit jeweils einem Wahlprogramm und der entsprechenden Aufgabenstellung gefüttert und gleichzeitig der Start-Knopf für die Umsetzung gedrückt.
Herausgekommen sind sechs unterschiedliche KI-Stadtansichten, deren Bilder jedoch Bände sprechen.
Das erzeugt Emotionen
Andreas Menge-Altenburger hat die Stadtansichten bei der Hängung am Montagnachmittag schon einmal auf sich wirken lassen und stellt fest: „Die Bilder erzeugen Emotionen.“ Und in der Tat: Unweigerlich ergreift der Betrachter Partei – für oder gegen seine Wunschstadt. In wessen Stadt er nun am liebsten leben würde, das wir dem Betrachter übrigens nicht etwa in großen Lettern als Überschrift über jedem KI-Stadtbild plakativ verraten, sondern eher als Beiwerk präsentiert, wenn er die nebenstehenden Erläuterungen auf jedem Poster liest.
Eines der Bilder zeigt eine Stadt mit viel Industrie, Technologie, Digitalisierung – autonom fahrende Busse bewegen sich auf der breiten Straße, liefernde Drohnen kreisen in der Luft, an einer Kreuzung suggeriert eine Säule mit Überwachungskameras Sicherheit. „Hier geht es um Leistung und Wirtschaft“, steht für Menge-Altenburger bei der Interpretation der KI-CDU-Stadt fest.
Facetten der KI-Städte
Ähnlich, aber technologieoffener, kommt das KI-Stadtbild auf Basis des FDP-Wahlprogramms daher.
Eine weitgehend unsichtbare, digitale Verwaltung und smarte Stadtinfrastruktur mit einer Art digitalem Display auf einem zentral gelegenen Flachdach wirkt fast schon wie Science Fiction. Solardächer, Windräder und Kraftwerke – hier wird auf mehrere Säulen gesetzt.
Viel Grün zeigt, wen wundert’s, das KI-Stadtbild der Grünen – aber für Menge-Altenburger ist bei genauerer Betrachtung klar: Hier schwingt mit, was gemeinhin über die baden-württembergischen Grünen zu hören ist – eine Art Pragmatismus und kein überstrenges Auslegen typisch grüner Grundsätze. Hier ist nämlich nicht nur ÖPNV zu sehen, sondern auch, wenngleich auch wenig, Individualverkehr.
Dargestellt ist eine klimaneutrale Stadt mit erneuerbarer Energieerzeugung auf Dächern, mit Wärmepumpen und einer quartiersbezogenen Energie-Infrastruktur. Entsiegelte Flächen, offene Wasserläufe – Punkte, die in den anderen Stadtbildern nicht zu sehen waren. Ganz viel öffentlicher Nahverkehr, Gesellschaft und ein Gesundheitskiosk dominiert das von der KI gezeichnete Stadtbild der SPD-Stadt.
Dass es um bezahlbares Wohnen mit genossenschaftlichem Charakter geht, ist anhand großer Häuser auf Anhieb feststellbar. Und in der Linken-Stadt schlägt sich ein „entkommerzialisierter“ Wohnraum und gemeinschaftlich genutzte Grünflächen ohne jeglichen Luxus als Ergebnis der Wahlprogramm-Auswertung nieder.
Die Ausstellung wird für alle Interessierten an diesem Dienstag, 18 Uhr, in der Kanzleigasse 30 in Villingen eröffnet – inklusive Lesung mit Gedichten zur Demokratie von Thomas Weiß. Zu sehen ist die Ausstellung dann bei freiem Eintritt von Montag bis Freitag von 8 bis 18 Uhr noch bis zum 8. März.