Pro Familia fordert: In jedem Landkreis muss ein Schwangerschaftsabbruch möglich sein. Wie es damit in den Kreisen Calw, Zollernalb, Schwarzwald-Baar, Rottweil, Freudenstadt und in der Ortenau aussieht.
Eine ungeplante Schwangerschaft oder damit einhergehende, gesundheitliche Risiken für die Mutter – das Gesetz erlaubt Frauen in Deutschland eine Abtreibung. Doch das ist in der Praxis gar nicht so einfach: Denn einen Arzt zu finden, der den Abbruch vornimmt, ist alles andere als einfach – auch in der Region.
Die Organisation „pro familia“ fordert daher, in jedem Landkreis mindestens ein Angebot zu schaffen. Denn das ist längst nicht die Regel.
Zwar führt die Bundesärztekammer (BÄK) mittlerweile eine Liste von Praxen und Kliniken, in denen Abtreibungen möglich sind, allerdings müssen sich die Praxen dort nicht eintragen lassen. Pro Familia hat deshalb im November eine eigene Karte erstellt. Jedoch: Praxen, die es demnach geben sollte, sind wiederum nicht bei der BÄK verzeichnet. Die Praxen veröffentlichen die Leistung zudem nicht alle auf ihrer eigenen Website.
Praxen nicht vorhanden oder nicht gelistet
Im Schwarzwald-Baar-Kreis gibt es laut der Karte von Pro Familia zwei Praxen, keine steht in der Liste der BÄK. In der Ortenau sind es laut Pro Familia drei: in der BÄK-Liste geführt wird nur eine, die veröffentlicht die Leistung nicht auf ihrer Website. Grundsätzlich gebe es in der Ortenau auch „nur“ medikamentöse Abbrüche, verzeichnet Pro Familia. Im Kreis Calw bietet laut BÄK lediglich eine Praxis Abbrüche an, und auch hier „nur“ medikamentös. Gelistet wird diese Leistung auf der eigenen Website nicht.
Beim medikamentösen Abbruch wird ein Schwangerschaftshormon blockiert, wodurch es schließlich zu Abbruchblutungen, ähnlich wie bei einer Fehlgeburt, kommt. Diese Methode ist allerdings „nur“ in 96 bis 98 Prozent der Fälle erfolgreich, schreibt Pro Familia in einer Infobroschüre. Außerdem ist dies nur zu Anfang der Schwangerschaft möglich. Bei einer Operation wird der Fötus hingegen abgesaugt und die Gebärmutter ausgeschabt. Dieser Eingriff ist nahezu immer erfolgreich.
Relativ gut aufgestellt ist der Zollernalbkreis: Schwangere können laut Pro Familia zwei Praxen und die Klinik aufsuchen. Allerdings auch hier: Nur eine Praxis steht in der BÄK-Liste.
Die Kreise Freudenstadt und Rottweil sind zwei der elf Landkreise in Baden-Württemberg, die gar kein Angebot haben.
Das bedeutet wiederum Unsicherheit für Schwangere: Bietet die Praxis die Leistung wirklich an? Bietet sie sie noch an? Pro Familia schränkt außerdem ein: Die Karte könnte unvollständig sein. Welcher Arzt im Landkreis die Leistung anbietet, wird in der Karte außerdem nicht angezeigt.
Frauenarzt-Versorgung ist eigentlich gut
Was die Frauenarzt-Versorgung betrifft, ist laut der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) keiner der Landkreise unterversorgt. Die KVBW legt fest, wie viele Ärzte sich in einem Gebiet ansiedeln dürfen. Lediglich im Kreis Rottweil dürfte noch eine neue Frauenarztpraxis eröffnen.
Warum es so wenige Ärzte für Abtreibungen gibt
Wie kommt es dann dazu, dass Schwangerschaftsabbrüche kaum möglich sind?
Laut Gudrun Christ, Geschäftsführerin der Pro Familia Baden-Württemberg, gibt es verschiedene Gründe.
Grund 1: Ärzte gehen in den Ruhestand und der Nachfolger nimmt keine Abbrüche vor. Kein Arzt ist verpflichtet, an Abtreibungen mitzuwirken oder zu lernen, diese vorzunehmen.
Grund 2: Abtreibungen sind im Strafrecht geregelt. Legal sind sie nicht, sie bleiben lediglich unter bestimmten Bedingungen straffrei. Das bedeutet: Ärzte finden sich bei Schwangerschaftsabbrüchen schnell in einem rechtlichen Graubereich wieder.
Grund 3: Schwangerschaftsabbrüche sind ein gesellschaftliches Tabu-Thema. Auch Abtreibungsgegner, die vor Praxen und Beratungsstellen demonstrieren und Mitarbeiter und Patientinnen belästigen, seien ein Grund, berichtet Christ. Das möchte nicht jeder Arzt haben.
Erst Anfang Juli hat der Bundestag beschlossen, dass die „Gehsteigbelästigung“ von Schwangeren auf dem Weg in die Praxen und zu Beratungsstellen bestraft werden kann.
Lange Fahrtzeiten gleich zusätzliche Belastung
Für Frauen bedeutet das: Sie müssen teils weite Wege in Kauf nehmen. Als „angemessen“ gelte 40 Minuten Fahrtzeit, erklären die Forscher der „Elsa-Studie“, die erforscht hat, wie gut oder schlecht die Versorgung bei Abtreibungen ist.
Lange Fahrtzeiten bedeuten jedoch eine zusätzliche Belastung, erklärt Gudrun Christ von Pro Familia. „Die Mehrzahl der Frauen, die Abbrüche vornehmen lassen, haben bereits Kinder, daher stellt sich die Frage nach der Organisation der Kinderbetreuung. Auch muss gegebenenfalls eine Person einbezogen werden, die fährt. Viele wollen aber nicht darüber in ihrem Umfeld sprechen.“