Jeder kann einen Beitrag zum Vogelschutz leisten. Foto: Kathy_Büscher/pixabay

Die Zahlen sind alarmierend: Das Artensterben der Vögel nimmt dramatische Ausmaße an. Unsere Redaktion hat beim Naturschutzbund nachgefragt, woran das liegt und was man dagegen tun kann – abgesehen vom "Katzen-Hausarrest".

Rottweil - Wer freut sich nicht, wenn eine seltene Vogelart in den Garten geflattert kommt. Aber auch Katzen freuen sich im Frühjahr besonders darüber – denn Jungvögel sind ein gefundenes Fressen. Zuletzt sorgte der Fall Walldorf für Aufregung: Katzen sollen über die Sommermonate eingesperrt werden, um eine bedrohte Vogelart, die Haubenlerche, zu schützen. Wir haben mit Bernd Franz vom Naturschutzbund (Nabu) Rottweil und Umgebung darüber gesprochen, ob dieser Katzenarrest die richtige Lösung ist und wie man Vögel schützen kann.

 

Herr Franz, Sie sind seit 40 Jahren beim Nabu und seit 40 Jahren Vorstand in Rottweil – also ein echter Vogelexperte. Aktuell sind sehr viele Vogelarten bedroht. Worauf führen Sie diese Entwicklung zurück?

Das hat vielfältige Ursachen. Das größte Problem haben Offenlandarten, also Bewohner, die auf dem offenen Land brüten und nicht im Wald. Der Bestand des Rebhuhns oder des Kiebitz hat um 80 bis 90 Prozent abgenommen. In Rottweil ist das Braunkehlchen sehr bedroht.

Auch der Insektenmangel spielt eine große Rolle, Vögel haben weniger Nahrung und können ihre Jungen nicht mehr füttern. Die Insektenmenge ist in den vergangenen Jahren um 80 Prozent eingebrochen. Aber auch die Umstrukturierung der Landwirtschaft ist ein entscheidender Faktor. Heuwiesen werden vier bis fünf Mal im Jahr gemäht, manchmal schon Anfang Mai. Dadurch verlieren Vögel ihre Deckung und verirren sich. Oft fallen sie dann Fressfeinden zum Opfer.

Also kann man sagen, dass die Fressfeinde schuld sind an dem Artensterben?

Das kann man so nicht sagen. Natürlich nutzen Fressfeinde das aus, aber sie sind nicht die Ursache und nicht schuld daran. Sonst könnte man im Umkehrschluss sagen, wenn die Fressfeinde abgeschossen werden, ist das Problem mit dem Artensterben gelöst, aber so einfach ist das nicht.

In manchen Gebieten ist die Katze ein Problem

Zuletzt stand der Fall Walldorf im Fokus der Öffentlichkeit. Katzen dürfen das Haus in den Sommermonaten nicht mehr verlassen, um die Haubenlerche zu schützen. Was halten Sie davon?

Gut, in solchen Gebieten wie Walldorf ist die Katze schon ein Problem. Dabei handelt es sich aber nicht um die einzelne Hauskatze, sondern die große Menge.

Nicht nur Vögel werden von der Katze gefressen, sondern auch Reptilien, Eidechsen und Schlangen. Ich habe auch schon gesehen, dass sie Schmetterlinge fressen. Katzen fangen also alles, was sie kriegen können – Bodenbrüter sind dadurch in Gefahr, wie in Walldorf die Haubenlerche.

Wie viele Vögel, denken Sie, fängt eine Katze in ihrem Leben?

So pauschal kann man das nicht sagen. Das hängt vermutlich vom Geschick und der Veranlagung ab. Manche Katzen bringen regelmäßig Vögel, andere machen das nicht, das ist individuell. Natürlich ist ein gewisser Verlust bei Vögeln vorprogrammiert, allerdings ist momentan die Gesamtkonstellation das Problem: Der Verlust wird nicht mehr ausgeglichen. Deswegen rennt man teilweise einzelnen Vögeln hinterher, denn wenn nur ein bis zwei Paare da sind, wiegt der einzelne Verlust katastrophal, so wie es in Walldorf ist.

Rebhuhn in Rottweil ausgestorben

Trotz größter Bemühungen ist in Rottweil das Rebhuhn ausgestorben, einzelne Vorkommen gibt es noch in Rottenburg und Tübingen. Dort wurden extreme Schutzbemühungen getroffen. In so einem Fall ist es katastrophal, wenn dies durch Katzen wieder zunichte gemacht wird.

Würden Sie dann den Katzenhaltern in Rottweil empfehlen, ihre Katzen über die Sommermonate im Haus zu behalten, um Vögel zu schützen?

In bestimmten Gebieten, insbesondere Naturschutzgebieten, schon. In Rottweil ist das der Linsenbergweiher, dort brüten viele Vögel am Boden. Aber in dieser Gegend sind streunende Katzen kein Problem. Generell sollte das Einsperren die letzte Maßnahme sein und nur getroffen werden, wenn besondere Schutzgüter in Gefahr sind. Da gibt es aber einen Konflikt, weil es ist klar: Ein Tier einzusperren ist auch nicht toll.

Und welche Maßnahmen sollten aus Ihrer Sicht getroffen werden, um Vögel zu schützen?

In der freien Landschaft sollte man nicht zu früh mähen. Auch die Dünnung spielt eine Rolle, Stickstoffdioxid ist für manche Arten sehr schädlich. Wichtig wäre es, Grünstreifen anzulegen, damit nicht alle Flächen abgemäht werden. Auch stufenweises Mähen würde helfen.

Hat man als Einzelperson die Möglichkeit, sich für die Vögel einzusetzen? Wie kann man etwas beitragen?

Zunächst kann man im eigenen Garten viel machen und zum Beispiel heimische und regionale Pflanzen anbauen, die insektenfreundlich sind, wie Bauerngartenpflanzen, dazu gehört Salbei, der Natternkopf oder die Königskerze. Auch Nistkästen würden Vögeln einen positiven Effekt bringen, da es für sie immer schwerer wird, einen geeigneten Ort zum Brüten zu finden. Damit Insekten überleben, kann man beispielsweise Kies- oder einen Sandhaufen anlegen. Schottergärten sind weder für Vögel, noch für Insekten gut.

Auch beim Einkaufen kann etwas getan werden

Sein Einkaufsverhalten kann man für den Vogelschutz ebenfalls überdenken. Es hilft, regionale und biologische Produkte zu kaufen. Jetzt ist gerade die Zeit, in der junge Vögel das Nest verlassen. Dazu möchte ich erwähnen, dass manche Menschen jungen Vögel finden, die am Boden sitzen und nach ihren Eltern rufen. Sie denken dann, dass die Vögel verlassen sind und werden aktiv. Aber das ist im Normalfall nicht so – die Vögel werden sehr wohl versorgt. Wenn man einen jungen Vogel findet, sollte man auf die Eltern warten, bevor man es aufsammelt. Zudem sollte man überprüfen, ob der Flügel herunterhängt, in so einem Fall wäre das Tier verletzt. Wenn man das Tier vor Fressfeinden schützen möchte, kann man es auf einen erhöhten Busch setzen. Klar wird der ein oder andere Jungvogel erwischt, aber das ist normal.

Verlassene Vögel sind die Ausnahme. Wenn Menschen uns diese bringen, müssen sie mit der Hand aufgezogen werden. Das ist sehr schwierig, weil die Tiere dann vom Menschen geprägt sind. Es wird dann auch schwieriger, diese Tiere wieder in die Wildnis zu integrieren.