Der Rückbau der vier abgeschalteten Kernkraftwerke im Südwesten schreitet zügig voran – doch der Atommüll wird noch sehr lange im Land bleiben. Die Endlagersuche hat erst begonnen.
Stuttgart - Atomkraft – war da was? Für die meisten Bürger hat das Thema in den vergangenen Jahren stark an Bedeutung verloren, denn in knapp 20 Monaten endet die dann 60-jährige Geschichte der Kernkraft in Deutschlandendgültig. Fast schon anekdotisch mutet da etwa das „meldepflichtige Ereignis“ des Umweltministeriums vor einem Monat an, dass im abgeschalteten Reaktor Obrigheim eine Gruppe von Brandmeldern aus Versehen abgeklemmt worden sei und vier Tage lang nicht funktioniert habe. Aber die Bereiche seien sowieso schon fast leer geräumt gewesen – also alles kaum der Rede wert.
Aber endet die Kernkraftära in Deutschland und Baden-Württemberg wirklich? „Neckarwestheim wird noch auf Jahrzehnte hinaus ein Atomstandort sein“, sagt Franz Wagner vom Bund der Bürgerinitiativen Mittlerer Neckar (BBMN) der Bürgerinitiativen rund um den Atomstandort bei Heilbronn. Das dortige Zwischenlager, das Platz für 151 Behälter mit Brennelementen hat und das derzeit mit 89 belegt ist, hat eine Betriebserlaubnis bis 2046. Selbst der Bund geht nach optimistischer Schätzung davon aus, dass ein Endlager nicht vor 2050 bestückt werden kann.
Bis zu 30 Jahre dauert der Rückbau eines Kernkraftwerkes
Dennoch: Ein gutes Stück Weg ist man bereits gegangen. Vier der fünf Atomkraftwerke in Baden-Württemberg sind abgeschaltet. Obrigheim, das schon 2005, also vor dem Atomausstieg, außer Betrieb genommen worden war, ist am weitesten mit dem Rückbau: Die große Halle, in der früher der Reaktor stand, ist tatsächlich leer und nur noch ein Betontorso. Die Brennelemente wurden per Schiff ins Zwischenlager Neckarwestheim gebracht. Mitte der 20er Jahre könne das Gelände aus der Atomaufsicht entlassen werden, sagt Jörg Michels, Herr über das Atom bei der EnBW, der alle fünf Kraftwerke gehören.
In Philippsburg und Neckarwestheim wird es deutlich später werden – für Rückbau und Abriss muss man pro Reaktor mit 15 bis knapp 30 Jahren rechnen. Allein die Brennelemente müssen drei bis fünf Jahre abklingen. Parallel kann aber vieles schon entfernt werden. Im Block 1 von Philippsburg ist zum Beispiel der Druckbehälter, das Herz des Kernkraftwerkes, schon ausgebaut, ebenso wie die Betonkugel und die Metallhülle darum herum. Auch im Block 1 von Neckarwestheim sind die Brennelemente entfernt, und die drei Dampferzeuger und das Maschinenhaus sind demontiert. Die Logistik mit Reststoffbearbeitungszentrum und Dekontaminationsanlage für schwach radioaktive Teile ist enorm. Die EnBW sieht sich bundesweit gut aufgestellt, und Jörg Michels verspricht: „Innerhalb einer Generation wird alles verschwunden sein.“
Die EnBW schätzt die Kosten auf 7,5 Milliarden Euro
Für den Rückbau der fünf Atomkraftwerke im Südwesten ist die EnBW zuständig, operativ wie finanziell; allerdings müssen der Abbau und jeder einzelne Schritt behördlich genehmigt werden. Insgesamt rechnet Michels mit Kosten von 7,5 Milliarden Euro. Hinzu kommen 4,85 Milliarden Euro, die die EnBW an den Staat überwiesen hat. Dafür übernimmt dieser den Atommüll und ist für Zwischen- und Endlagerung verantwortlich. Ein schönes Geschenk, sagen Atomkraftgegner – mit unkalkulierbaren finanziellen Folgen für den Steuerzahler. Ralf Heineken, der Sprecher des Umweltministeriums, stellt der EnBW für den Rückbau ein sehr gutes Zeugnis aus: „Es gab bislang keine nennenswerten unerwarteten Probleme oder Verzögerungen. Der Rückbau erfolgt mit bewährter Technik und schreitet zügig voran.“
Streit um Grenzwerte beim sogenannten Freimessen
Das sehen Gegner wie Franz Wagner ganz anders. Ein zentraler Kritikpunkt ist für sie das sogenannte Freimessen. Im Prinzip muss jedes Bauteil, bevor es entsorgt wird, auf radioaktive Strahlung hin untersucht werden; nur wenn der Wert unter zehn Mikrosievert liegt, darf es das Gelände verlassen und etwa deponiert werden. In der Realität würden aber viele Teile gar nicht gemessen, kritisiert Wagner. Und grundsätzlich sei dieser Wert viel zu hoch angesetzt – am Ende könne deshalb Radioaktivität über angeblich freigemessene Bauteile durchaus über das Grundwasser in Lebensmittel gelangen, oder ein eingeschmolzenes Metallteil könne im schlimmsten Fall am Ende in einen Kochtopf verwandelt werden.
Auch Fritz Mielert vom BUND sagt: „Die Niedrigstrahlung kann ernsthafte Erkrankungen hervorrufen. Jegliche Strahlung führt zu Schädigungen in den Zellstrukturen.“ Jörg Michels hält das für überzogen: Es gebe in der Umwelt eine natürliche radioaktive Strahlung, die man hinnehmen müsse – Granitfliesen in der Küche strahlten teils stärker als viele Teile aus den Atomkraftwerken.
Mehr als die Hälfte des Stroms muss jetzt importiert werden
Am Ende wird jedenfalls nur ein Prozent der gesamten Baumasse – wir reden etwa bei Neckarwestheim 2 von 811 000 Tonnen – als schwach- und mittelradioaktiver Abfall eingestuft. Er wird gesondert auf dem Gelände von Philippsburg und Neckarwestheim in einem Lager aufbewahrt. Irgendwann soll dieser Müll im Schacht Konrad bei Salzgitter endgelagert werden. „Der Standort hat aber unglaubliche Schwächen und wäre heute gar nicht mehr genehmigungsfähig“, so Wagner. Weitere ein bis drei Prozent der Baumasse kommen auf Deponien, der Löwenanteil wird wiederverwertet, etwa im Straßenbau.
Mitte der 1990er Jahre, als alle fünf Kernkraftwerke im Südwesten Strom lieferten, machte die Atomenergie übrigens bei uns rund 60 Prozent aus. Seit der Abschaltung von Block 2 in Philippsburg Ende 2019 sind es nicht einmal mehr 20 Prozent.
Weitgehend geräusch- und problemlos ist der Ersatz des Atomstroms geglückt. Zum einen konnten die erneuerbaren Energien deutlich ausgebaut werden auf 41,1 Prozent der Bruttostromerzeugung in 2020. Doch muss seither viel mehr Strom importiert werden; 2020 betrug die Importrate aus anderen Bundesländern und aus dem Ausland stolze 56 Prozent. Und das kann dann durchaus wieder Strom aus Atom- oder Kohlekraftwerken sein. „Eine Zuordnung zu erneuerbaren oder fossilen Energieträgern ist nicht möglich“, heißt es lapidar aus dem Umweltministerium.