Kräftig ins Zeug legten sich jahrelang ehrenamtlich das Künstlerduo Emmerich Györy und Jürgen Palmtag (von links) für die Kulturreihe Kernmacherei. Nach fast zehn Jahren endet sie nun – unter anderem bedingt durch das Coronavirus. Foto: Trenkle Foto: Schwarzwälder Bote

Kultur: Reihe experimenteller Musik wird nicht mehr fortgesetzt / Villingen verliert überregionales Event

"Ohne großes Trara und Täterätätä: Die Kernmacherei stellt ab sofort ihren Betrieb ein! Dank an alle treuen Besucher über die Jahre." Wortkarg, aber dafür deutlich meldet sich der Künstler Jürgen Palmtag zu Wort.

VS-Villingen. Das seit Jahren überregional Aufsehen erregende multimediale Spielfeld für experimentelle Musik und Elektro-Performance gehört damit definitiv der Vergangenheit an.

Für die Doppelstadt geht mit der von den Künstlern Emmerich Györy und Jürgen Palmtag ehrenamtlich konzipierten Kernmacherei eine überregional beachtete und mit wenig Aufwand verbundene Kulturreihe zu Ende. Das Forum für neue und vor allem experimentelle Musik zog inzwischen viele Künstler aus der ganzen Welt an, so dass Villingen-Schwenningen immer mehr in Konzertlisten bekannter Experimentalmusiker zwischen New York, Wien, Hongkong oder Tokio auftauchte. Gestartet wurde es durch den 1951 in Schwenningen geborenen Künstler Jürgen Palmtag mit dem Wunsch, ehrenamtlich etwas zur Bereicherung des lokalen Kulturangebots in Villingen-Schwenningen beizutragen. Im Hinterbühnenraum des Theaters am Ring in Villingen fanden die jeweiligen Veranstaltungen statt.

Musiker aus der Region und weltweit

Eingeladen und gekommen waren seit 2012 Musiker aus der Region ebenso wie aus ganz Deutschland und weltweit, so beispielsweise selbst aus den USA oder Singapur. Das war nicht selbstverständlich für eine akustische Performance-Richtung, welche in ihren Konzerten nicht allzu viele Zuhörer rekrutiert. "Es sollten echte Alternativen zum Mainstream mit Überraschungen, aber auch Störungen sein, die trotzdem sehr unterhaltsam sind", so Jürgen Palmtag vor Jahren zu Inhalten eines neuen Programms.

Fast schon zum Ritual war gegen Ende der jeweils abgelaufenen Saison die Frage geworden, ob es überhaupt eine neue geben wird. Trotz Schwierigkeiten und nur eingeschränkter Unterstützung der Stadt konnte immer wieder ein neues Programm auf die Beine gestellt werden. So auch beim letzten verklungenen Ton der Kernmacherei in der achten Saison 2018/19: Vonseiten der Stadt war noch nicht definitiv entschieden, wie es mit der Reihe weitergeht. Tatsächlich fiel dann die Entscheidung wieder zu Gunsten der Kernmacherei.

Es sollte sie auch in der Saison 2019/20 geben, allerdings nicht ausschließlich im gewohnten Hinterbühnenraum, sondern erstmals auch mit Einbezug der Städtischen Galerie in Schwenningen. Die beiden Organisatoren Jürgen Palmtag und Emmerich Györy zeigen sich damals im Gespräch mit dem Schwarzwälder Boten froh über den mit dem Kulturamt als Veranstalter gefundenen Kompromiss.

Dann allerdings kam das Coronavirus und machte 2020 dem fertig konzipierten Programm samt gedruckten Flyern und Plakaten einen dicken Strich durch die Rechnung. Nur das erste Event am 29. November 2019 konnte in der Städtischen Galerie Schwenningen stattfinden. Träger des Tanz- und Theaterpreises der Stadt Stuttgart und des Landes Baden-Württemberg von 2017 traten dabei spektakulär auf: "Cutouts" zeigten Ausschnitte aus der Performance "In My Room", ein intensives Zusammenspiel von Installation, Tanz und Sound dreier Künstler. Gemeinsam mit dem Freiburger Performance-Künstler Jürgen Oschwald erkundete die Tänzerin und Choreografin Emi Miyoshi neue Formen des Zusammenspiels von Installation und Tanz. "In My Room" widmete sich der tänzerischen und bildhauerischen Erforschung des Raumes – unvorhergesehen ganz unfreiwillig als letztes Event der Kernmacherei. Hingegen der Erforschung des Umgangs mit dem restlichen Programm widmete sich die Zeit des ersten Corona-Lockdowns: Keine einzige der geplanten Veranstaltungen der neunten Saison konnte mehr umgesetzt werden.

"Eine zehnte Saison wird es nicht mehr geben. Schön war es trotzdem", meint Jürgen Palmtag im Gespräch mit dem Schwarzwälder Boten. Die Planung neuer Events bei den derzeitigen Unsicherheiten mache keinen Sinn. Verlässlichkeiten seien bei dem noch immer wütenden Virus keine vorhanden. Künstlern zu- und dann wieder absagen zu müssen, verstöre alle Beteiligten.

Neben dem Coronavirus, den wiederkehrenden Turbulenzen und Unsicherheiten mit dem Kulturamt nennt Palmtag noch einen weiteren triftigen Grund zur Beendigung der Kernmacherei: seinen geplanten Wegzug aus der Region.

Ohne die, durch das Virus notwendigen veranstaltungstechnischen Restriktionen hätte die Kernmacherei-Saison 20/21 trotz des Wegzugs sicherlich noch stattgefunden. Palmtags Künstler-Kollege Emmerich Györy winkt auf die Frage nach einer Fortsetzung der Veranstaltungsreihe unter seiner alleinigen Regie ab.

Hoffnung in jüngere Künstler aus St. Georgen

Jüngere Künstler aus St. Georgen könnten vielleicht einst eine ähnliche Reihe in Villingen-Schwenningen wieder auf die Beine stellen. Gespräche habe er hierüber bereits geführt, so Jürgen Palmtag. Eine unmittelbare Fortsetzung der Kernmacherei in der bisherigen Konzeption werde es aber nicht mehr geben. Auf das via Internet verbreitete Aus der Kernmacherei erhielt das Künstler-Duo Palmtag/Györy bereits ein ansehnliches Feedback des Bedauerns.

Obwohl der Hinterbühnenraum des Theaters am Ring nur selten an den Event-Freitagen voll besetzt war, fand sich ein großes, sehr spezifisches Interesse beim Publikum. Nicht wenige waren viele Kilometer angereist, um in Villingen anspruchsvolle wie auch fantasievolle akustische Performance zu hören. "Man darf es nicht mit Jazz verwechseln", so Palmtag.

"Ich habe am Anfang gedacht, dass da in Villingen ja auch viele Menschen mit Interesse am Jazz vorbeischauen würden." Mit dem seit 1961 bestehenden Jazzclub ist immerhin einer der ältesten deutschen Jazzclubs in Villingen beheimatet. Die musikalischen Interessen überschnitten sich jedoch eher wenig, so Palmtag im Nachhinein.

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