Tim Brachtel auf der Bahn des TSV Denkendorf. Dort wurde der Kegelweltmeister groß. Foto: Baumann/Julia Rahn

Der 24-jährige Tim Brachtel aus Albershausen ist Weltmeister – und doch kaum bekannt. Zeit, das zu ändern. Porträt eines Besessenen.

Es gibt wohl kaum eine Sportart auf der Welt, die älter sein dürfte und ein noch größeres Schattendasein fristet als Kegeln. Erste verbriefte Aufzeichnungen von Vorläufern des heutigen Präzisionssports datieren aus dem Alten Ägypten. Man fand Teile eines Kinderkegelspiels aus der Zeit um 3500 vor unserer Zeitrechnung und Wandreliefs in Grabstätten, die Spielszenen darstellen. Als Urform des heutigen Kegelns werden gar die noch älteren Zielwurfspiele germanischer Stämme vermutet, bei denen mit Steinen auf Knochen geworfen wurde.

 

Zu Zeiten des deutschen Nachkriegs-Wirtschaftswunders war Kegeln absoluter Volkssport, noch vor dem heute omnipräsenten König Fußball. Groß und Klein jeden Geschlechts und Alters kegelten mit Inbrunst. Kaum eine Gaststätte, die etwas auf sich hielt, konnte auf die Kegelbahn im Keller verzichten. In den 1980er Jahren gründete sich dann ein überregionaler Verband, es gab ein einheitliches Regelwerk, der sportliche Gedanke rückte mehr und mehr in den Vordergrund. Kegeln war auf dem Zenit angekommen.

Kegeln fristet ein Schattendasein

Und heute? Fristet die Sportart ein Schattendasein. Kämpfen die Klubs um Nachwuchs. Verlieren sich ein paar Dutzend Menschen in wackeligen Youtube-Streams und stundenlangen Wettkämpfen, die kein Ende finden wollen. Die große Show (und den Reibach) im TV machen andere Kneipensportarten wie Darts. Und die vielen Kegelbahnen in den Wirtshauskellern sind längst herausgerissen oder rotten vor sich hin.

Das alles weiß natürlich auch der 24-jährige Kegelweltmeister Tim Brachtel aus Albershausen. „Wir haben tatsächlich ein Image-Thema“, sagt er. „Wir haben Schwierigkeiten, Nachwuchs für unseren Sport zu gewinnen. Jugendliche zu begeistern. Wenn man nicht, wie ich, früh damit in Berührung kommt, findet man nur schwer zum Kegeln.“

Eine feste Größe in der Weltspitze

Brachtel lag schon als Kleinkind in der Maxi-Cosi-Babyschale neben der Bohlenbahn des TSV Denkendorf, während sein Vater Martin alle Neune abräumte. „Ich hatte gar keine andere Wahl. Mir wurde es in die Wiege gelegt“, meint Brachtel achselzuckend und lächelt. Seit rund 25 Jahren existiert die Kegelabteilung des TSV, ein gutes Dutzend der bisherigen Klubmeisterschaften gewann Vater Brachtel. Und Sohn Tim kegelt fast schon so lange, wie es die Denkendorfer Kegler überhaupt gibt.

Der Bankkaufmann ist nicht nur amtierender Weltmeister in seiner Sportart, sondern ein wahrlich vom Kegelsport Besessener. Angeleitet und trainiert vom Vater stand er vor der Bahn, sobald er eine Kugel halten konnte. „Ihm verdanke ich sehr viel. Er hat mich konsequent gecoacht. Das konnte ich gut umsetzen“, erzählt der Sohn. „Mir war nie klar, dass es einmal so weit nach oben gehen könnte, dass ich in die Weltspitze kommen kann.“ Dort ist Tim Brachtel mittlerweile eine feste Größe. Um so weit zu kommen, war harte Arbeit nötig. Bei ihm kamen zwei Dinge zusammen: die Faszination für den Sport – und eine schwere Kindheit.

Vom Außenseiter zum Weltmeister – der Weg von Tim Brachtel

„Ich war als Kind ein Außenseiter. Habe nie groß Anschluss gefunden in der Schule, wurde ausgegrenzt, gemobbt, war aber auch sozial wirklich inkompetent“, sagt er. Schon früh sei er sich darüber bewusst gewesen, in welcher Lage er sich befand. Er zog sich zurück und begann, sich intensiv mit sich selbst auseinanderzusetzen, geradezu „einen Krieg“ gegen sich zu führen, wie er sagt. „Das beschreibt es ganz gut.“

Die Routine und die Präzision, die es für den Kegelsport brauche, sei bei ihm weniger aus Motivation entstanden. „Mein Treiber war Angst.“ Die Angst davor, für immer ein Außenseiter zu bleiben, auf den sich alle in der Schule als Opfer einigen konnten. Dass er heute so frei über diese Zeit sprechen kann, hat sich Tim Brachtel selbst erarbeitet. „Ich habe das alles gut aufgearbeitet“, sagt er im Rückblick. Er besorgte sich Fachliteratur, belegte Psychologie als Leistungskurs in der Schule. Auf fremde Hilfe, etwa durch eine Therapie, verzichtete er.

