Es hat etwas von Asterix und Obelix, das ESV-Kegelheim ist irgendwie eine Trutzburg. „Wir machen es anders“, glaubt Torsten Böhm fest an die Zukunft des Ex-Volkssports in VS.
In der Gaststätte des Eisbahner-Sportvereins herrscht an diesem Vormittag noch Ruhe. Wirt Anastassios Daoultis kümmert sich um die Vorbereitung von Mittagstisch und Abendkarte. Auch das „ESV-Spezial Gyros in Metaxasauce“ kann dann an der Güterbahnhofstraße 15b bestellt werden. „Es ist extrem lecker hier“, schwärmt Torsten Böhm vom kulinarischen Angebot.
250 000 Euro
Doch wir sind nicht wegen der „herzhaften Schnitzel“ oder den „authentischen griechischen Spezialitäten“ gekommen, sondern zusammen mit dem Vorsitzenden des ESV Villingen geht es in den „Nebenraum“. Dort sind sie – die vier fast nagelneuen Kegelbahnen der Eisenbahner. In Zeiten, in denen oft vom Aussterben der Sportart berichtet wird, haben die Villinger mächtig investiert – genauer 250 000 Euro. „Darauf sind wir stolz. Wir danken aber auch der Stadt VS und dem Badischen Sportbund für die Unterstützung“, betont Torsten Böhm.
Hochhauscafé und Wüba
Dass die Villinger in diesen wirtschaftlich nicht gerade einfachen Zeiten eine Viertelmillion Euro in die Hand nahmen, dies liegt auch an Kassierer Rolf Blum. Der knapp 83-Jährige kegelt seit 1968 hobbymäßig in Villingen-Schwenningen, hat also auch die Hochzeiten der Sportart im letzten Jahrtausend miterlebt. „Ich kannte ja fast alle Bahnen hier“, blickt Rolf Blum auf unvergessliche Erlebnisse in der Holzkiste, der Wüba, im Tenniscenter oder im Hochhauscafé zurück. Der „Acker“ auf der Bertholdshöhe bleibt auch nicht unerwähnt.
„Es gab damals viel mehr Kegelbahnen, und diese waren oft ausgelastet. Das Durchschnittsalter ist heute viel höher. Auch bei uns. Es kommen ja Sportkegler immer wieder nach, doch dies ist bei den Hobbykeglern nicht so“, macht sich Blum große Sorgen um die Zukunft der Präzisionssportart. Heute sei eben auch das (Sport-)Angebot viel größer. „Und die Leute wollen sich nicht an Termine binden, sind spontaner“, denkt der langjährige Kassierer.
Große Investitionen
Dies kann Torsten Böhm unterschreiben. „Auch deshalb haben wir zuletzt so viel in die Anlage und die Gaststätte investiert“, wurden die vier Bahnen nicht nur 2023 auf den neuesten Stand der Technik gebracht, sondern auch die sanitären Anlagen und die Küche der Gaststätte wurden generalüberholt und erweitert. Der ESV möchte durch die baulichen Maßnahmen vor allem dem (raren) Nachwuchs die bestmöglichen Rahmenbedingungen bieten.
„Jammern bringt uns nicht weiter. Wir müssen anpacken, das Bestmögliche auch der Jugend zur Verfügung stellen“, machen sich Böhm und Co. viele Gedanken, wie sie die Bahnbelegung weiter erhöhen können.
Die Gaststätte
Ein ganz wichtiger Faktor sei die Gaststätte. „Auch dank dem neuen und sehr guten Wirt ist eine ganz andere Auslastung da. Das Konzept funktioniert“, spricht der Vorsitzende von einer erfolgreichen Symbiose zwischen Verein und Restaurant. „Das ist eine Win-Win-Situation. Wenn es dem Wirt gut geht, geht es uns gut. Wenn es uns gut geht, geht es dem Wirt gut“, betont Böhm und nippt an einem Wasser.
Deutsche Bahn und Brand
Rolf Blum hat sich für einen Kaffee entschieden. Der 82-Jährige macht sich trotz aller Erfolge und Anstrengungen Sorgen um die Zukunft des Kegelns nicht nur in VS. „Jetzt haben wir etwa 145 Mitglieder. Und diese sind im Schnitt eben sehr alt. Früher war es über 200 – und die waren eben jünger“, gibt Rolf Blum zu bedenken.
„Alleine in Villingen gab es rund 30 Bahnen. Heute stehen die letzten vier Bahnen bei uns“, dreht sich Torsten Böhm um und zeigt auf die blitzblanke Sportstätte des ESV Villingen.
Die Eisenbahner kauften übrigens das Gelände bereits im Jahr 2001 der Deutschen Bahn ab. „Das war eine ganz wichtige und richtige Entscheidung“, betont Rolf Blum. Auch vom Brand im Kegelheim im Jahr 2015 (Böhm: „Der Spielbetrieb ging schon rund vier Monate später normal“) und von der Pandemie ließen sich die Villinger nicht beirren.
Der Nachwuchs
Wie viele andere Kegelvereine haben die Eisenbahner zu wenig Nachwuchs. „Wir haben eine Jugendabteilung“, sei es aber sehr schwierig, die Talente „sportart-unabhängig“ an einen Verein zu binden. „Freitags gibt es bei uns immer ab 14.30 Uhr ein Training für den Nachwuchs“, hofft Torsten Böhm, dass mehr Kids und Jugendliche einmal dann in der Güterbahnhofstraße 15b vorbeischauen.
Kegeln im Jahr 2035
Und wie steht es um das Kegeln in zehn Jahren? Rolf Blum ist sich sicher: „Viele Hobbyclubs werden wegen Überalterung wegbrechen. „Auch beim Sportkegeln wird es deshalb weniger Mannschaften geben“, vermutet Torsten Böhm.
Der Vorsitzende gibt sich kämpferisch: „Wir als ESV werden aber alles daran setzen, dem etwas entgegenzuwirken. Aber in der Nachwuchsgewinnung muss insgesamt etwas passieren. Wir werden alles dafür machen, dass die Jungs und Mädels beim ESV die besten Rahmenbedingungen haben.“
Meisterparty?
Davon können sich Interessierte aller Altersklassen wieder am Samstag, 13. Dezember (12.30 Uhr), im ESV-Kegelheim überzeugen. Dann steht das Heimspiel des Verbandsliga-Spitzenreiters gegen den SKC Nordrach an. „Wir haben ja lange in der 2. Bundesliga gespielt. Wichtiger war aber stets die Gemeinschaft, die Zeit, die man miteinander verbringt“, betont der Vorsitzende. Das klare sportliche Ziel sei dennoch, dass in der Güterbahnhofstraße 15b am Ende der Runde gemeinsam der Aufstieg gefeiert wird. In diesem Fall wird wohl die „ESV-Spezialpfanne Scampi“ auf dem einen oder anderen Teller landen. Auch Asterix und Obelix beenden ihre Abenteuer ja stets mit einem Festmahl in ihrem unbeugsamen gallischen Dorf. „Wir sind eben auch etwas anders“, sagt Torsten Böhm und lacht.