Der Calwer Oberbürgermeister Florian Kling hat kein eigenes Büro mehr. Seit Beginn der Sommerferien teilt er sich mit den anderen Mitarbeitern des ersten Obergeschosses im Rathaus die Arbeitsplätze. „Hybrider Multispace“ wird das Modell genannt, das in der ganzen Republik auf Interesse stößt.
Ein Baustellenschild empfängt derzeit Besucher des Rathauses, wenn sie das erste Obergeschoss erklimmen. Vor der Wand, hinter der sich einst das Büro des OBs befand, steht eine Gruppe von Schreibtischen. Und wo einst die Persönliche Referentin des OBs ihren Platz hatte, steht jetzt ein Konferenztisch und ein Sofa.
„Wer jetzt einen Termin mit dem OB will, muss mich im Multispace suchen“, schmunzelt Florian Kling. Kein Mitarbeiter – auch nicht er selbst als Stadtoberhaupt – hat mehr einen fest ihm zugewiesenen Platz. Stattdessen besitzt jeder ein „Co-Working-Handtäschchen“, wie Kling es nennt, in dem Headset, Stifte und alles, was man sonst so zum Arbeiten braucht, aufbewahrt sind. Das schnappt man sich am Morgen und geht damit zu einem freien Tisch. Am Abend sind alle Schreibtische vollständig aufgeräumt – sodass die Platzkarten am nächsten Morgen neu gemischt werden.
Noch sind die Arbeiten nicht ganz abgeschlossen
Für besondere Anlässe, wie beispielsweise Konferenzen, Auszeiten oder persönliche Gespräche, gibt es indes spezielle Räume. Einen Kreativraum beispielsweise, in dem perspektivisch auch Legosteine dabei helfen sollen, mal abzuschalten. Schon jetzt findet sich dort der ein oder andere Sitzsack, in den sich David Mogler, der neue Persönliche Referent des OB, demonstrativ plumpsen lässt. Zudem gibt es einen Ruheraum und mehrere Besprechungsräume.
Ganz fertig ist der „Hybride Multispace“ aber noch nicht. Die Holzwände, die die Zimmer vom Foyer trennen, werden herausgerissen und an manchen Stellen durch Glasscheiben ersetzt, damit das mittig gelegene Areal heller erscheint. Als eine Art Raumtrenner werden hängende Pflanzen angebracht. Im November sollen die Arbeiten vollends erledigt sein, kündigt Kling an.
Bisher ist er ganz zufrieden mit der Neuerung. Es mache Spaß, bei den Kollegen zu sitzen, anstatt immer alleine im Büro, sagt der OB. Das erleichtere zudem Abstimmungen und man komme schneller ins Gespräch. „Das ist richtig cool.“ Lediglich seine sieben Sachen beieinander zu behalten, fällt Kling noch schwer, räumt er schmunzelnd ein. Mal lässt er sein Ladegerät hier liegen, das Headset ist noch dort eingesteckt. „Aber da kommt man rein.“
Digitalisierungsminister meldet sich im Rathaus
Da es hierzulande alles andere als selbstverständlich für einen Oberbürgermeister ist, sein Büro zu räumen, ist die Resonanz überwältigend. „Das hat mich umgehauen“, sagt Kling. Er wurde in den vergangenen Wochen von Verwaltungsbehörden, von Gemeinderäten anderer Städte, von Journalisten, Politikern und anderen (Ober-)Bürgermeistern kontaktiert. Alle wollten wissen, wie das mit dem „Hybriden Multispace“ funktioniert – damit sie es vielleicht nachmachen können. Ein Student der Verwaltungshochschule wird gar darüber seine Masterarbeit schreiben, so Kling. Ein anderer wird mit dem Calwer OB ein Interview für seine Bachelorarbeit führen. Und heuer meldet sich Schleswig-Holsteins Digitalisierungsminister Dirk Schrödter (CDU) in Calw. „Das zeigt, dass Interesse besteht“, freut sich Kling. Viele seien positiv überrascht von dem Vorgehen der Calwer Verwaltung.
Auch deren Mitarbeiter sind interessiert – müssen sich aber teils noch an die neue Situation gewöhnen.
Im ersten Schritt wird nur das erste Stockwerk umgebaut, nach und nach könnten weitere folgen. Wenn sie denn wollen. Das könne jedes Team selbst entscheiden, erklärt Kling. Voraussetzung neben dem guten Wille ist aber auch, dass die betreffende Abteilung papierlos arbeitet. Sonst funktioniert das mit dem „hybriden Multispace“ nicht.