Brachtel wurde beim TSV Denkendorf groß. Foto: Baumann/Julia Rahn

„Was mir blieb war das Kegeln. Dort konnte ich mir Bestätigung herausziehen“, erzählt Brachtel. Und nach jedem Erfolgserlebnis investierte er noch mehr in seinen Sport. „Ich habe trainiert, immer wieder trainiert. Unglaublich viel und noch viel mehr.“ Heute werde er schon unruhig, wenn er sein normales Pensum von vier, fünf Trainingseinheiten in der Woche nicht halte. „Und immer noch treibt mich die Angst an – nach dem Motto: Trainiere ich nicht genug, bin ich auch nicht gut genug, um mitzuspielen.“

Deutschland ist weltweit führend beim Kegeln

Für Tim Brachtel ein Los, dass er bereitwillig trägt. „Es gibt keinen Ruhm ohne Aufopferung“, sagt er. Er ist sich sicher, nicht der einzige Leistungssportler zu sein, dem es so geht. Brachtel will auch aufzeigen, dass Spitzensport eben nicht nur eine Sonnenseite hat. „Es gibt auch diese andere Seite. Diese Stunden im Training, in denen nichts funktioniert. Man aufgeben will. Aber trotzdem weiter macht, weil man es einfach muss.“

Trotz des Niedergangs des Kegelns, bezogen auf seine Bedeutung als Breitensport, ist Deutschland weltweit führend, andere Nationen können kaum mit der deutschen Qualität der Sportler mithalten. Lediglich in Österreich, Serbien und Kroatien wird ein gewisses Niveau geboten, vereinzelt noch in Slowenien und Tschechien.

Tim Brachtel gehört zur Weltspitze, spielt aber nicht mehr für Denkendorf. Die Mannschaft des TSV steht zwar aktuell an der Spitze der 2. Bundesliga und hat gute Chancen auf den Aufstieg, doch Brachtel ist dem Verein längst entwachsen, er startet für den SKV Rot Weiß Zerbst. Der Verein der Kleinstadt in der Nähe von Magdeburg gilt als der FC Bayern München des deutschen Kegelns, der Spitzenklub überhaupt. Ein Großteil der besten deutschen Kegler und auch die besten Trainer sind für den Klub aktiv.

Damit er für die Zerbster antreten kann, nimmt Tim Brachtel einiges auf sich: neben den vier bis fünf Stunden langen Trainingseinheiten in Denkendorf vor allem viele Kilometer. Gute 500 sind es von Albershausen nach Zerbst. Die Strecke steht so gut wie jeden Samstag an. Brachtels Wettkampfsaison ist nicht gerade kurz. 18 Saisonspiele umfasst die Bundesliga, dazu können im Idealfall sechs Partien in der Champions League, drei im Weltpokal und fünf nationale Pokalspiele kommen. Und dann sind ja noch die Nationalmannschafts-Einsätze, denn auch für die deutsche Auswahl steht Brachtel an der Bahn. Viel Zeit für weitere Hobbys oder eine Beziehung bleibt da nicht. Dafür umso mehr Stunden auf der Autobahn, die man für Ferncoachings mit den Trainern oder zur Selbstreflexion nutzen kann.

Tim Brachtel investiert in viel in seinen Sport. In der Regel alleine rund zehn Stunden Training in der Woche. Foto: Baumann/Julia Rahn

Um eine Sache macht er sich lieber gar keine Gedanken: Wie man vom Kegeln leben könnte, wenn man es als Leistungssport betreibt und zur Weltspitze gehört. Zwar gibt es ein paar Sponsoren und es fließt auch Geld in bescheidenem Maße. Aber nicht genug, um davon seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können. „Wenn am Ende der Saison ein wenig übrig bleibt, ist das eher die Ausnahme“, umschreibt Tim Brachtel sein Los, das er mit vielen Athleten anderer, mitunter sogar olympischen Sportarten teilt, die nicht groß im Fokus der Öffentlichkeit stehen.

Wie Tim Brachtel das Kegeln verändern möchte

Damit das nicht so bleibt, müssen Veränderungen her, die der Weltklasse-Mann mit anstoßen möchte. „Wir haben ein stinklangweiliges System“, sagt Tim Brachtel. „Dazu eine hohe Leistungsdifferenz in der Bundesliga. Viele Spiele sind bereits früh entschieden, werden dann aber noch stundenlang zu Ende gespielt“, beschreibt er die aktuelle Situation und wirft eine Frage in den Raum, deren Antwort er kennt, aber unausgesprochen lässt: „Wer guckt sich denn bitte viereinhalb Stunden Kegeln an?“

Tim Brachtel hat sich, wie es seine Art ist, schon seine Gedanken gemacht über Lösungsansätze, die es aus seiner Sicht zu diskutieren gilt im DKB, dem deutschen Bowling- und Kegelverbund. „Wir brauchen kürzere Distanzen. Schnellere Entscheidungen. Vielleicht ein dynamisches Leg-System wie beim Darts oder im Tischtennis“, so Brachtel, der auch sogenannte „Best-Of-Regeln“ ins Spiel bringt: „Wenn ein Spiel entschieden ist, muss es auch beendet sein.“

Ob seine Worte Gehör finden und die Szene ein offenes Ohr für die Veränderungsvorschläge des Weltmeisters hat? Sicher ist, dass der Sport verändert werden muss, wenn er wieder zu alter Größe finden möchte. Schließlich kann man nicht davon ausgehen, dass regelmäßig Säuglinge in der Babyschale neben Kegelbahnen liegen, um sich dann Jahre später in die Weltspitze aufzumachen.